Frau Heidling hielt Agathes Hand und streichelte sie immerfort , als könne sie ihr damit das zuckende Herz in magnetischen Schlaf streicheln . Sie hatte eine Angst um Agathes Gesundheit . . . . Und beinahe feige , hinterlistig , die Schuld von ihrem Manne abzuwälzen , begann sie : “ Wenn Dich Raikendorf wirklich lieb gehabt hätte . . . . ” “ Mama ! ” schrie Agathe empört heraus , “ er kann doch nicht ! Er hat auch Schulden zu bezahlen ! Er ist ehrlich gegen mich gewesen ! ” Sie riß ihre Hand aus der ihrer Mutter und ging auf ihr Zimmer . Am Abend aßen Walter und Eugenie bei den Eltern . Sie wollten in den nächsten Tagen nach Heringsdorf reisen . Es sollte das letzte Beisammensein werden . Der Regierungsrat wünschte nicht , daß seine Frau ihnen absagte . “ Dadurch wird die Sache nur herumgesprochen . Es schadet dem Mädchen nicht , wenn sie sich zusammennimmt . ” “ — — Höre mal . Agathe , was ist Dir denn in die Milch gefallen ? ” fragte Walter bei Tisch . “ Du machst ja eine höchst sentimentale Jammermiene ! Hat Dich Dein Landrat geärgert ? ” “ Laß Deine Schwester in Ruhe , sie hat Kopfweh , ” befahl sein Vater ärgerlich . Agathe überfiel ein Zittern , ihr ganzes Gesicht verzog sich zu einer erschreckenden Grimasse . Sie stand auf und ging eilig hinaus : wäre sie geblieben , so hätte sie sich auf ihren Bruder gestürzt — sie fühlte plötzlich etwas wie eine innere wilde , schreckliche Kraft , die sich aus Fesseln losrang und nicht mehr zu halten war . “ Da hört doch aber manches auf ! ” rief Walter . “ Nicht mal einen harmlosen Spaß kann man noch mit ihr machen ! So ein albernes , empfindliches Frauenzimmer ! ” “ Du drückst Dich recht hart aus , ” sagte seine Mutter beklommen . “ Agathe hat auch ihr Teil zu tragen . ” “ Aber Mama , unausstehlich reizbar ist sie wirklich , ” sagte Eugenie . “ Was hat sie denn zu tragen , ” fiel Walter ein . “ Sie sollte Gott danken , daß es ihr so gut geht . Was denn ? Unsereins hat seinen Dienstärger , die Plage mit den Rekruten und die Schinderei von den Vorgesetzten . Dagegen so ein junges Mädchen . . . . Nichts auf der ganzen weiten Welt zu thun , als sich zu putzen und vergnügt auszusehen . . . Alte Jungfernschrullen , sage ich . ” “ Schließen wir mal die Augen , ist doch niemand da , um für sie zu sorgen , ” klagte Frau Heidling in einem dürftigen , jämmerlichen Ton . Ihr Mann warf ihr einen strengen Blick zu . Es verletzte seinen Stolz , mit Walter und seiner reichen Frau von dieser Geschichte zu reden . “ Erstens hat es mit dem Sterben noch lange Zeit , ” begann der junge Offizier , “ und dann hat sie doch uns . ” “ Ja — nicht wahr , Walter , Du versprichst mir , daß Du Deine Schwester nie verläßt ! ” “ Aber selbstverständlich , Mama ! ” Diese unnötige Feierlichkeit jetzt plötzlich zwischen Salat und Rührei — was die Frauen doch alles schwer nehmen . Na , Eugenie hatte Gott sei Dank keine Nerven . “ Agathe kommt natürlich zu uns . Nicht wahr , Frauchen ? ” “ Sie kann ja mit den Kindern spazieren gehen , wenn sie sich nützlich machen will — da sparen wir ein Fräulein , ” sagte Eugenie leichthin . „ Siehst Du , Mama ” ” schloß Walter befriedigt das Gespräch , „ sie findet schon Arbeit bei uns . Wenn wir erst das kleine Mädchen zum Jungen haben . . . Na , gieb mir noch ein Stück Braten . ” Es schien doch , als ob Agathe mit der Zeit vernünftiger geworden war . Sie bekam keinen Blutsturz . Sie meinte nicht einmal , daß nun jede Hoffnung für ihre Zukunft am Ende wäre , sondern biß die Zähne aufeinander und dachte : “ Dann also Dürnheim ! ” Mehr denn je verwandte sie Zeit und Interesse auf die Pflege ihres Körpers und auf ihren Anzug . Wie hatte Onkel Gustavs geschiedene Frau es möglich gemacht , daß der Majoratsherr sie geheiratet ? Jung war sie doch nicht mehr gewesen — gewiß älter als Agathe und von schlechtem Ruf noch dazu . Die Tochter eines Gesindevermieters . Was zog die Männer zu ihr ? Nicht etwa Abenteurer , sondern gute , anständige Männer wie Onkel Gustav , und vornehme Konservative wie den Majoratsherrn , ihren zweiten Gatten ? Agathe begann zu entdecken , daß in diesen Dingen andere Kräfte im Spiel waren , als ihre Erzieher ihr gelehrt hatten . Sie wäre sich gern darüber klar geworden , um ihren Entschluß zu treffen , ob sie sie anwenden wollte und konnte oder nicht . Immer war sie stolz darauf gewesen , zu sein , was sie schien : ein unschuldiges , unwissendes junges Mädchen . In den letzten Jahren hatte das Christentum noch eine festere , strengere Mauer um sie gezogen , als um ihre Freundinnen . Sie hatte nichts hören wollen von den Dingen dieser Welt , sondern den Himmel gewinnen , eindringen in die dornenumzäunte Pforte zu der unaussprechlichen Ruhe der Kinder Gottes . Seit Raikendorf sie beinahe geküßt hatte , träumte sie nur noch von diesem Kuß — nicht mehr von ihm , von seiner Persönlichkeit , sondern einzig von dem Kuß , den sie schon zu fühlen meinte und der ihr dann in Luft verhauchte . Er war ihr letzter Gedanke beim Einschlafen , ihr erster beim Erwachen . Dabei verschwand ihr der Glaube an Gott fast vollständig . Der Heiland , den sie so innig zu lieben sich bestrebt hatte , war ihr fremd und gleichgültig geworden . Sie zweifelte nicht —