knüpfen . Die letzte Stadt , in welcher sie mit ihrem Vater längere Zeit verweilte , war Stockholm . Auf einer Reise von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen schwedischen Städtchen und starb . Nie war eine Waise verlaßner , als die jetzt zwanzigjährige Auguste am Grabe ihres Vaters . Sie harrte dort , bis der ihr in den letzten Augenblicken vom Verstorbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam . Der Nachlaß ihres Vaters war sehr gering , eignes Vermögen hatte er nie besessen und dabei in der Welt zu glänzend Haus gehalten , um beträchtliche Summen für seine Tochter zurücklegen zu können ; ihr blieb kaum genug , um davon nothdürftig zu leben . Willenlos , wie sie von jeher war , folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rath ihres Vormunds , und ließ sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen , die sie ihres Wissens noch in der Welt hatte , und die allein ihrer Jugend einen anständigen Zufluchtsort bieten konnte . Unter Entsagungen aller Art , unter steten Uebungen unbeschreiblicher Geduld , schwanden von nun an Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer Tante , einer nach dem andern , einer wie der andre . So lebte sie mehrere Jahre lang . Erinnerungen der glänzenden Vergangenheit machten ihr die düstre Gegenwart nicht noch trüber , denn sie hatte keine Freude an deren flüchtigem Schimmer gefunden ; aber das verklärte Bild des verlornen Geliebten wohnte noch immer tief verborgen in ihrem Herzen , von ewigem Jugendglanz umflossen , wie das Bild eines Heiligen in einem dunkeln Grabmal , das eine nie erlöschende Lampe erleuchtet . Uebrigens war Auguste weder fröhlich noch traurig , nur freundlich und still . Die Wenigen , welche sie kannten , ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit ihres Daseyns , aber alle bewunderten ihre Anmuth , ihr anspruchloses Wesen , und priesen die unerschöpfliche Langmuth und engelgleiche Gelassenheit , mit denen sie den wunderlichsten , unerträglichsten Launen ihrer Tante gefällig entgegen kam . Letztere war eine jener scheinheiligen alten Betschwestern , die unter dem Mantel der Frömmelei die abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen , und mit dem glattesten , herzlosesten Egoism die ganze Welt nur einzig zu ihrer Bequemlichkeit erschaffen glauben . In der schriftlich an sie gerichteten Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand , sah sie nur den Finger Gottes , der sie von einer ihr lästigen Hausgenossin befreien wollte , und verkündete daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter Weise zugefallne große Glück ; dabei ermangelte sie nicht , dieses einzig ihrem eifrigen Gebet für Augustens Wohlfahrt zuzuschreiben . Dieser ihr Leben war jetzt mehr als je ganz nach Innen gekehrt , die Außenwelt kümmerte sie wenig , weniger noch ihr eignes Schicksal ; an Glück auf der Erde zu glauben hatte sie längst verlernt , und all ihr Hoffen ging weit über dieses Prüfungsleben hinaus . Daher fügte sie sich ohne Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen der Tante , wie sie sich früher dem ihres Vaters gefügt hatte . Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die Hand , als er sie heimzuführen kam . Sie war es sich bei diesem Schritte deutlich bewußt , daß sie nur ein unerfreuliches Daseyn mit einem ähnlichen , vielleicht noch unerfreulicherem vertauschte , aber sie folgte willenlos dem Winke des Schicksals . Fest entschlossen , durch Treue , Sorgfalt und jede Aufopferung , dem Manne , der sie gewählt hatte , alles zu werden , was sie ihm zu werden vermochte , und bei allen ihren Handlungen einzig sein Glück zu bezwecken , betrat sie die dunkle Schwelle vom Schloß Aarheim . Und doch fühlte sich Auguste unendlich glücklicher wie sie es je zu träumen gewagt hatte , als sie nach Jahresfrist Gabrielens Mutter ward . Nun hatte sie ein lebendes Wesen , das sie umfassen und beglücken konnte , mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe , die der Grundton ihres Daseyns war . Sie lebte nun nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt , sie wußte jetzt , für wen sie lebte , und trug nicht mehr bloß ergeben sondern freudig alle andere Zumuthungen des ihr im übrigen noch immer nicht freundlicher gewordnen Geschicks . Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom Vater nicht freundlich willkommen geheißen . Er hatte auf einen Erben seines alten Namens und seines Stammgutes gehofft , und suchte nicht den Unmuth über die getäuschte Erwartung seiner Gemahlin schonend zu verhehlen . Jahre vergingen , Gabriele blieb das einzige Kind , und der Vater blickte nie mit Liebe , oft mit verbißnem Zorn auf sie herab . Augustens unaussprechliche Milde , ihre unermüdete , allen Wünschen des Barons zuvorkommende Sorgfalt für ihn , siegten doch endlich einigermaaßen über sein von der Welt verwahrlosetes Gemüth . Ihm war jetzt zu wohl in seinem Hause geworden , als daß er die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt gebliebnen behaglichen Zustandes nicht hätte von den übrigen Menschen unterscheiden sollen . Zwar blieb er hart und kalt im Leben wie zuvor , aber er duldete Augustens stilles Walten , in seinem Schloß sowohl als auf seinem Gute , und ließ ihr schweigend die Freiheit , das Schicksal seiner Unterthanen auf manigfache Weise zu erleichtern . Allmählig ward sein Vertrauen zu ihr immer größer , so daß er ihr zuletzt die ganze Verwaltung seiner Geschäfte allein übertrug , allem menschlichen Umgang , außer mit ihr und den ihn zunächst umgebenden Dienern , völlig entsagte und sich auf den entferntesten Flügel des weitläuftigen Schlosses zurückzog , wo er sich eine von allen übrigen Bewohnern desselben ganz abgesonderte Wohnung einrichten ließ . Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesammelte Bibliothek war in der von ihm erwählten gänzlichen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib , welcher sich dem Baron gewissermaaßen entgegendrängte . Zuerst bewog ihn Langeweile , die alten Bücher zu mustern und zu ordnen , aus welchen sie bestand ; bald aber zog ihn der Inhalt eines Theils derselben unwiderstehlich an . Eine sehr vollständige große Sammlung alter alchymistischer