alle längst vergangen , diese Kinderträume – er war ein Mann geworden . Ein Mann ? Nein , ein weichlicher Träumer , dem das bischen Unglück die Hand gelähmt ! Dort oben saß sie jetzt , die alte Frau , und schrieb , um ihn zu retten , einen Brief , der ihr vielleicht der schwerste war im ganzen Leben , und sie that es , weil er kein Mann war . „ Ich muß nach Hause . “ Lieschen nahm ihr Pelzjäckchen vom Stuhl . „ O , bleibst Du nicht heute Abend ? “ fragte Nelly . „ Ich danke , ich kann leider nicht . “ erwiderte sie zögernd , „ Pastors bekommen heute bei uns bescheert , weißt Du Nelly , und da darf ich doch nicht fehlen . “ „ Ah , richtig , aber komm bald wieder ! “ „ Gewiß ! “ „ Darf ich Sie geleiten ? “ tönte da auf einmal Army ’ s Stimme in ihr Ohr . „ O nein , ich danke , “ stammelte sie verwirrt , „ ich – “ „ Es ist heute Feiertag – Sie könnten Betrunkenen begegnen . “ schnitt er ihr die Antwort ab und nahm Mütze und Degen . Es war ein wundervoller Winterabend , der sich draußen über weihnachtliche Erde gesenkt ; kein Lüftchen bewegte sich ; in lautloser Stille lag die Welt da in eine leuchtend weiße , steckenlose Schneedecke gehüllt , überwölbt von einem Himmel , von dem Millionen Sterne durch die klare kalte Lüft herabfunkelten . Dort unten im Dörfchen blickten die erleuchteten Fenster unter den schneebedeckten Dächern hervor , und hier oben am Scheidewege , an der verschneiten Sandsteinbank , da steht ein schlankes Paar ; wie verwundert streckt die alte Linde ihre kahlen Aeste über die jungen Häupter hinaus , als müsse sie die Beiden verstecken , daß kein Auge sie erschaut . Ist es denn jetzt Zeit zum Lieben ? scheint jedes kahle Zweiglein zu fragen , jetzt wo keine Nachtigall singt , kein grünes Land einen Liebesgruß flüstern kann ? Und doch – des Mädchens Kopf liegt so still an seiner Brust , und in den blauen Augen , da glänzt ein unermeßlicher Himmel von Liebe und Glück . „ Ich soll Dir helfen , daß das Leben Dir nicht mehr so finster ist , Army ? Wirklich ? “ „ Wenn Du wolltest , Lieschen ! “ erwiderte er leise und küßte sie auf die Stirn . „ Ob ich will ? “ fragte sie erglühend , und schmiegte sich fester an ihn , „ ob ich glücklich sein will ? “ – – Wie war es nur gekommen ? Wie war ihr nur zu Muthe , als sie jetzt allein über den Mühlensteg schritt ? Wie im Traum klangen ihr seine ernsten Worte nach , fühlte sie den Kuß auf ihrer Stirn wie Feuer brennen – und doch war es Wirklichkeit , erlebte Wirklichkeit , was ihr Herz so hoch aopfen machte ? Und morgen – ihr klopfendes Herz stockte jäh , als sie die erleuchteten Fenster des Hauses sah – dann wird er zu ihrem Vater kommen . Sie war Braut , eine glückliche Braut , seine Braut ! Sie blieb stehen und schaute zurück : dort drüben mußte er jetzt gehen , vorüber an der einsamen alten Linde , die trotz Schnee und Eis das süßeste Glück erblühen sah heute Abend . Er hatte sie lieb , wirklich lieb ? Sie schüttelte den Kopf über das Wunder , das nie gehoffte Wunder , und die Eltern und die Muhme mußten sie ihr nicht ansehen , daß sie – ? Nein , nein , jetzt noch nicht , erst wenn Pastors fort sind , dann wollte sie es dem Vater sagen , daß morgen Einer kommen wird , der – Und nun trat sie in die Hausthür ; die alte Schelle klapperte heute so abscheulich laut , und sie wollte doch erst unbemerkt in ihr Stübchen hinauf . Nein , das ging nicht , denn eben hob die Muhme den Vorhang vom Fenster der Stubenthür , und gleich darauf wurde diese geöffnet . „ Ei , Du Ausbleiberin ! “ tönte freundlich die alte Stimme , „ just wollte ich die Dörte schicken , glaubte schon , es hätte Dich Einer mitgenommen unterwegs . “ „ Guten Abend ! “ erwiderte sie , aber die Stimme versagte ihr beinah vor stürmischem Herzklopfen , „ ist ’ s wirklich schon so spät ? “ „ Nun , ich meine , “ sagte die alte Frau und schloß die Thür hinter ihr . Da saß der Vater an dem runden Tische , und die Mutter mit dem Onkel Pastor auf dem Sopha . „ Da bist Du ja ! “ begrüßte der Vater sie freundlich und zog die schlanke Gestalt an sich , „ was sagst Du nun , Liesel ? Denke doch , die Kinder in der Pfarre haben ’ s Scharlach und können nicht zur Bescheerung kommen . Gelt , das ist traurig ? “ „ Sehr traurig ! “ wiederholte sie , aber ihre Augen leuchteten so wunderbar , und um ihren Mund spielte ein so glückliches Lächeln ; das stand gar nicht im Einklang mit ihren Worten . Zu jeder anderen Zeit würde sie in lautes Bedauern ausgebrochen sein , aber heute – sie hatte kaum ein Verständniß für das , was ihr da eben mitgetheilt worden . [ 804 ] „ Einen Augenblick nur – ich lege oben in meiner Stube ab ; ich bin gleich wieder da , “ und fort war sie . „ Was hat nur das Kind ? “ fragte Frau Erving ängstlich . Das Kind aber , das stand hochaufathmend in seinem kleinen Stübchen . Die Pelzjacke und Mütze flogen auf den nächsten Stuhl , und dann sank sie auf die Kniee vor ihrem Bette , wie sie jeden Abend ihr Gebet sprach , sie drückte den glühenden Kopf in die Kissen