vielem Fleiß , wozu mir der Wunsch , Lady Marie zu übertreffen , Beharrlichkeit gab . Sieben Stunden des Tages , die ich unausgesetzt darauf verwendete , brachten mich dahin , im Spiel auf dem Flügel und im Gesang so vollkommen zu werden , wie Tonkünstler , die von der Gunst des Publicums abhängen , zu seyn sich bestreben . - Sieben Stunden des Tages hatte ich der Musik gewidmet , indeß nicht einmal der Gedanke in mir aufgestiegen war , daß es Seelenkräfte gäbe , deren Entwicklung mein Wohl für Zeit und Ewigkeit begründete . - Nach und nach erwachte das Verlangen in mir , in eine Welt zu treten , in der ich mir bei meinen Vorzügen so vielen Beifall versprach . Daß ich reich war , wußte ich , daß ich hübsch war , vermuthete ich - ungeduldig erwartete ich den Augenblick , den Scepter der Schönheit , für den ich mich bestimmt hielt , zu schwingen . In dem Sommer , wo ich mein sechzehntes Jahr beschloß , verließ Lady Marie unser Institut , um ihre Mutter , die Herzogin von C. , nach einigen Badeorten zu begleiten . Die Nachrichten , welche sie ihren Vertrauten von der Herrlichkeit ihrer neuen Lebensweise gab , vermehrten den Eifer , mit dem ich in meinen Vater drang , mich zu sich zu nehmen , solchergestalt , daß der nächste Winter zu meiner Entlassung aus der Pension festgesetzt ward . Mein Vater nahm bei meiner Rückkehr in sein Haus eine gänzliche Aenderung seiner Lebensweise vor . Seit zwanzig Jahren hatte er , die kurze Ruhezeit nach meiner Mutter Tode ausgenommen , seine Tage auf der Börse oder in dem ostindischen Hause zugebracht . Der Freitag und Samstag , die er auf seiner Villa in Richmond verlebte , unterbrachen allein seine Geschäfte ; nun er mich aber an die Spitze seines Haushalts stellte , übergab er den größten Theil seiner Handelsgeschäfte , sich einen ansehnlichen Theil des Gewinnstes vorbehaltend , einem jungen Kaufmann , und den Besitz der Muße mit dem Genuß derselben verwechselnd , nahm er sich vor , fortan sein Leben zu genießen . In den Weihnachtsfeiertagen verließ ich meine Pension , von Miß Julie Arnold , die ich mir auf einige Wochen zur Gesellschafterin ausgebeten hatte , begleitet . Ihre Pensionszeit war mit der meinigen zugleich geschlossen , und diese Einladung ihr , bei der Unsicherheit ihrer Verhältnisse , sehr gelegen . Mein Vater empfing mich in Richmond , wo wir den eigentlichen Eintritt der Wintervergnügungen abwarten sollten . Zu meiner Ueberraschung fand ich eine zweite Gesellschafterin vor , deren Persönlichkeit mit meinen Planen von glänzender Zukunft nicht so gut übereinzustimmen schien , wie die meiner jungen Gefährtin . Dieses war Miß Elisabeth Mortimer , eine vertraute Jugendfreundin meiner theuern Mutter , die durch rauhe Schicksale belehrt , ihren Geist zu einer Reinheit , ihr Herz zu einer Frömmigkeit gebildet hatte , die ich damals gar nicht zu begreifen im Stande war . Eines Versprechens eingedenk , das sie meiner Mutter einst gegeben : den Ruf , mir nützlich zu seyn , wenn mein Vater ihn einst an sie ergehen lassen würde , nicht auszuschlagen , verließ sie ihre ruhige Hütte in der Nähe von Greenwich , in der sie fromm und wohlthätig lebte , glücklich bei dem Gedanken , ihre Sorge für mich sey ein Band , das sie mit der geliebten Todten jenseit des Grabes vereinte . Noch jetzt glüht meine Wange vor Schaam bei dem Geständniß , daß ich ihre Liebe mit unwürdigem Muthwillen erwiederte . Ihre einfachen Sitten waren der Gegenstand unsers heimlichen Gespöttes , ihre Frömmigkeit nannten wir Methodisterei , ihre würdige Matronenkleidung schien uns allen Begriffen des feinen Tons zu widerstreben , und wie wir hörten , daß sie in ihrer stillen Heimath jeden Abend im Gebet mit ihrer treuen Dienstmagd - der sie jetzt auch ihren kleinen Haushalt übergeben hatte - beschloß , nahmen wir uns fest vor , uns der Einführung einer solchen » abergläubischen Sitte « , im Fall sie diese versuchen möchte , zu widersetzen . Doch dazu zeigte sie nicht die geringste Neigung , überhaupt legte sie uns in keiner Hinsicht Zwang auf ; es schien , als sey sie von der siegenden Wahrheit ihrer Denkart so überzeugt , daß sie einzig die Wirkung der Zeit auf unsern Verstand , und ihres milden Beispiels auf unsre Gewohnheiten abzuwarten gedachte . Ihr angenehmes Betragen wandelte bald unser Mißbehagen an ihrem Beruf in minder gehässige Empfindungen um ; allein weit entfernt , Miß Mortimers Werth schätzen zu können , machten wir sie zum Gegenstand unsrer kindischen Possen . Da wir ihr leicht anzuregendes Mitleid wahrgenommen hatten , erfanden wir Unglücksfälle , durch deren Erzählung sie augenblicklich zu Hülfleistungen aufgefordert , Meilen weit durch den Schnee ging , um den Leidenden Linderung zu bringen ; wir versteckten ihre Andachtsbücher , entwendeten ihr Kinderkleidung und Wäsche , welche sie für Arme bereit hielt , und klebten Karikaturen in ihren Kirchstuhl . Ich weiß nicht , ob sie je errieth , daß wir es waren , denen sie diese unwürdigen Scherze zuzuschreiben hätte ; nie wenigstens richtete sie einen Vorwurf an uns ; sie ertrug sie mit sanfter Würde , ein mitleidiges Lächeln war alles , was sie sich erlaubte ; und ward sie einmal durch einen unsrer übermüthigen Streiche in wirkliche Verlegenheit gesetzt , so war sie die Erste , herzlich über ihre eigne Lage zu lachen . Dieser verächtliche Leichtsinn kurzweilte uns lange Zeit , bis ein sehr ernster Vorfall mich so erschütterte , daß ich , ohne Miß Juliens festere Beharrlichkeit , wahrscheinlich meinen unwürdigen Muthwillen auf immer eingestellt hätte . Wir wurden eines Tages zu einem benachbarten Gutsbesitzer gebeten , einem Wittwer mit ein paar ausgelassnen Söhnen und leichtsinnigen Töchtern , Miß Arnolds vorgezognen Bekannten . Mein Vater war anderweitig versagt und bat Miß Mortimer , uns zu begleiten ; das war aber uns nicht gelegen , wir hatten eine lärmende Abendlustbarkeit vor , bei der uns