sicher zu sein , ob es nicht ebenfalls Thorheit genannt werden könne , sich durch ein paar Worte so jagen und hetzen zu lassen . - Fünftes Kapitel Er konnte gleichwohl den wüsten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht los werden . Und was ihn vollends belästigte , war die Nothwendigkeit , mit verschiedenen Behörden verhandeln zu müssen , wozu ihn die Beschaffenheit seiner Sendung ganz natürlich verpflichtete . Berührungen der Art waren ihm stets verletzend . Er konnte nun einmal sein Gefühl nicht bezwingen . Er empfand die Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schärfer , je reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war . Was auch die französische Behendigkeit ersinnen , was die regelrechte ausgleichende Sprache auch verbindliches sagen mochte , er ahndete , er sah überall den Hohn , die Geringschätzung leichtsinniger Beschränktheit ; und unerträglich drückte ihn die versteckt gehaltene Ueberlegenheit , mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden durften . Ihm kochte das Blut jedesmal , daß er so oft etwas ähnliches hörte , alle Sinne geriethen in Aufruhr , er mußte sich selbst entfliehen , und Haß und Stolz und jede heiße Regung beleidigter Natur tödten , um Sitte und Anstand retten zu können . Ganz ermattet von so unseligen Kämpfen , flüchtete er einst zu Philipp , dessen Wohnung er ausgemittelt hatte . Der junge ritterliche Künstler saß im dunkeln , leicht umgeworfenen Mantelkragen , mit übergeschlagenem Hemdestreif und entblößtem Hals , pfeiffend vor einer saubern Staffelei . Alonzo blieb ganz verwundert vor ihm stehen . Wie denn , sagte er , sie haben Lust und Muße gefunden , hier selbst etwas zu bilden ? Wo nehmen sie nur den Frieden , die Eintracht im Innern her ? Nun , entgegnete jener lächelnd , was soll ich mich weiter in dem Tumult verlieren ! Auch sind mir die Eindrücke nicht so neu , ich war früher hier und finde daher manchen unbesetzten Augenblick . Mir schien es billig , daß ich dem einzigen beruhigenden Eindruck , den ich hier empfing , Gestalt und Dauer gebe und ein versöhnendes und werthes Andenken aus so merkwürdiger Zeit in die Heimath zurückbringe . Alonzo war näher getreten . Er sah zur Zeit nur die noch erst höchst dürftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem Leinen . Das Gesichtchen blickte überaus unschuldig aus einer weißlichen Lichtwolke hervor , die fast blendend an dem nächtlichen Himmel vorüberzog . Unterwärts arbeitete ein dunkel wogendes Meer , dessen nakte , kalte Kreideufer in wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zacken heraussprang . Den Hintergrund deckten tiefblaue Dunststreifen , man unterschied keinen einzigen Gegenstand . Die schauerliche Einöde und tief empfundene Seele des Bildes erfüllte Alonzo mit Ehrfurcht . Er hielt das Ganze für eine Vision , deren der Künstler hier gewürdigt worden und sah andächtig auf dessen Arbeit . Wie indeß nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird , den forthallend nicht noch viel andre Klänge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und Chöre bilden sollte , so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der dunkle Flügelschlag der Nacht , von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte . Alle Empfindungen wurden wach , sie fuhren schauernd aneinander , das Herz stockte fast in den gewaltsamen Wirbeln . Er hatte sich über Philipps Sessel gelehnt , und sah und empfand sich in das Bild hinein , ohne eben deutlich zu denken oder gar zu reden . Die Arbeit ging indeß still fort . Philipp war ohnehin nicht einer von vielen Worten . Es war ihm schon recht , daß nichts Fremdes in sein Thun und Sinnen hineinfiel , Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene , geheime Weise . Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke aus , Philipp selbst bog sich fast geblendet zurück , das strahlende Engelsgesicht sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflämmchen hindurch , die Landschaft war unbegreiflich hell geworden , die wüste Angst der Nacht sank ganz zusammen . Plötzlich fuhr Alonzo mit beiden Händen über die Augen , er sah und sah , seine Blicke wurden immer fester , immer flammender , mein Gott , rief er , wie kommen Sie grade zu diesen Zügen ? das ist ja das Gesicht des Mädgens , das ich neuerlich aus dem Gedränge der Cathedrale trug . Thaten Sie das ? fragte Philipp , den Kopf nach ihm hinwendend , nun da kann es ja sein , daß es dieselbe ist , die ich neben der Mutter knieend , in so seligem Schauen des reinen , ungetrübten Himmels fand , daß ihr still entzückter Blick wie linder Engelsgrus über die unruhig wirre Menge zu schweben schien . Ich habe nie etwas Klareres gesehen . Die blonden Haare spielten so kindlich weich um Schläfe und Wangen , der eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn zurück , doch nichts glich dem lösenden , beschwichtigenden Zauber jener schwimmenden , ganz von Begeisterung aufwärts gehobenen Augen , sie sahen , sie empfanden nur das Licht ewiger Liebe . Nirgend noch begegnete ich so fester Andacht in Mitten so sündlichen Tobens . Philipp hatte mit großer Lebhaftigkeit geredet , die Begeisterung spielte in röthlichen Streifen auf seiner Stirn , seine Augen schienen größer als sonst , sie bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen . Doch wie die Jugend oft beschämt da inne hält , wo sie mit liebenswürdigem Selbstvergessen über sich hinauszugehen bereit war , so zügelte auch hier anmuthige Blödigkeit Philipps Zunge , er schwieg , sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an , und wandte sich dann zu seiner Arbeit zurück . Daher also , sagte Alonzo zerstreuet . Wie konnte Sie nur die Französin so begeistern ? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten , entgegnete Philipp , das kommt hier ganz und gar nicht in Betracht . Es ist Gottlob nicht sowohl die Frage , wo sich ein Künstler befindet , als ob überhaupt ein Künstlerauge da ist , denn