Victors stolzes Selbstgefühl wurde davon beleidigt . So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im Wege , und Leo eilte auf Flügeln der Liebe nach Chaumerive , um die nötigen Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen . Er schrieb seinem Oheime mit aller kindlichen Zärtlichkeit eines Sohnes und dem Entzücken eines glücklichen Bräutigams und bat um seinen Segen . Er sahe , für den schlimmsten Fall , wohl einer Unzufriedenheit , einer Mißbilligung des stolzen Herzogs entgegen , doch hielt er dieses für kein Hindernis seines Glücks , da er die Volljährigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war . Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Güter entziehen , sie waren niemals das Ziel seiner Wünsche gewesen . Wie befremdet aber war er , als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs überbrachte , der ihn im ungemessensten Zorn einen Niederträchtigen nannte , der die Ehre seines Hauses beschimpfe , ihm befahl , sogleich diese entehrende Verbindung für immer aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfügen . Mein Vater war empört über diesen Befehl . Er fühlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten . Daß er dies nicht sei , beschloß er zu zeigen . Er reiste ungesäumt nach Aix und beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermählung . Er fühlte zu zart , um seiner Klara und ihrer Familie , durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens , trübe Stunden zu verursachen . Er gedachte Klaren künftig nach und nach mit der Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen , da er annahm , sie werde davon , bei dieser Entfernung von Paris , in ihrem kleinen Paradiese wohl nicht berührt werden . Am Ende sieht der Oheim auch wohl die Sache , wenn sie geschehen , anders an , dachte er , als jetzt , wo er sie noch zu hintertreiben hofft , und so überließ sich der glückliche Leo ohne Sorge der Seligkeit seines neuen Standes . Wenig Tage nach der Vermählung führte er die geliebte Klara in seine Heimat . Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre schöne Frau , wie sie sie nannten , gleich einer Königin , und die freundliche Klara besaß schon in den ersten Tagen alle Herzen , ebenso unumschränkt als ihr Leo . Du hast , meine geliebte Freundin , noch nach vielen Jahren gesehen , wie dieses edle Paar geliebt wurde . Jeder Tag erhöhte ihr Glück , denn an jedem Tage entdeckte einer an dem andern mehr liebenswürdige Eigenschaften . Schöne , selige Zeit ! die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte . Kaum waren einige Monde wie ebensoviel glückliche Augenblicke geschwunden , als in einer rauhen Novembernacht ein starkes Geräusch meinen Vater aus den Armen seiner Gattin aufschreckte . Fackeln erleuchteten den Hof , er sieht im Schein derselben einen verschlossenen Wagen halten , und in demselben Augenblick treten Polizeibeamte zu ihm ein . Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und bemächtigt sich seiner Person . Kaum vergönnte man dem überraschten Unglücklichen Zeit , seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmächtigen Gattin zu drücken . Man reißt ihn mit Räubereile hinunter . Am Wagen haben sich einige wenige seiner erwachten Leute gesammelt . Sie wollen den geliebten Herrn mit ihrem letzten Blutstropfen verteidigen ; man donnert sie im Namen des Königs zurück , der Wagen wird verschlossen , und dahin rollt er unaufhaltsam , der furchtbaren Bastille zu . Mein Vater , mein armer betäubter Vater allein und für den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung . Aber er hatte eine männliche Seele , und diese verzweifelt nie . Der Mann wagt auch den mißlichsten Kampf mit dem Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf . Wer vermöchte aber wohl die Verzweiflung seiner unglücklichen Klara zu schildern , als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte ! Noch nach späten Jahren geriet sie außer sich , wenn sie von dieser fürchterlichen Nacht sprach . Sie umklammerte dann unwillkürlich meinen Vater mit krampfhafter Stärke , als fürchte sie , ihn aufs neue zu verlieren , und Tränen und Küsse überströmten sein Gesicht . Damals fehlte der Unglücklichen sogar die Wohltat der Tränen . Stumm , gleich einem Marmorbilde , saß sie da . Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix . Victor schäumte vor Wut , er übersah mit einem Blick den ganzen Zusammenhang , und zugleich fühlte er in seinem Busen Kraft , zu helfen und selbst mit den Machthabern in die Schranken zu treten . Er versah sich mit Geld und Wechseln , nahm Kurierpferde und flog zu seiner angebeteten Schwester . Hier erschien er wie ein rettender Engel . An seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose mühsam auf . Er hauchte ihr einen Teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesäumt mit ihr nach Paris . Jede zurückgelegte Station belebte den Mut der unglücklichen Frau , sie kam ja dem Geliebten näher , und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit ihm zu leben , schien ihr ein Glück gegen jene schreckliche Entfernung . Victor hoffte noch zuversichtlicher . Die Notabeln waren versammelt , alle Deputierte seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet , er durfte auf ihre kräftigste Unterstützung rechnen . Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen Menschheit ; wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen ? In dieser Stimmung kam das Geschwisterpaar in Paris an . Klara verlangte durchaus in einem Gasthofe , der Bastille so nahe als möglich , zu wohnen , denn es schien ihr unbezweifelt gewiß , daß ihr Gemahl sich in derselben befinde . Victor fand es freilich sehr möglich , daß er nach einem anderen , weit entfernten , festen Schlosse gebracht worden sei ; doch widersprach er der Trauernden nicht und gewährte ihr gern den schwachen Trost . Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an . Er