Gebüsche ringsum im vollen Blätterschmucke , aber sein frisches Grün war längst geschwunden . Ueberall entfaltete sich das herbstlich bunte Farbenspiel , vom dunkelsten Braun bis zum hellsten Gelb , und dazwischen flammte es oft mit hellem Roth oder dunklem Purpur und täuschte das Auge , als seien es Blumen , die dort blühten – und es war doch nur sterbendes Laub mit seinem letzten trügerischen Schimmer , eine Beute des Windes , der in den Wäldern rauschte und mit scharfem Hauche über die kahlen Wiesen und Felder strich . Der Fluß tobte , vom Regen geschwellt , und wälzte seine trüben Fluthen in rasender Eile vorwärts . Das Gebirge hatte sich in seinen Nebelschleier gehüllt , der , flatternd und zerrissen , die zackigen Gipfel bald auftauchen , bald verschwinden ließ . Tiefer unten an den niederen Waldbergen trieben die Wolken ihr phantastisches Spiel , in endlosem Wechsel aus den gährenden Schluchten emporsteigend und wieder darin versinkend , und im Westen ging die Sonne nieder , von düsterem Stürmgewölke umlagert , das sie wohl glühend zu durchleuchten , aber nicht zu durchbrechen vermochte . Dieselbe Landschaft , hatte einst in ganz anderem Lichte vor den Beiden gelegen , die jetzt so fremd und stumm neben einander saßen . Damals breitete sich das Thal vor ihnen aus , von Sonnenglanz überfluthet , von Sonnenduft erfüllt , mit seinen blauen Bergen und seiner schimmernden Ferne , die „ ein ganzes Eden von Glückseligkeit “ zu bergen schien , und in dem tiefen , kühlen Schatten der alten Linden sprühte der helle Strahl des Nixenbrunnens und spann mit seinem Rieseln und Rauschen die süßen , gefährlichen Traumgebilde – heute tönte nur das Brausen des Flusses , an dessen Ufer die Fahrt entlang ging ; die Ferne verschleierte sich in dichtem Nebel ; die Berge blickten wolkenumhüllt , sturmdrohend herüber , und die Sonne hatte weder Strahlen nach Wärme mehr , nur das flammende blutige Abendroth , das sie als Abschiedsgruß über die Erde sandte . – Das Auge des Freiherrn haftete düster und unverwandt auf der sinkenden Sonne und den kämpfenden Wolkenmassen ; endlich schien er sich fast gewaltsam seinen Gedanken zu entreißen und brach das lange Schweigen . „ Der Himmel deutet auf Sturm , “ sagte er , sich zu seiner jungen Begleiterin wendend . „ Es bricht aber jedenfalls erst in der Nacht los , und ich hoffe , wir sind noch vor Anbruch der Dunkelheit in R. “ [ 340 ] „ Es soll ja jetzt sehr unruhig in der Stadt sein , “ bemerkte Gabriele , indem sie selbst einen ängstlich fragenden Blick auf ihren Vormund richtete , welchen dieser jedoch nicht zu bemerken schien . „ Es hat allerdings einige lärmende Demonstrationen gegeben , “ erwiderte er . „ Die Sache ist aber ohne ernstere Bedeutung und wird bald zu Ende sein . Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen . “ „ Man behauptet aber , daß die ganze Bewegung sich gegen Dich allein richtet , “ sagte Gabriele mit stockender Stimme . Raven runzelte die Stirn . „ Wer behauptet das ? “ „ Oberst Wilten ließ öfter Andeutungen darüber fallen . Ist es wahr , daß man Dir in der Stadt so feindlich gesinnt ist ? “ „ Ich bin in R. niemals populär gewesen , “ erklärte der Freiherr mit vollkommener Gelassenheit . „ Gleich in der ersten Zeit , als ich hierher berufen wurde , galt es , der drohenden Rebellion den Zügel anzulegen . Das ist mir allerdings gelungen , aber man liebt gewöhnlich nicht Den , dem so etwas gelingt . Ich weiß am besten , wie viel Haß und Feindschaft mir mein damaliges Vorgehen geschaffen hat und wie hartnäckig man daran festhält , in mir den Unterdrücker zu sehen , trotz Allem , was ich für die Stadt und die Provinz gethan habe . Wir sind stets im Kriegszustande mit einander gewesen , aber ich habe noch immer die Oberhand behalten , und das wird auch diesmal geschehen . “ Gabriele dachte an die räthselhaften Worte Georg ’ s , für die ihr noch immer keine Erklärung geworden war . Er wich damals ihrem Andringen so entschieden aus , und der Abschied kam so plötzlich und unerwartet . Es waren ihnen ja nur Minuten zum Lebewohl vergönnt , dann mußte der junge Mann sich losreißen , aber er ließ Gabriele in marternder Angst zurück . Sie wußte doch jetzt , daß irgend etwas dem Freiherrn drohte , und sie beschloß auf alle Gefahr hin , ihn wenigstens zu warnen . „ Du stehst aber ganz allein gegen eine Menge von Feinden , “ sagte sie . „ Du kannst nicht wissen , nicht einmal ahnen , was sie im Geheimen gegen Dich unternehmen . Wenn es nun etwas Gefährliches ist ! “ Raven sah sie mit dem Ausdrucke unverhehlten Erstaunens an . „ Seit wann kümmerst Du Dich denn um solche Dinge ? Dergleichen lag Dir doch früher unendlich fern . “ Das junge Mädchen versuchte zu lächeln . „ Ich habe in der letzten Zeit so Manches gelernt , was mir früher fern lag . Hier handelt es sich aber um ganz bestimmte Andeutungen – “ „ Die Dir zugekommen sind ? “ „ Ja . “ Der Freiherr stutzte ; sein Blick gewann wieder die durchbohrende Schärfe , die ihm bisweilen eigen war , als er rasch und hastig fragte : „ Du stehst in Verbindung mit der Residenz ? “ „ Ich habe keine einzige Zeile , überhaupt kein Lebenszeichen von dort erhalten . “ „ Nicht ? “ sagte Raven milder . „ Ich vermuthete es , weil Assessor Winterfeld sich gegenwärtig im Ministerium befindet , wo er mit seiner Ansicht , daß ich ein Tyrann ohne Gleichen sei , wohl Gesinnungsgenossen finden dürfte . Ihm persönlich nehme ich diese Meinung durchaus nicht übel , denn ich war genöthigt , ihm und seinen Wünschen in einer Weise entgegenzutreten , die ihn immerhin berechtigt