erregte Meer können wir uns heute unter keinen Umständen wieder wagen , und der Landweg wird auch arg genug zugerichtet sein . Ich habe den Herren versprochen , ihnen einigermaßen Auskunft darüber zu verschaffen , ob die Rückkehr heute überhaupt noch möglich ist , und ob wir nicht etwa einen zweiten Wolkenbruch zu gewärtigen haben . Die Veranda da oben scheint eine ziemlich freie Aussicht zu bieten ; ich werde nachsehen . “ Er verließ das Gemach und stieg die Treppe hinauf . Die Veranda lag an der anderen Seite des Hauses ; es war ein großer steinerner Anbau , der wohl noch aus einer früheren Glanzperiode des Gebäudes stammte , jetzt , wie dieses selbst , verwahrlost , halb zerfallen , aber unendlich malerisch in diesem Verfall und mit den wuchernden Weinranken , die sich um Pfeiler und Brüstungen schlangen . Eine lange offene Gallerie führte hinüber , und Hugo war eben im Begriff , sie zu durchschreiten , als er aufgehalten wurde . Dicht vor ihm flatterte eine Taube auf , und ihr nach jagte ein Knabe in vornehm städtischem Anzuge . Das zahme , an Menschen gewöhnte Thier dachte nicht an ernstliche Flucht ; es flatterte , wie neckend , am Boden hin , und erst als die kleinen Arme sich ausstreckten , um es zu haschen , schwang es sich leicht empor bis auf das Dach des Hauses , während der ungestüme kleine Verfolger noch im vollen Laufe vorwärts stürzte und dabei gegen den Capitain anrannte . „ Sieh da , Signorino , das hätte ein Zusammenstoß werden können , “ sagte Hugo , indem er den Kleinen auffing , dieser aber , noch im vollen Eifer der Jagdlust , streckte beide Hände in die Höhe und rief lebhaft in deutscher Sprache : „ Ich möchte den Vogel so gern haben . Kannst Du ihn mir nicht fangen ? “ „ Nein , mein kleiner Jäger , das kann ich nicht , ich müßte mir denn Flügel anbinden , “ scherzte Hugo , während er , überrascht , hier seine Muttersprache zu vernehmen , den Knaben genauer ansah . Er stutzte , sah ihm einige Secunden lang tief in die Augen , und hob ihn dann plötzlich empor , um ihn mit aufflammender Zärtlichkeit in seine Arme zu schließen . Der Kleine ließ sich die Liebkosung ruhig , wenn auch etwas verwundert , gefallen . „ Du sprichst ja grade wie die Mama und Onkel Erlau , “ sagte er zutraulich . „ Die Anderen verstehe ich alle nicht , und zu Haus verstand ich doch Jeden . “ „ Ist die Mama auch hier ? “ forschte Hugo hastig . Das Kind nickte und zeigte nach der anderen Seite hinüber ; der Capitain setzte es rasch auf den Boden und trat mit ihm in die Veranda , wo Ella ihnen bereits entgegenkam , die in sprachlosem Erstaunen stehen blieb , als sie ihren Knaben an der Hand seines Oheims erblickte . „ Müssen wir hier zusammentreffen ! “ rief dieser , sie lebhaft begrüßend . „ Ich glaubte kaum , daß Sie die Villa Fiorina überhaupt verließen , und noch dazu in solchem Wetter . “ „ Es war auch der erste Ausflug , den wir wagten , “ erwiderte die junge Frau . „ Das fortgesetzt günstige Befinden des Onkels verleitete uns , eine Fahrt nach den Tempelruinen oben im Gebirge zu unternehmen , aber auf dem Rückwege überfiel uns das Gewitter , und da die Pferde scheu zu werden drohten , so waren wir froh , hier Schutz und Aufnahme zu finden . “ „ Wir sind in dem gleichen Falle , “ berichtete Hugo , „ Nur ging es uns schlimmer , denn wir kamen zur See an . “ Ueber Ella ’ s Antlitz flog ein momentanes Erbleichen . „ Wie ? Sie sind also in Begleitung Ihres Bruders ? Ich ahnte es , als ich Sie erblickte . “ Hugo machte eine bejahende Bewegung . „ Sie sagten mir , daß Sie eine Begegnung um jeden Preis vermeiden wollten – “ begann er von Neuem . „ Ich wollte es , ja ! “ unterbrach sie ihn fest . „ Es ist aber unmöglich gewesen . Wir haben uns bereits gesehen . “ „ Dachte ich ’ s doch ! “ murmelte der Capitain . „ Daher also seine unbegreifliche Stimmung . “ „ Warum haben Sie mir nicht gesagt , daß Sie die Gäste des Herrn von Mirando sind ? “ fragte die junge Frau vorwurfsvoll . „ Ich glaubte Sie in S. und kam ahnungslos , die Villa zu besichtigen . Erst als es zu spät war , erfuhr ich , wer in unserer nächsten Nachbarschaft weilte . “ Hugo streifte mit einem raschen Blick ihr Antlitz , als wolle er sich ihrer Fassung versichern . „ Sie haben Reinhold gesprochen ? “ sagte er in äußerster Spannung , ihren Vorwurf kaum beachtend . „ Nun ? “ „ Nun ? “ wiederholte sie mit beinahe herbem Ausdruck . „ Fürchten Sie nichts ! Signor Rinaldo weiß jetzt , daß er mir und meinem Sohne fern zu bleiben hat . Er wird uns nicht kennen bei einem etwaigen Zusammentreffen , so wenig wie ich ihn kennen werde . “ „ Für heute wäre das allerdings unmöglich , “ entgegnete Hugo ernst , „ denn er ist nicht allein . Ich fürchte , Ella , auch das wird Ihnen nicht erspart bleiben . “ „ Sie meinen eine Begegnung mit Signora Biancona ? “ Ella ’ s Lippen bebten doch , als sie den Namen aussprach , so sehr sie sich auch zwang , ruhig zu scheinen . „ Nun denn , wenn es nicht zu vermeiden ist , so werde ich es zu ertragen wissen . “ Sie waren während des Gespräches an die Brüstung der Veranda getreten . Das Gewitter war in der That vorüber und die Schleußen des Himmels schienen sich endlich erschöpft zu haben ,