Vater ? « fragte sie hastig . » Je nun , « erwiderte dieser mit ernstem Gesichte , » es wird mir einigermaßen schwer , dir meinen Entschluß mitzuteilen , denn ich sehe deutlich an deinem Gesichte , daß du das schöne , volksbelebte B. nicht um alles in der Welt mit der Waldeinsamkeit vertauschen möchtest . Indes , erfahren mußt du trotzdem , daß dort auf dem Schreibtische meine Bitte um die Stelle an den Fürsten von L. bereits kouvertiert und versiegelt liegt ... Es ist aber nicht mehr als billig , daß wir auch deine Wünsche dabei in Erwägung ziehen und deshalb sind wir durchaus nicht abgeneigt , dich hier zu lassen , falls - « » Ach nein , wenn Elsbeth nicht mitgeht , dann will ich lieber auch hier bleiben ! « unterbrach ihn der kleine Ernst , indem er sich angstvoll an die Schwester schmiegte . » Sei du nur ruhig , mein Herzchen , « sagte Elisabeth lachend , » ich finde schon meinen Platz auf dem Wagen , und wenn nicht , nun , so weißt du , ich bin mutig wie ein Soldat und kann laufen wie ein Hase . Als Kompaß habe ich die Sehnsucht nach dem grünen Walde bei mir , die schon , als ich noch ein ganz , ganz kleines Kind war , einen großen Winkel in meiner Seele eingenommen hat . So geht es tapfer und bescheidentlich vorwärts auf meinen zwei eigenen Füßen , und was will dann Papa machen , wenn eines Abends ein armer , müder Wanderer mit zerrissenen Schuhen und leerer Tasche vor dem alten Schloßthore erscheint und Einlaß begehrt ? « » Freilich müßten wir aufmachen , « rief lächelnd der Vater , » wenn wir nicht die Rache aller guten Geister , die ein mutiges Herz beschützen , auf unser morsches Dach herabbeschwören wollten ! ... Uebrigens wirst du wohl an dem alten Schlosse vorüberziehen und an irgend eine einsame Bauernhütte im Walde anklopfen müssen , wenn du uns finden willst ; denn in dem Trümmerhaufen wird sich schwerlich ein Asyl für uns einrichten lassen . « » Das fürchte ich auch , « meinte die Mutter . » Wir arbeiten uns mühsam durch Hecken und Gestrüpp , wie ehemals Dornröschens unglückliche Befreier , und finden endlich - « » Die Poesie ! « rief Elisabeth . » Ach , dann wäre ja schon der erste Duft von unserem Waldleben abgestreift , wenn wir nicht im alten Schlosse wohnen könnten ! Vier feste Mauern und eine guterhaltene Zimmerdecke werden doch wahrhaftig noch in einem Turme oder dergleichen zu finden sein , und das übrige läßt sich mit Nachdenken und willigen rüstigen Händen leicht beschaffen ... Wir stopfen Moos in etwaige Mauerritzen , nageln Bretter über unbequeme Thürbogen , die keinen Flügel mehr haben , und tapezieren unsere vier Wände selbst . Auf den zerbröckelten Estrichfußboden legen wir eigenhändig geflochtene Strohmatten , erklären den kleinen vierfüßigen Leckermäulern in grauen Samtröckchen , die unsern Speiseschrank attackieren , ernstlich den Krieg und gehen mit dem Kehrbesen tapfer auf die großen Spinnen los , die über unsern Köpfen hängend , in aller Ruhe überlegen , ob sie sich nicht häuslich darauf niederlassen sollen . « Mit verklärten Augen , ganz versunken in ihre Träumereien von dem demnächstigen Leben im frischen , grünen Walde , trat sie dann ans Klavier und schlug den Deckel zurück . Es war ein altes , ausgespieltes Instrument , dessen schwache , heisere Töne vollkommen harmonierten mit dem herabgekommenen Aeußeren ; allein das Mendelssohnsche Lied : » Durch den Wald , den dunkeln , geht u.s.w. « klang trotzdem hinreißend unter Elisabeths Fingern . Die Eltern saßen lauschend auf dem Sofa . Der kleine Ernst war eingeschlafen . Draußen hatte das Toben des Sturmes aufgehört ; aber an unverhüllten Fenstern vorüber sank in wirbelnden Flocken massenhaft und lautlos der Schnee . Die gegenüberliegenden Schornsteine , die nicht mehr dampften , setzten langsam eine dicke , weiße Nachtmütze auf und blickten steif und kalt , wie das verdrießliche Alter , hinüber in die keine Mansardenstube , die mitten im Schneegestöber hellen Frühlingsjubel in sich schloß . 3 Pfingsten ! Ein Wort , das seinen Zauber auf das menschliche Gemüt üben wird , solange noch ein Baum blüht , eine Lerche schmetternd in die Lüfte steigt , und ein klarer Frühlingshimmel über uns lacht . Ein Wort , dessen Klang selbst unter der härtesten Eiskruste des Egoismus , unter dem Schnee des Alters und in dem Herzen , das in Leid und Kummer erstarrt ist , noch ein Echo von Lenzeslust erwecken kann . Pfingsten ist vor der Thür . Ein weiches Lüftchen flattert über die Thüringer Berge und streift von ihrem Scheitel die letzten Schneereste . Sie wirbeln dampfend empor und verlassen als leuchtende Frühlingswölkchen die alte Lagerstätte , die es sich angelegen sein läßt , ihre gefurchte Stirn mit einem Geflechte von jungen Brombeerranken und rötlich blühendem Heidelbeerkraut zu schmücken . Drunten braust jauchzend der kühle Forellenbach aus dem Waldesdunkel quer über die buntgesprenkelten Thalwiesen . Die einsame Schneidemühle klappert wieder lustig , und auf ihr niedriges , graues , geflicktes Schindeldach streuen die Obstbäume ihre Blütenflocken . Vor den Hüttenfenstern der einsamen Holzhacker und der Dorfbewohner , im engen Käfig , singen die gelehrigen Gimpel , die während der Winterszeit in der heißen dunstigen Stube einen Lehrkursus der höheren Gesangskunst durchgemacht haben , ihre künstlerischen Weisen . Und die drüben im Walddickicht jubeln ungeschult , aber unendlich süßer und herzergreifender - sie baden ja die kleine Sängerbrust im goldenen Strome der Freiheit . Wo noch vor wenig Wochen die gewaltigen Schneewasser im selbstgeschaffenen Bette herabschäumten , da weben jetzt die Moose ungestört ihren buntgefleckten Teppich und legen ihn weich und schonend um die narbenvolle Brust des Berges , und hier und da von dem feinen , silbernen Geäder durchbrochen , das eine hervorsprudelnde Quelle hinabschickt . Auf der Chaussee , die durch einen reizenden Thalgrund des Thüringer Waldes führt , rollte