zerriß denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte ; dann nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof . Wo zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie : » Da sind Eure Eltern . « Die Kinder sahen sich staunend an . Die Marann ' machte nun mit einem Stock Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder an , die Beeren da hinein zu stecken . Dami war behend dabei und triumphirte , da er mit seinem rothen Kreuze früher fertig war als die Schwester . Amrei schaute ihn nur groß an und erwiderte Nichts , und erst als Dami sagte : » Das wird den Vater freuen , « schlug sie ihn hinterrücks und rief : » Sei still . « Dami weinte , vielleicht ärger als es ihm ernst war ; da rief Amrei laut : » Um Gotteswillen verzeih mir , verzeih mir , daß ich dir das gethan hab ' . Hier , da verspreche ich dir , ich will dir mein Lebenlang Alles thun was ich kann , und Alles geben was ich hab ' ; gelt Dami , ich hab ' dir nicht weh gethan ? Kannst dich drauf verlassen , es geschieht nie mehr so lang ich lebe , nie mehr , nie . O Mutter , o Vater , ich will brav sein , ich versprech ' s euch ; o Mutter , o Vater . « - Sie konnte nicht weiter reden , aber sie weinte nicht laut , nur sah man , es gab ihr einen Herzstoß nach dem andern und erst als die schwarze Marann ' laut weinte , weinte Amrei mit ihr . Sie gingen heim und als Dami » gute Nacht « sagte , raunte ihm Amrei leise in ' s Ohr : » Jetzt weiß ich ' s wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt ; « aber noch in dieser Mittheilung lag eine gewisse kindische Freude , ein Kinderstolz , der sich damit brüstet , Etwas zu wissen ; und doch war in der Seele dieses Kindes Etwas aufgetaucht vom Bewußtsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges mit dem Leben , das sich aufthut im Gedanken der Elternlosigkeit . Wenn der Tod die Lippen geschlossen , die dich Kind nennen mußten , ist dir ein Lebensathem verschwunden , der nimmer wiederkehrt . Noch als die schwarze Marann ' bei Amrei am Bette saß , sagte diese : » Ich mein ' ich fall ' und fall ' jetzt immerfort , lasset mir nur Eure Hand ; « und sie hielt die Hand fest und begann zu schlummern , aber so oft die schwarze Marann ' ihre Hand zurückziehen wollte , haschte sie wieder darnach . Die Marann ' verstand , was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte : das ist ja beim Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wurfe , man weiß nicht woher und weiß nicht wohin . Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann ' das Bett des Kindes verlassen , nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wievielten mal wiederholt hatte . Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes . Es hatte die eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann ' hob sie ihm leise weg und sagte halblaut vor sich hin : » Wenn nur immer ein Auge , das über dich wacht , und eine Hand die dir helfen will , dir so wie jetzt im Schlaf , ohne daß du es weißt , die Schwere vom Herzen nehmen könnte ! Das kann aber kein Mensch , das kann nur Er ... Thu ' du meinem Kind in der Fremde was ich diesem da thue . « Die schwarze Marann ' war eine » geschiechene « Frau , d.h. die Leute fürchteten sich fast vor ihr , so herb erschien sie in ihrem Wesen . Sie hatte vor bald achtzehn Jahren ihren Mann verloren , der bei einem räuberischen Anfall den er mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte , erschossen worden war . Die Marann ' trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem schwarzberußten Gesicht ins Dorf gebracht wurde ; aber sie faßte sich und wusch dem Todten das Gesicht rein , als könnte sie damit auch seine schwarze Schuld abwaschen . Drei Töchter starben ihr und nur das Kind , das sie damals unter dem Herzen getragen , war noch am Leben . Es war ein schmucker Bursch geworden , wenn auch mit seltsam schwärzlichem Gesicht und er war jetzt als Maurergesell in der Fremde . Denn von der Zeit Brosi ' s her , und namentlich seit dessen Sohn Severin sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet , hatte sich ein großer Theil des Nachwuchses in Haldenbrunn dem Maurerhandwerk gewidmet . Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede , wie von dem Prinzen im Mährchen . So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann ' trotz deren Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft , und sie die ihr Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus zu kommen , sagte manchmal : sie komme sich vor , wie eine Henne , die eine Ente ausgebrütet ; aber sie gluckste fast immer in sich hinein . Man sollte es kaum glauben , daß die schwarze Marann ' eine der heitersten Personen im Dorf war ; man sah sie nie traurig , sie gönnte es den Menschen nicht , daß sie Mitleid mit ihr haben sollten . Und darum war sie ihnen unheimlich . Sie war im Winter die fleißigste Spinnerin im Dorf und im Sommer die emsigste Holzsammlerin , so daß sie noch einen guten Theil davon verkaufen konnte , und » mein Johannes , « ( so hieß ihr noch lebender Sohn ) » mein Johannes , « hörte man