des Lieblings die letzte Arbeit der Hände gewesen , die nun im Tode erstarrt waren . Aber gerade der elegante Anzug , der ungezwungene , geniale Fall der Locken auf Stirn und Hals , die graziösen Bewegungen des Kindes empörten die Frau . » Nicht zwei Stunden möchte ich diesen Irrwisch um mich leiden , « sagte sie plötzlich , ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine Silbe zu erwidern . » Das zudringliche kleine Ding mit den wilden Haaren und der entblößten Brust paßt nicht in unseren ernsthaften , strengen Haushalt - das hieße geradezu der Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Thür und Thor öffnen . Hellwig , du wirst diesen Zankapfel nicht zwischen uns werfen , sondern dafür sorgen , daß die Kleine wieder dahin zurückgebracht wird , wohin sie gehört . « Sie öffnete die Thür , die nach der Küche führte , und rief die Köchin herein . » Friederike , ziehe dem Kinde die Sachen wieder an , « befahl sie , auf Kapuze und Mantel der Kleinen deutend , die noch am Boden lagen . » Du gehst augenblicklich in die Küche zurück ! « gebot Hellwig mit lauter , zorniger Stimme und zeigte nach der Thür . Die verblüffte Magd verschwand . » Du treibst mich zum Aeußersten durch deine Härte und Grausamkeit , Brigitte ! « rief der erbitterte Mann . » Schreibe es daher dir und deinen Vorurteilen zu , wenn ich dir jetzt Dinge sage , die sonst nie über meine Lippen gekommen wären ... Wem gehört das Haus , das du , wie du sehr irrigerweise behauptest , zu einem Tempel des Herrn gemacht haben willst ? - Mir ... Brigitte , du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen - im Laufe der Jahre hast du das vergessen , und , Gott sei es geklagt , je eifriger du an diesem sogenannten Tempel gebaut , je mehr du dich befleißigt hast , den Herrn und die christliche Liebe und Demut auf den Lippen zu führen , um so hochmütiger und hartherziger bist du geworden ... Dies Haus ist mein Haus , und das Brot , welches wir essen , bezahle ich , und so erkläre ich dir entschieden , daß das Kind bleibt , wo es ist ... Und ist dein Herz zu eng und liebeleer , um mütterlich für die arme Waise zu fühlen , so verlange ich wenigstens von meiner Frau , daß sie in Rücksicht auf meinen Willen dem Kinde den nötigen weiblichen Schutz zu teil werden läßt ... Wenn du nicht dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst , so triff jetzt die nötigen Anordnungen zur Aufnahme des Kindes - außerdem werde ich die Befehle geben . « Nicht ein Wort mehr kam über die weißgewordenen Lippen der Frau . Jede andere würde wohl in einem solchen Augenblicke der völligen Ohnmacht zu der letzten Waffe , den Thränen , gegriffen haben ; aber diese kalten Augen schienen den süßen , erleichternden Quell nicht zu kennen . Dieses völlige Verstummen , diese eisige Kälte , mit der sich die ganze Frauengestalt förmlich panzerte , hatte etwas Beängstigendes und mußte jedem anderen die Brust zuschnüren ... Sie griff schweigend nach einem Schlüsselbunde und ging hinaus . Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit ihr im Zimmer auf und ab . Er hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft , um diesem verlassenen Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern , er hatte seine Frau tödlich beleidigt ; nie , nie - das wußte er - vergab sie ihm die bitteren Wahrheiten , die er ihr eben gesagt hatte , denn sie war unversöhnlich . 4 Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem Kinder-Eßbesteck und einer frischen Serviette auf den Tisch . Zugleich klingelte es draußen , und gleich darauf öffnete Heinrich die Zimmerthür und ließ einen kleinen , ungefähr siebenjährigen Knaben eintreten . » Guten Abend , Papa ! « rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von seiner Pelzmütze . Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zärtlich zwischen seine Hände und küßte es auf die Stirn . » Guten Abend , mein Junge , « sagte er ; » nun , war es hübsch bei deinem kleinen Freunde ? « » Ja ; aber der dumme Heinrich hat mich viel zu früh geholt . « » Das hat die Mama so gewünscht , mein Kind ... Komm her , Nathanael , sieh dir einmal dies kleine Mädchen an - es heißt Fee - « » Dummheit ! ... wie kann sie denn Fee heißen - das ist ja gar kein Name ! « Hellwigs Auge streifte gerührt über das kleine Geschöpfchen , das Elternzärtlichkeit selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklären gesucht hatte . » Ihr Mütterchen hat sie so genannt , Nathanael , « sagte er weich ; » sie heißt eigentlich Felicitas ... Ist sie nicht ein armes , armes Ding ? Ihre Mama ist heute begraben worden ; sie wird nun bei uns wohnen , und du wirst sie lieb haben , wie ein Schwesterchen , gelt ? « » Nein , Papa , ich will kein Schwesterchen haben . « Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter . Er hatte schöne Züge und einen merkwürdig klaren rosigen Teint ; aber er hatte auch die häßliche Gewohnheit , das Kinn auf die Brust zu drücken und mit seinen großen Augen unter der gewölbten Stirn hervor nach oben zu schielen , was ihm einen Ausdruck von Heimtücke und Verschlagenheit gab . In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst gegen die Brust , hob den rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Höhe und sah unter demselben mit einem bösartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinüber . Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Röckchen ; der bedeutend größere Junge imponierte ihr offenbar , aber allmählich kam sie näher , und ohne sich durch