an : » Ach Gott , Liebste , das sind ja überwundene Geschichten und es ist auch gut so ; – damals wurde es mir allerdings ein bißchen schwer , den Rittmeister abzuweisen , aber – – – du weißt ja , mein seliger Mann hat eine so sonderbare Klausel in sein Testament gebracht , warum ? das habe ich nie ergründen können , er wollte wohl seinem Kinde die Mutter ganz und ungeteilt erhalten . – Hat es dein Mann dir denn nie erzählt ? « » Nein , « versicherte die Geheimrätin , » er sagt mir nie etwas , er gleicht einem Buch mit sieben Siegeln . « » Das ist wohl übertriebene Gewissenhaftigkeit von ihm , « entschuldigte Frau Amtsrat , » übrigens , er kennt das Testament ganz genau , das ja durchaus kein Geheimnis ist . Die Klausel lautet dahin , daß ich , sobald ich mich wieder verheiraten sollte , mich des Rechtes über meine Tochter zu begeben und ihre Erziehung in Tante Lottens Hände zu legen habe . « » Aber , so etwas ! « erwiderte die Geheimrätin empört . » Ja , ja , « nickte die schöne Frau , » es war ein harter Schlag für mich . « » Dieser Othello ! Das hat er aus Eifersucht getan ! Nein , so ein raffiniertes Mittel auszudenken ! « zürnte die Schwägerin . » Na , laß nur – er war doch ein guter Mann , eine Seele von einem Menschen und sichtlich von dem Gedanken ausgegangen , daß ich , bei meinen neuen Pflichten , möglicherweise sein über alles geliebtes Kind vernachlässigen könnte , und – kurz und gut , er kannte mich . Das Kind an Tante Lotte abzutreten ? lieber 228 wäre ich gestorben ! – So sprach ich damals denn mit schwerem Herzen das Nein ! und blieb bei Röschen . « » So , so ! Na , da hattest du freilich keine Wahl , « sagte die Geheimrätin . » Sie sind doch alle ein bißchen eigentümlich , die Wendenburgs , dein Mann und meiner , und auch diese Tante Lotte . Sie würde ja das Würmchen ganz gut erzogen haben , aber welche Mutter will denn auf ihr Kind verzichten ? Die Tante Lotte ist so eine Art Heilige in der Familie , mein Mann liegt auch anbetend vor ihr auf den Knien . Es ist ja recht hübsch , wenn einer seine Schwester liebt , aber , weißt du , wenn man immerfort nur hört : › Lotte würde hierin so denken , und Lotte würde das tun , ‹ – zum Verzweifeln ! « » Siehst du ! Siehst du ! « fiel Frau Amtsrat mit bebender Stimme ein , » das ist ' s , was mein Leben vergiftet hat . Du bist weit fort von ihr , aber mich hat der letzte Wille meines Mannes dazu verdammt , immer mit dieser Lotte des Kindes wegen zusammen zu sein . Sie tut einem ja nichts , im Gegenteil , sie ist fürchterlich bescheiden , aber ewig hat man sie vorgehalten bekommen als Muster aller Vorzüglichkeit , des Morgens zum Kaffee und des Abends aufs Butterbrot . Nein , dieser Kultus , er ist zu toll , ich wäre ja lieber gestorben , als daß ich ihr das Kind ausgeantwortet hätte ! Und wenn sie etwa denkt , jetzt auf anderen Wegen zum Ziele zu kommen , so irrt sie sich , da kennt sie mich schlecht ! Aber – ging da nicht jemand ? « unterbrach sie sich erschrocken , denn eben fiel ein Lichtschimmer durch den Spalt der Tür , die nach dem Flur führte . » Wer ist da ? « fragte nun auch die Geheimrätin , aber niemand antwortete . Und im Fremdenstübchen , da saß ein trauriges junges Mädchen und stützte sinnend den Kopf auf die Hand . Also , das war es ! O weh , wie würde das enden ? Nun verstand sie den Haß auf die Tante und Fritz , nun begriff sie , weshalb sie hierher gereist waren . – Der Winter verging , der Sommer zog ins Land . Am Todestage seiner Frau legte der Oberamtmann Bartenstein mit gefaßter Miene einen prächtigen Kranz auf ihr Grab , und am Abend 229 desselben Tages trennte er höchst eigenhändig den Trauerflor von dem Ärmel seines grauen Überziehers . Eine Woche später fuhr er , um Besuche zu machen , in die Stadt , obgleich man sich mitten in der Erntezeit befand . Der letzte Winter war doch zu ungemütlich gewesen in seiner Einsamkeit und Leere ! Zuallererst fuhr sein schmucker Zweispänner bei Wendenburgs vor . Frau Amtsrat wollte eben in einen Kaffee gehen , es war zwischen vier und fünf Uhr . Sie legte aber eilig das Spitzencape wieder ab und empfing den Herrn Nachfolger auf dem Hilgendorfer Thron mit größter Liebenswürdigkeit in ihrem Salon , der ganz erfüllt war von Rosenduft , und in dem eine leichte rosige Dämmerung herrschte , die durch die roten Seidenstores der Fenster fiel . Die hübsche Frau , die ihm so freundlich entgegenkam , hätte man in dem rosa Lichte für achtzehnjährig halten können , wäre ihre Fülle nicht die der reifen Frau gewesen . Jedenfalls starrte der Witwer sie nachdenklich und lange genug an , als er ihr gegenübersaß und einige höfliche Phrasen mit ihr wechselte . Sie fragte unaufhörlich nach Hilgendorf , dem lieben , trauten Nest , so glücklich sei sie dort gewesen . Er konnte nicht umhin , die Frau Amtsrat dringend einzuladen , sich einige neue , wie er glaube , vorteilhafte Veränderungen dort anzuschauen . Sie versprach es eifrig und setzte hinzu , er werde hoffentlich gestatten , daß sie ihr Töchterchen mitbringe , die leider heute nicht daheim sei . » Aber selbstverständlich ! Ich schätze mich glücklich , und falls Ihr Herr Neffe gerade anwesend sein sollte , gnädige Frau , so bitte ich ebenfalls um die