; » wie oft hat die Himmlische die bösen Geister zur Ruhe gesungen , die mich drohend umgaben ! Und so bin ich , wenn Sie es so nennen wollen , musikalisch , soviel die Natur mich lehrte , bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht . « Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre , stimmte sie , machte einige Gänge , und sang Verse , die er aus dem Stegereif dazu erfand . Er besang den Strom , der dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeifloß , das Tal , den Wald , das hohe , entfernte Gebirge , von dem die Gipfel noch von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet waren , da sie selbst schon lange aufgehört hatte , sichtbar zu sein . Dann sang er von seiner Sehnsucht , die ihn in die Ferne zog , von dem Unmut , der ihn rastlos umhertrieb , und endigte sein Lied mit dem Lobe der Schönheit , unter deren Schutz ihm die Morgenröte des Glücks schimmere , und bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit zurücksinke . Hier hörte er auf und legte die Gitarre nieder . Seine Worte , die frei und ungebunden und doch sinnvoll und auserwählt , bald groß und ruhig wie der Strom , den sie besangen , dahin flossen , bald kühn mit dem Gebirge sich über die Wolken erhoben , bald wie Abendschein lieblich flimmerten , dann die Schmerzen und Freuden seiner Seele so wundersüß darstellten ; seine schöne , reine akzentvolle Tenorstimme , deren Töne bald von ihm gelenkt zu werden , bald ihn zu übermeistern schienen ; die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau übereinstimmte , und seine tiefsten Gefühle , das , was keine Worte auszusprechen vermögen , in die Brust der Zuhörer hinüberströmte - mit seinem kühnen , halb nachlässigen Anstande , mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht - , es war so wunderbar und ergriff die Zuhörer so seltsam , daß sie ganz hingerissen von der Erscheinung , noch immer in Staunen und Horchen verloren waren , wie er schon eine Weile die Gitarre niedergelegt hatte . Juliane unterbrach die augenblickliche Stille . » Jetzt ist es an uns , Eduard « , rief sie ; » Sie haben es vortrefflich gemacht , Florentin , aber nun sollen Sie auch uns loben müssen . « - Sie suchte unter den Musikalien . die Gräfin setzte sich zum Fortepiano , und begleitete Julianen und Eduard . Sie sangen ein komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier . Julianens Stimme war überaus süß und schmeichelnd , und sie wußte sie wie eine geübte Künstlerin zu gebrauchen ; auch Eduard hatte eine schöne sonore Baßstimme und sang sehr angenehm . Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den Gesang , abwechselnd bald wie eine Flöte bald wie ein Waldhorn singend , es gefiel allen , und die Fröhlichkeit und das Lachen nahm kein Ende . Es wurden nun Erfrischungen gereicht , man scherzte und vergnügte sich bis tief in die Nacht . » Gute Nacht « , sagte die Gräfin ; » ich hoffe , Ihr Entschluß , einige Zeit bei uns zu verweilen , wird Sie nicht gereuen , wenn Sie erfahren , daß Sie es alle Tage ungefähr wie heute bei uns finden . Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer anweisen , und sein Sie morgen früh nicht der Späteste . « Zweites Kapitel Florentin war allein ; er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers , aus dem er die Aussicht über das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren Tale hatte , wodurch der Strom sich majestätisch und ruhig in großen Schwingungen hinwand . In grauer Ferne beschloß das hohe Gebirge den Horizont ; das Tal war vom Monde hell erleuchtet . Er sah nach den Schatten , die das Mondlicht bildete , und die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten , dann verschwanden . So stand er lange wie gedankenvoll , und dachte doch nichts . Er hatte an diesem Tage so viel neue Eindrücke empfangen , daß er , wie berauscht , sich selbst aus den Augen verloren hatte . Allmählich verhallte es in seiner Seele , wie Töne in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen , bis die Bebungen schwächer werden , und endlich alles ruhig ist . So ward es auch still in ihm , und das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn . Doch konnte er lange keinen fröhlichen Gedanken fassen . Er war schwermütig , es war ihm traurig , daß er allein hier ein Fremdling sei , wo es ein Gesetz schien , einander anzugehören , daß er allein stehe , daß in der weiten Welt kein Wesen mit ihm verwandt , keines Menschen Existenz an die seinige geknüpft sei . Seine Traurigkeit führte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zurück ; der Gesang einer Nachtigall , der aus der Ferne zu ihm herüberklang , löste vollends seine Seele in Wehmut auf , er gab sich ihr hin und bald fühlte er seine Tränen fließen . » Es ist sonderbar ! höchst sonderbar ! « sagte er , als er ruhiger ward ; » wie ich noch die Gesellschaft suchte , lernte ich sie verachten , und nun ich sie floh , nun ich sie haßte , nun muß sie mir wieder liebenswürdig erscheinen ! Und hier in einem vornehmen Hause , wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah : gerade hier muß ich mich wieder mit der Gesellschaft aussöhnen ! ... Es ist doch gut , daß mir noch diese schöne Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt ! So liegt doch die Zukunft nicht mehr so bodenlos vor mir , so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt , an dem die Hoffnung sich erhält ! Und damit sei zufrieden , Florentin ! Suche nicht festzuhalten , was bestimmt ist