Gulden war , welche er dem Hansjörg , seinem Stellvertreter , zu zahlen hatte , wußte wohl jeder , der den Stighans auch nur ein wenig kennen gelernt hatte . Geizig war er nicht , und seine Sparsamkeit im Kleinen mußte man ihm für Ordnungsliebe auslegen , wenn man seine Freigebigkeit im Großen sah . Freilich , er hatte es , denn er war , obwohl es dem in schlechten Kleidern gleichgültig Daherwatschelnden kein Mensch angesehen hätte , bei weitem der reichste Bauer in der ganzen Gegend . Außer dem Stighof , von dem seine Familie den Namen hatte , und vielen Kapitalbriefen gehörte ihm auch das stattliche Anwesen in Argenau , einem der vielen Weiler des Dorfes , die zusammen die Gemeinde Au bilden , und das schlechte Häuschen mit dem Gut am Argenstein , zu dem er jetzt noch immer so scheu hinüberschielte , während er mit seinem ehemaligen Schulfreunde langsam und schweigend auf dem seit lange zum erstenmal wieder trockenen Platze neben der Kirche hart am Fuße des Fluhfelsens dahinschritt . Erschrocken standen beide still , als sie , plötzlich durch das dumpfe Geräusch der Schritte in ihren Gedanken unterbrochen , auf der gedeckten Brücke sich befanden , welche rechts über die Ach zu den an der Arge liegenden Weilern Argenfall , Argenzipfel und Argenau , dem sogenannten Herrendorfe , führt . Hans war ordentlich froh , daß Jos sich auf einen Balken der Seitenwand setzte , indem er sagte : » Da ist ' s recht schön und ein gehöriges Durcheinander in den Wasserwirbeln unten . In dem Lärmen und Tosen ist mir immer am wohlsten . « » Mir ist ' s schon auch recht , daß ich etwas höre « , sagte Hans leise , indem er seinen silberbeschlagenen Tabakkübel aus der Tasche zog . » Da wollen wir eine Weile sitzen und eins plaudern , lauter , als das Wasser tost . « Aber so ein lautes , frohes Gespräch , das alles übertönt und vergessen macht , läßt sich nicht so mir nichts , dir nichts befehlen . Beide wollten unterhalten oder vielmehr unterhalten werden , und doch saßen sie wieder schweigend da , während Hans seinen wohlbeschlagenen Maserkopf aus der mit lieblich duftenden Blättern bis zum Platzen gefüllten Schweinsblase füllte , die Dorothea ihm mit seidenen Bändern hübsch eingefaßt hatte . Jetzt schlug Hans Feuer , und als der von seinem Stein aufzuckende Blitz die mächtigen Balken der sonst vom Dache beschatteten Brücke beleuchtete , dachte er an den armen Hansjörg , der seinetwegen über so manchen Gewehrblitz erschrecken mußte ; Jos aber beneidete den Meister , der durch diese Brücke das Dorf verband und ganzen Geschlechtern ein Wohltäter wurde . Dann schauten beide durch eine in der Brückenwand gelassene Öffnung hinab auf die tosend hinausstürzende Ach . Hans erblickte nun auch wieder die schneeweißen Eierschalen neben sich auf einem Balken und sagte lachend : » Merkwürdig , wie man doch bei allem Ernste noch ein Kind ist und am Kindischen seine größte Freude haben kann ! « » Und warum auch nicht ? « fragte Jos . » Ist einem doch als Kind weitaus am wohlsten ! Ich wollte fast , daß ich mein Lebtag ein Kind hätte bleiben können . « » Ich doch nicht « , versetzte Hans schnell . » Glücklich « , fügte er dann sinnend bei , » recht glücklich sind wir da freilich gewesen . « » O gewiß « , fiel Jos , dem das » wir « noch besonders wohlgetan hatte , herzlich ein und begann dann zu schildern , wie wohl ihm damals gewesen , wenn auch ihn , den Jungen der unbeliebten Schnepfauerin , nur höchst selten ein Auge freundlich angeblickt habe . Auch Hans erinnerte sich lachend manches lustigen , tollen Streiches , den sie damals mitsammen machten . Der gutmütige , nur etwas unbeholfene Bursche konnte das lebhafte , zu allem aufgelegte Jösle unter den Kindern der Nachbarschaft weitaus am besten leiden , weil es ihm gewöhnlich auch die lästigen Schulaufgaben machte und überhaupt aus vielen Verlegenheiten half . Hansens Vater fand das ganz in der Ordnung . Dafür ja , meinte er , sei man eben reich , daß man andere gleich einspannen könne , wo man nicht gern selbst ziehe . Die Stigerin war auch nicht gegen das Einspannen , doch sie wehrte Hansen den vertrauten Umgang mit einem Menschen , dessen Dasein nach ihrer Ansicht in den Augen Gottes und aller guten Menschen ein Greuel sein mußte . Die arme Schnepfauerin , die die vom Söhnchen verdienten Kreuzer des reichen Nachbarn recht grausam nötig gebraucht hätte , kam auf den Gedanken , ihr Jösle sei der Stigerin zu arm ; doch daß sie damit nicht das Richtige getroffen hatte , bewies später der Umstand , daß sie ihren Hans auch nie neben des reichen Krämers Angelika sehen wollte , weil ihr Vater manches tat , was sie ihm erst vor drei Jahren verzieh , als er den Hansjörg , seinen Schneider , - sie kümmerte sich in der Angst nicht , wie - für ihren jüngeren Sohn zu den Soldaten geschwätzt hatte . Als Hans vorhin sagte , daß er doch die Jahre der Kindheit sich nicht mehr wünschen würde , dachte er sicher an den Zwang , den die Mutter besonders nach dem Tode des alten Stigers ihm und seinem Bruder selig angetan hatte . Sie durften nur mit wenigen , meistens langweiligen , verzogenen Kindern aus den besten , angesehensten Häusern spielen , und so wenig als bei der Wahl ihres Umgangs war ihnen sonst gestattet , sich ihren Gefühlen und Neigungen zu überlassen . Das war noch jetzt nicht anders , nur daß Hans sich nun eher daran gewöhnt hatte . Als Hans heute den Jos zum Mittrinken einlud , dachte er gewiß nicht im entferntesten mehr an eine Auffrischung des alten freundschaftlichen Verhältnisses . Das wäre ja jetzt etwas ganz Neues gewesen , und etwas Neues wollte Hans ebensowenig als sein