vergeblich . Jenny konnte nicht zur Ruhe kommen , und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit , die so plötzlich , so anscheinend grundlos hervorgebrochen war , daß wohl schon lange ein andres stilles Feuer in Jenny ' s Seele geglüht haben mochte . Wer dieses Feuer aber angefacht , das wußte sie nicht zu errathen . Sie konnte sich nicht erinnern , daß irgend einer der jungen Männer , die in ihr Haus eingeführt waren und Jenny auf jede Weise huldigten , einen besonderen Eindruck auf diese gemacht hätte . Sie sann und sann , während die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt wieder an den Nähtisch zurückgekehrt war , und sich emsiger als sonst mit einer Arbeit beschäftigte , die gar nicht so großer Eile bedurfte . Sie wurde aber allmälig ruhiger dadurch , und hatte sich äußerlich bereits gesammelt , als man den Doctor Steinheim meldete . Einen Augenblick schwankte die Mutter , der in dieser Stimmung jeder Besuch unwillkommen war , ob sie ihn annehmen solle , oder nicht , dann entschied sie sich dafür , weil sie hoffte , Steinheim ' s Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme Weise zerstreuen . Als er darauf nach wenig Minuten in das Zimmer trat , wurde er von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt . Er mochte siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein , hatte eine große , kräftige Figur und einen vollblütigen , rothbraunen Teint . Sein krauses schwarzes Haar , die dunkeln Augen und der starke bläuliche Bart konnten ebenso gut dem Südländer als dem Juden gehören , und machten , daß er von vielen Leuten für einen schönen Mann gehalten wurde , während Andere die Kohlschwarzen Augen starr und unheimlich , die Schultern hoch , den starken Hals zu kurz und Hände und Füße so groß fanden , daß dieses Alles ihm jeden Anspruch auf wirkliche Schönheit unmöglich mache . Er selbst schien indessen gar nicht dieser Meinung zu sein , das bewies die sehr studirte Toilette , die aber trotz ihrer gesuchten Eleganz des Geschmacks ermangelte . Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrünen Ueberrock , zu dem eine ebenfalls grüne Atlasweste und mehr noch ein dunkelrother türkischer Shawl sonderbar abstachen , den er unter der Weste kreuzweise über die Brust gelegt und mit einer großen Brillantnadel zusammengesteckt hatte . Handschuhe , Stiefel und Frisur waren nach der modernsten Weise gewählt , aber all das stand ihm , als ob er es eben wie eine Verkleidung angelegt hätte . Es war für den feinen Beobachter etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung , das störend auffiel . Ich bitte tausendmal um Vergebung , sagte er , daß ich in diesem Morgenanzug vor Ihnen erscheine , aber ich bin so durchweg erkältet , meine Nerven sind so abgespannt , mein Wunsch , Sie zu sehen , war so groß , daß ich dachte , die Damen entschuldigen Dich wohl . Es ist allerdings eine Verwegenheit - aber : » ich kann nicht lange prüfen oder wählen , bedürft Ihr meiner zu bestimmter That , dann ruft den Tell ! Es soll an mir nicht fehlen . « Mein Gott ! Herr Doctor ! geht es so bergab mit Ihnen , daß Sie von dem göttlichen Shakespeare , dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne unserer Zeit , dem unvergleichlichen Byron , schon zu unserm armen Schiller zurückkehren müssen ? Sie haben also in den letzten Tagen wohl gar zu viele Citate verbraucht ? fragte Jenny spottend , und - Jenny ! ' rief die Mutter mit mißbilligendem Tone . - Aber Steinheim ließ sich nicht stören , er ging zu Jenny und sprach : » Mit Ihnen , Herzogin , hab ' ich des Streits auf immer mich begeben , « und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen , meine schöne kleine Feindin ! wenn ich Ihnen sage , daß ich als der Verkünder sehr interessanter Nachrichten komme . Erstens ist Erlau entzückt über den Vorschlag Ihrer Frau Mutter , hier am Sylvesterabend Tableaux darzustellen , zweitens - - nun rathen Sie - hat man heute Herrn Salomon , einen jüdischen Kaufmann , zu einem städtischen Amte erwählt . Das Letztere ist mir ungemein gleichgültig , rief Jenny , aber für die erste Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar , und sie macht mir großes Vergnügen . Weiß es Eduard schon ? Was denn ? Daß der Kaufmann Salomon gewählt ist ? - fragte Jenny . Also sehen Sie , sehen Sie , es ist Ihnen doch nicht so gleichgültig , als Sie behaupten , und wie könnte es auch . Wen sollte es nicht freuen , wenn alte barbarische Vorurtheile allmälig vor der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit weichen müssen ; wenn ein Volk , das Jahrhunderte hindurch mit Füßen getreten wurde , endlich allmälig die Rechte erlangt , an die es dieselben Ansprüche hat , als die andern Bürger des Staates , wenn .... A propos ! was ist gestern bei Horn ' s vorgefallen , man ließ ja Eduard noch so spät holen ? sagte Steinheim , der oft von dem Hundertsten , wie man sagt , auf das Tausendste kam . - Ich höre , die Clara Horn hat den Fuß gebrochen ; Erlau sagte es mir , der mich , das fällt mir eben ein , bei der Giovanolla erwartet ! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen , die Giovanolla ? Sie gehen doch morgen wieder hin ? - Das Alles fragte er so durcheinander , daß es nicht möglich war , irgend eine der Fragen zu beantworten ; dann wandte er sich , Abschied nehmend an Madame Meier , rieth Jenny nochmals , das Theater nicht zu versäumen , und empfahl sich mit den Worten : » So süß ist Trennungswehe , ich sagte wohl Adieu , bis ich den Morgen sähe . « Mutter und Tochter sahen ihm lächelnd nach . Ehe wir in der Erzählung fortfahren , müssen wir aber einen Rückblick auf den Lebensweg der