wurmstichigen Kommode und der eisernen Bettstelle , in der rot und weiß bezogene Kissen sich breiteten . Sie sah das alles nicht , sie dachte nur daran , daß der Mensch , den sie allein liebte auf der Welt , ihr Bruder , aus sicherem Hafen wieder hinaustreiben sollte auf das Meer des Lebens , exjstenzlos und unfrei . Ja , wenn er als ungebundener junger Mann wieder hinaustriebe , dann wäre ihr nicht bange , aber der Ballast der mittellosen , verwöhnten Frau , mußte der die Fahrt nicht hemmen ? Sie begann ganz mechanisch ihre Sachen auszupacken , dann zögerte sie – wenn nun Heinz nicht hier bleibt in Breitenfels ? Doch gleich darauf hob sie mit einer entschiedenen Bewegung den Kopf in den Nacken und errötete , sie dachte an die mutterlosen Kinder daneben , an den Mann mit den müden , bekümmerten Augen , dem sie sich freiwillig als Stütze angeboten , und hastig hing sie die Kleider in den Schrank , legte die Wäsche in die Kommode , stellte die Photographien der Mutter und Schwester darauf und kleidete sich um . Eben war sie im Begriff , das Fenster zu öffnen , damit die reine herbe Luft in den dunstigen Raum dringe , da klang ihr aus dem kalten Hauch , der hereinwehte , ein tiefer , feierlicher Ton entgegen , dem ein zweiter , noch tieferer folgte – die Glocke der Schloßkirche begann zu läuten und verkündete der Stadt und dem Lande , daß die alte Herzogin eingeschlafen sei , um nie wieder zu erwachen . Das blasse Mädchen lehnte den Kopf an das Fensterkreuz und faltete die Hände , und unter den tiefen feierlichen Klängen ward es still in ihrem Herzen , als seien diese Töne ein Wiegenlied . So müde und abgehetzt vom Leben war sie , daß ihr dies Totengeläute zum Trost wurde.- „ Einmal kommt Ruhe , einmal schläft man ! “ sagte sie halblaut . Schlafen dünkte sie das Wünschenswerteste nach dem grauen sonnenlosen Tag , der das Leben für sie gewesen . An ein Weiterleben mochte sie nicht mehr glauben sie , die doch sonst so religiös war , so innig beten konnte , hatte jetzt doch nur den einen Wunsch : lasse mich einschlafen , um nie wieder zu erwachen , auch droben nicht ! Meine Seele kann sich doch nicht freuen sie hat ’ s nie gelernt hier unten . „ Schlafen ! “ sagte sie noch einmal . Eine ganze Stunde lang läuteten die Glocken , und unter ihren Klängen suchte sie ihr Lager auf und schlief ein . Sechs Tage später saß Hedwig Kerkow in der Wohnstube der Oberförsterei , das kleinste Mädchen neben sich auf der Fensterbank , wo es mit seinem Püppchen beschäftigt war , dem es ein schwarzes Läppchen umwickelte , denn es sollte nachher Begräbnis gespielt werden . Hedwig war nicht viel zur Ruhe gekommen , sie hatte sich mit aller Kraft an die übernommene Aufgabe gemacht , und da gab es viel zu schaffen . An Karoline vollzog sie ihre erste Wunderkur . Aus dem Mädchen , das unter Fräulein Stübkens Leitung respektlos und eingebildet geworden , entwickelte sich im Handumdrehen eine bescheidene , folgsame Person . Das ganze Haus war einer gründlichen Reinigung unterworfen worden , vor allen Fenstern hingen neue Gardinen , die der Oberförster gern bewilligt hatte , als Hedwig ihn aufmerksam auf die nicht mehr zu verbergenden Schäden der alten machte . Hedwig hatte selbst die Auswahl treffen dürfen , und anstatt der bläulich-weißen , steifgestärkten Dinger hingen jetzt zwar billige , aber doch neue , gelblich getönte Spitzenvorhänge an den Fenstern und gaben den Zimmern ein bedeutend besseres Aussehen . Der Tisch war mittags gefällig gedeckt , sämtliches angebrochenes Service hatte Hedwig erbarmungslos kassiert , Servietten waren vollzählig vorhanden – Fräulein Stübken hatte es damit nicht so genau genommen – und Karoline trug mit weißer sauberer Schürze und gesittetem Benehmen die Suppe auf . Die Kinder prangten in hellen Schürzen , keine Thür wurde mehr knallend zugeworfen , selbst die Herren Hunde betrugen sich besser und nahmen ihr Fressen in einem Winkel des Flurs mit demselben Appetit ein wie früher in der Wohnstube , wo es nach ihrem Diner keineswegs sehr anmutig zu riechen pflegte . Das feine Wesen der neuen Hausdame schuf wie von selbst eine Atmosphäre von Traulichkeit . Nur des Oberförsters Zimmer blieb unberührt . Der eimsame Mann saß da drüben nach wie vor mit seinem gekränkten Herzen , seiner Bitterkeit , in blaue Tabakswolken gehüllt und kam , wie er gesagt hatte , nur zu den Mahlzeiten herüber , und auch das bis jetzt selten genug , denn mehreremal hatte er in irgend einem Försterhause auf seinen Berufswegen gespeist und kehrte erst heim , wenn der Abend graute . Hedwig bekümmerte sich darum nicht , bemerkte es nicht einmal . Die wenige Zeit , die ihr blieb , sich mit ihren eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen , gehörte dem Bruder . Gesehen hatte sie ihn noch nicht , sie wußte nur aus ein paar flüchtigen Zeilen , die er ihr sandte , daß er mit seiner Frau sofort zurückgekehrt sei und jetzt überviel zu thun habe , um die Beisetzungsfeierlichkeiten zu ordnen . Eine Unmasse fremder Gäste werde erwartet , die halbe Residenz nehme teil . Heute nun , um zwei Uhr , sollte die Ueberführung der Leiche in die Gruft zu Holmsrode , einer alten Breitenfels ’ schen Besitzung , stattfinden . – Der Gemahl der verstorbenen Herzogin ruhte dort , es war der Lieblingsplatz desselben im Leben gewesen , und die Gattin sollte seiner Bestimmung gemäß neben ihm schlafen dereinst . Der Weg nach Holmsrode war mit ein paar raschen Pferden in einer Stunde zu machen ; im Schritt mit dem Leichenkondukt aber brauchte man drei Stunden , und dazu ein Januartag im funkelnden Schneegewand bei zwölf Grad Kälte ! Der ganze Platz stand voller Menschen , der Weg vom Schloß herab über denselben hinweg , der Totenweg ,