zweifelhafte , unwürdige Stellung in schreckhaft klaren Umrissen . » Das wissen und sehen wir alle , « hatte sie eben gesagt – sie war ein Gegenstand der mitleidigen Beobachtung . Der ganze Stolz der » Trachenbergerin « , aber auch die gekränkte Frauenwürde wurde in ihr lebendig . Aeußerlich wenigstens durfte sie die Demütigungen , die sie erleiden mußte , nicht zugestehen . » Das alles geschieht infolge eines Uebereinkommens zwischen dem Baron und mir , liebe Frau Löhn ; darüber haben andere kein Urteil , « sagte sie freundlich gelassen und hielt der Frau , die betroffen schwieg , die Hand hin , um über die Kompresse einen trockenen Leinwandstreifen binden zu lassen ... Am äußersten Ende des Weges erschien eben auch die abgesandte Hofdame mit Leo , » um sich im allerhöchsten Auftrag der Frau Herzogin nach der armen Patientin umzusehen « – wie sie sich beim Näherkommen ausdrückte . Die Beschließerin verschwand für einen Augenblick im indischen Hause , während Liane , in Begleitung der Hofdame und Leo an der linken Hand führend , nach den Ahornbäumen zurückkehrte . Sie schauerte in sich zusammen , als sie dort » dem gelben vertrockneten Gerippe « im Fracke mit jedem Schritte näher kam , als sie die bleichen Hände mit den nervös auf dem Tische spielenden Fingern sah , die mit einem wütenden Griff ein Menschenleben nahezu erdrückt hatten ... Ob diese Finger nicht auch mörderisch die Kehle der alten Frau gepackt hätten , die jetzt , rasch hinter ihr herkommend , in das Jägerhaus ging , wenn ihm die Ahnung gekommen wäre , daß sie um sein schwarzes Geheimnis wisse , ja daß sie es eben verraten ? Der Mann hatte einen dunklen Schatten , zwei unablässig nach dem Tage der Enthüllung , der Sühne ausspähende Augen neben sich , ohne es zu wissen . Wer hätte das hinter dem mürrischen Steingesicht , in der so ruhig und derb daherkommenden Gestalt gesucht , die jetzt , als sei kein einziges jener fürchterlichen Worte über ihre Lippen geschlüpft , den Anwesenden , und auch Liane , unbefangen eine Platte voll Erfrischungen präsentierte ! 16. Das Geräusch der wegfahrenden herzoglichen Equipagen war längst verrollt . Auf einen » bittenden Befehl « der Herzogin hatte Mainau sein Pferd vorführen lassen , um sie ein Stück Weges zu begleiten ; zugleich war dem Hofprediger die Auszeichnung zu teil geworden , im Fond neben die fürstliche Frau befohlen zu werden – die Prinzen mußten sich mit dem Rücksitz begnügen . Die Hoheit war offenbar in sehr glücklicher Stimmung – sie wußte ja nicht , daß sich bei diesem Anblick manche Faust in der Residenz insgeheim ballen würde – wer hätte ihr das sagen sollen ? Und wenn auch – bah , was lag ihr an der Meinung im Volke , wenn es galt , ihre Kirche zu verherrlichen ? Die regierende Linie des herzoglichen Hauses war nicht katholisch – der Erbprinz und sein Bruder wurden im protestantischen Glauben erzogen ; dagegen war die Seitenlinie , welcher die Herzogin entsprossen , im Schoß der alleinseligmachenden Kirche verblieben . Die zumeist protestantische Bevölkerung des Landes war deshalb nie sehr erbaut gewesen von der Wahl des Regierenden , welche die bigotteste der Durchlauchtigsten Kousinen auf den Thron gehoben hatte . Es währte auch damals nicht lange , da war der Kaplan des wenig begüterten Seitenzweiges Hofprediger geworden , und wenn nicht die Hand des Todes jäh dazwischen gegriffen hätte , dann wäre – so raunte man sich zu – ein Glaubenswechsel auf dem Throne unausbleiblich gewesen ; denn der Herzog hatte seine Gemahlin abgöttisch geliebt und sich ihrem Einfluß in allen Stücken blindlings unterworfen ... Wie das personifizierte Glück und Unheil saßen sie bei der Abfahrt von Schönwerth nebeneinander , die rosenfarbene , heiter lächelnde Fürstin und der schwarze Priester mit dem eigentümlich erblaßten Gesicht , der heute für alle verschwenderisch gespendete Huld und Gnade nur ein finsteres Lächeln hatte . Mit der Verbeugung gegen die Herzogin hatte sich Liane zugleich von Mainau verabschiedet und ihn gebeten , sich für heute ganz in ihre Appartements zurückziehen zu dürfen , was er ihr vom Pferd herab mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln ohne weiteres zugestanden ... Nun war sie allein – der Hofmarschall hatte Leo reklamiert , um nicht so einsam am Abendtisch zu sein , falls Mainau in der Stadt bleiben werde – allein , sich selbst überlassen , in ihrem blauen Boudoir . Sie hatte einen weißen Schlafrock übergeworfen und sich , weil ein stechender Kopfschmerz sie folterte , von der Kammerjungfer das schwere Haar vollständig lösen lassen – da brachte ihr stets Erleichterung . Trotz dem Kopfweh und mit der verbundenen , heftig schmerzenden Hand hatte sie sich doch einen kleinen Tisch vor die Chaiselongue getragen , um an Ulrike zu schreiben ; aber mitten in dem Erguß war sie gezwungen gewesen , die Feder hinzuwerfen und mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen sich auf das Ruhebett hinzustrecken . Da lag sie , den Kopf auf der untergelegten linken Hand , in das blaue Polster geschmiegt , stundenlang unbeweglich und sah die glänzenden Atlasfalten der gegenüberliegenden Wand alle Tinten der Abendbeleuchtung , vom glühenden Purpur bis zum flimmernden Goldgelb widerspiegeln . Ueber den Busen herab fiel ihr ein breiter Strom des wogenden Haares und lag drunten auf den blauen Cyanen des Teppichs ; diese vollen , schweren Ringel konnte der letzte Abendstrahl noch erreichen – sie funkelten fast dämonisch , wie jenes rote Metall , das die Gnomen eifersüchtig hüten ... So still und gelassen sie sich auch äußerlich verhielt , so fieberhaft jagte ein Reigen von Gedanken durch ihr aufgeregtes Gehirn . Sie mußte an » die luftige , aus Spitzen zusammengewobene Seele « denken , die mit Messern und Scheren um sich geworfen hatte – diese jasminduftende Valerie war das Schoßkind bei Hofe gewesen , der böse alte Mann sprach nur in vergötternder Ekstase von ihr , und Mainau – nun , er hatte diese Frau nie geliebt ; er gedachte ihrer nur unter