einiges Nähere über ihren Gatten mitzutheilen , wobei sie jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging , was mich tiefer in die geheimeren Verhältnisse ihres gegenseitigen Lebens hätte blicken lassen . Ich erfuhr , daß sie aus Wiesbaden zurückkehrten , wo sie während eines Monates die Heilquellen gebraucht , um ihre beiderseitig wankende Gesundheit wieder herzustellen . Ihr sei dies so ziemlich gelungen , bei Richard aber , meinte sie , träfen zu viele Uebel zusammen , um eine Heilung des Körpers in so kurzer Zeit bewerkstelligen zu können . » Richard , « sprach sie , » leidet weniger körperlich als geistig , und auch dieses geistige Leiden ist nicht wie gewöhnlich ein Symptom seelischen Krankseins , sondern eher der Beweis überkräftiger geistiger Gesundheit . Es wird Ihnen dies sonderbar vorkommen , sollten Sie aber durch ein längeres Zusammenleben mit uns Richard näher kennen lernen , so werden Sie meine Behauptung bestätigt finden . « Rosalie schien sich zu erheitern , ich war daher bemüht , den Moment aufknospender Gemüthsfreudigkeit festzuhalten und wo möglich zu verlängern . Ich that einige unbedeutende Fragen , die jedoch selten bei einem weiblichen Gemüth ihres Zweckes verfehlen . Ich gedachte der Häuslichkeit und der Rückkehr zu gewohnten , liebgegewonnenen Oertlichkeiten . » Das wäre gewiß mein süßestes Vergnügen , « erwiederte Rosalie , » wenn für Richard nicht gerade daraus der Giftquell neuen Schmerzes träufelte . Alles Gewöhnte und Stillebehagliche haßt er mit einem Abscheu , der mich oft besorgt macht um seinen Geist . Wohl begreife ich , woher sich dieser Haß schreibt , aber es ist Unrecht , der stillen Freude , die lieblich und mit dem Friedensblick eines Kindesauges voll gewinnender Unschuld sich uns anschmiegt , bitter entgegenzutreten . Man soll den Himmel nicht verhöhnen , wenn er uns nur den Glanz der Sterne gönnt , nicht die Flamme selbst , die jene Welten belebt . Warum einen Frevel begehen an seinem Glück und an sich selbst unter Verhältnissen , deren Aenderung nicht in die Hand Eines Individuums gegeben ist ? Mir scheint es immer , als schwelle die Qual der Seele zur unerträglichen Bergeslast an , wenn wir zu stolz oder zu hart sind , den Moment zu erfassen , in dem oft ein wunderbarer Zauber der Beschwichtigung liegt . Noch hat es - dies ist meine Ueberzeugung - keine Zeit gegeben , in der sich alle Wünsche erfüllten . Hart freilich drückt der Zwang der Verhältnisse auf die freie und glückliche Entfaltung unserer Lebenskeime . Die Gegenwart ist zum Alp geworden , der uns ängstigt und selbst den schönen Frieden eines kindlichen Herzens zerquetscht . Immer jedoch bleibt noch eine Hoffnung , die zur Rettung werden kann bei sicherem Wagen und vorsichtigem Umhertasten . Möchte nur die schroffe Männlichkeit , die in vielen unserer bedeutenderen Menschen zu ungebunden hineinschlägt in das Getriebe des Weltlebens , sich enger verschwistern mit dem weiblichen Theile des Daseins . Der starke Geist sollte eine stille , heilige Ehe eingehen mit der hingebenden Sanftmuth weiblicher Empfindung . Wie das Streben so vieler tüchtiger Männer auf Freibleiben zielt , so verachten sie auch eine geistige Ehe . Man trennt zu viel , zu schroff , in der Absicht , durch unerbittliches Scheiden die zerrissenen Theile zu freiwilliger Einigung zu nöthigen ; aber ich fürchte , aus diesem Zerspalten entwickelt sich ein Cölibat , dessen Folgen mit Vernichtung der urewigen sittlichen Weltordnung endigen werden . « Wahrlich ! das Weib sprach so ruhig und wahr , daß ich mich einen Augenblick vor mir selbst schämte , und nahe daran war , Bardeloh zu zürnen . Rosalie hatte Recht . Dieses weibliche Element , das sie der modernen Welt gerettet sehen will , läßt man allerdings zu sehr außer Acht , allein wer mag denn die Frage beantworten , ob es wol jetzt auch schon an der Zeit sei , Rücksichten zu nehmen auf das sanft Begrenzende , jetzt , wo es ja wesentlich auf ein Niederreißen alles Begrenzten , Abgeschlossenen und Hemmenden ankommt ? Nur so viel scheint mir einleuchtend , daß dieser weltstürmende Bardeloh in Rosaliens liebreizender Engelsgestalt eine Beschützerin zur Seite hat , die den Ungestümen nicht wird sinken lassen in den Abgrund eines völligen Unterganges . Mich ergreift ein unaussprechlich schmerzhaftes Weh , ich möchte es das Weh eines ganzen Welttheils nennen , wenn ich die Zukunft hineinrechne in die Gegenwart . Zwar sollte ich diese Klage nicht vor das Forum Deines Herzens bringen , das keinen Puls , kein Gefühl kennt für dies mein Leid . Indeß ich will es wagen und appellire an Deine Diskretion oder Toleranz , wie Du es nennen magst . Bist Du bemüht , Proselyten zu machen , so wirst Du mir gewiß auch das Recht zugestehen , das für wahr Erkannte dem Opponenten gegenüber zu vertheidigen . Ist es nicht ein wahnsinniges Beginnen , frische Lebenswege nach dem Todten , Vergangenen abzumessen ? Unsere Zeit siecht an der Epidemie , unsere eigenen Lebenswirren nach Art langst in Staub zerfallener Epochen schlichten zu wollen . Darüber ist sie in Streit gerathen mit dem ewigen Geist der Geschichte und dem Gott der Welt . Sie hat nicht bedacht , daß ein Vervollkommnen alles Seins auch alte Zustände vernichtet . Nun ringt der Geist , eingesunken in den Schlamm und Moder vieler Jahrtausende , ohne Rast und Erfolg , weil er zu bedenklich ist , einen Frevel zu begehen , der in sich selbst keiner mehr wäre , sobald der Gedanke sich consolidirte zur That . In diesem Schwanken und Zaudern besteht die Unmoralität der Gegenwart wie aller Geschichte . Brechen wir los mit einer ganzen vollen That , die in ihrer Offenbarung schon sich als Sieg darstellt , so erkennt alle Welt das als bloßen Wunsch für Unmoralität Verachtete in seinem Gelingen als einen moralischen Fortschritt , und folgt willig dem Vorausgegangenen . Moral ist ein vager , leerer Begriff , die That erst gibt ihr den Freibrief der Göttlichkeit . Aus den Conflicten fällt die Wahrheit dem