verlor , denn wenn er auch jetzt das ganze Feuer verschwendete , das seinen matten Augen noch zu Gebote stand , sie kamen doch nicht auf gegen jenen dunkelglühenden Blick , der sich strafend , und doch mit so räthselhaft zwingender Gewalt in das Innere des jungen Mädchens gesenkt . Franziska hatte Recht . Lucie war eine Andere geworden seit jenem Tage ; mit Gleichgültigkeit , ja mit Widerwillen wendete sie sich von einer Sprache ab , die sie einst mit so vielem Vergnügen angehört . Dem Grafen entging es nicht , daß die junge Dame heute auffallend kühl und ernst aus den blauen Augen schaute , daß sie ihren Schritt auffallend beschleunigte und nur sehr einsilbige Antworten gab ; aber an dem Eindrucke seiner Persönlichkeit zu zweifeln , fiel ihm natürlich nicht ein . Er schob dies veränderte Wesen gänzlich auf Einschüchterung von Seiten des Bruders und der Erzieherin und wurde allmählich kecker in Ton und Worten . Er klagte leidenschaftlich über die lange Trennung , verschwur sich hoch und theuer , daß keine Macht der Erde ihn zwingen werde , Rhaneck zu verlassen und nach der Residenz zurückzukehren , wenn er nur die Hoffnung habe , sie öfter sehen und sprechen zu dürfen , und war eben im Begriff , seine frühere Liebeserklärung , wenn auch mit Rücksicht auf den feuchten Lehmboden diesmal ohne Fußfall , zu wiederholen , als Lucie ihn auf einmal unterbrach . „ Ich bitte , schweigen Sie davon , Herr Graf ! Ich will das nicht hören ! “ Ottfried stutzte , er hatte diesen entschiedenen Ton gar nicht in dem jungen Mädchen gesucht . „ Sie wollen es nicht hören ? “ wiederholte er langsam , während sich ein leiser Hohn in seine Stimme mischte . „ O mein Fräulein , könnten Sie wirklich so hart sein , mir jetzt ein Gehör zu verweigern , das ich doch einst bei Ihnen fand ? “ Lucie erröthete , aber es war die Röthe der Scham und des Unwillens , die ihr das Blut in die Wangen trieb ; zum ersten Male empfand sie jetzt das Beleidigende in dieser Art von Annäherung , das bisher ihrer Unerfahrenheit völlig entgangen war ; aber mit dem Bewußtsein der Beleidigung kam auch der Stolz . „ Ich werde doch wohl die Freiheit haben , zu thun , was mir beliebt ! “ entgegnete sie mit vollster Heftigkeit , „ und ich erkläre Ihnen jetzt , Herr Graf , daß ich Sie nicht länger anhören mag . Verlassen Sie mich ! “ Lucie irrte sehr , wenn sie glaubte , den Grafen dadurch zurückzuscheuchen ; er war nicht der Mann , sich durch eine wenn auch noch so entschiedene Abweisung schrecken zu lassen , und der unerwartete Widerstand , der plötzlich hervorbrechende Trotz des jungen Mädchens , das er schon ganz in seinen Banden wähnte , gab ihr nur einen Reiz mehr in seinen Augen . „ Wie allerliebst Ihnen der Trotz zu Gesichte steht ! “ sagte er mit malitiösem Lächeln . „ Sie vergessen nur , daß wir allein sind und daß ich nicht der Thor sein werde , Ihnen zu gehorchen , wenigstens nicht , ohne vorher diesen reizenden kleinen Mund geküßt zu haben , der auf einmal so harte Worte spricht . “ Er beugte sich zu ihr nieder ; aber in demselben Moment war Lucie auch schon drüben auf der andern Seite der Straße ; glühend vor Zorn und Entrüstung blieb sie hier einen Augenblick stehen . Sie befanden sich gerade in jenem Punkte , wo der kürzere und freilich auch gefährlichere Weg , der von N. herab über die „ Wilde Klamm “ führte , in die Fahrstraße mündete ; seitwärts durch die Tannen schimmerten die weißen Mauern eines Gebäudes , der Wallfahrtskirche , die sie schon beim Heraufsteigen bemerkt hatten und die kaum hundert Schritte abseits vom Wege lag . Der Blick des jungen Mädchens überflog den letztern , ob der Bruder noch nicht nahe , und als nichts dort zu erblicken war , faßte sie rasch ihren Entschluß . Ohne ein Wort , ohne einen Blick weiter kehrte sie plötzlich dem Grafen den Rücken und schlug den Seitenpfad ein . Ottfried stand anfangs betroffen von dieser Bewegung , die er sich nicht zu erklären wußte ; gereizt folgte er ihr nach Verlauf von einigen Secunden , aber es war bereits zu spät . Aus den Tannen heraustretend , gewahrte auch er die vor ihm liegende Kirche und sah gerade noch , wie Lucie die Stufen hinaufschritt und in das offene kleine Gotteshaus eintrat . Der junge Graf biß sich auf die Lippen . Er war doch zu sehr Katholik , zu sehr von Vater und Oheim in den Formen seiner Religion geschult , um nicht , wenn auch nur äußerlich , den Ort zu respectiren , wohin sich das junge Mädchen vor ihm geflüchtet . Mußte diese – unbequeme Kirche auch gerade hier am Wege liegen ! Aber das Zurückbleiben hätte der Niederlage auf ein Haar gleich gesehen , und diesen Gedanken ertrug Ottfried nicht . Seine Weltgewandtheit kam ihm dabei zu Hülfe ; er trat gleichfalls ein , bekreuzigte sich in vorgeschriebener Weise , machte dem Hochaltar eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und gesellte sich dann zu Lucie , indem er ruhig und artig , als sei nicht das Geringste vorgefallen , als sei ihr Gespräch nur eine harmlose Plauderei und das Benehmen , das er sich erlaubt , nur ein flüchtiger Scherz gewesen , fragte , ob Fräulein Günther nicht auch finde , daß die Kirchen hier zu Lande sehr schön seien . Sie sah ihn im ersten Augenblick ganz fassungslos an . Wenn sie auch fühlte , daß er sofort den Ton geändert und daß sie hier wohl vor weiteren Zudringlichkeiten sicher war , diese Art , das Vorgefallene gänzlich zu ignoriren , verletzte sie fast noch mehr , als eine Erneuerung seiner Unverschämtheit es gethan hätte ; ohne ihn einer Antwort zu würdigen , wendete sie ihm den