vor mir gefürchtet und bist nicht einmal ins Dorf gekommen . « » Ach ; aber wie können Sie so etwas denken ? Der Karle war gerade so krank , da hab ' ich den Maxel geschickt mit dem Brief . Er hätte ihn richtig abgeliefert , sagte er . « » Wann , Anne Marie ? « » Am vorigen Montag , Fräulein . « » Ich hab ' keinen bekommen , wahrhaftig nicht ! « » O Jesses ! Was sind das für Geschichten ! Er hat gesagt , das Fräulein habe ihn selbst abgenommen an der Brücke im Park . Sie habe ihm den Kopf dafür gestreichelt , und er sei darum so rasch wiedergekommen . « » Das bin ich nicht gewesen , Anne Marie , der Brief ist in falsche Hände gekommen ! « » OH , mein Gott ! Ich bin unschuldig , ich kann nichts dafür , Fräulein Gretchen – « » Bitte , Anne Marie , komm morgen mit Maxel zu mir . Ich muß alles genau wissen , ich bitte dich darum . « » Gewiß ! Ja , gleich morgen früh , seien Sie mir nur nicht böse . « Fieberhaft rasch schritt ich weiter . Nun wußte ich ja , woher die schöne Witwe mein Geheimnis kannte . Den Brief hatte ihr jedenfalls ein tückischer Zufall in die Hände gespielt . Er hatte vielleicht sehnsüchtig auf eine Antwort gewartet , während ich in Angst und Leid um sein Stillschweigen beinahe verging . Wer weiß , was dieses ränkesüchtige Weib ihm alles erzählte , um mich zu verdächtigen ? Sie brauchte ein Spielzeug , um sich für die an Abwechslungen arme Witwenzeit zu entschädigen , da war der schöne Vetter willkommen – wie fatal , daß sie da entdecken mußte , er habe eine ernsthafte Neigung gefaßt für dieses verhaßte Mädchen aus dem Pfarrhaus « . Die mußte beseitigt werden ! Gott weiß , zu welch teuflischen Mitteln sie gegriffen hatte . » Mein Gott « , flüsterte ich , während mir diese Gedanken durch meinen schmerzenden Kopf wirbelten , » gib mir Gelegenheit , ihn zu sehen , zu sprechen , er muß sich ja überzeugen , daß alles nur Lüge ist , er muß das Spiel durchschauen . « Da trat mir an der kleinen Brücke , die ich eben überschreiten wollte , eine hohe , dunkle Gestalt entgegen – wie hingezaubert stand er vor mir . » Eberhardt ! Wilhelm ! « schrie ich auf in der Angst meines gepeinigten Herzens und wollte meinen Arm um seinen Hals schlingen . » Wilhelm , ich kann ' s nicht mehr ertragen , ich sterbe , wenn du noch länger so grausam gegen mich bist ! « Ei trat rasch zur Seite , meine Arme sanken herab . Er legte die Hand an seine Mütze , verbeugte sich tief und gab mir den Weg frei . Es lag ein solcher Hohn in dieser Stellung , daß ich außer mir und mit gefalteten Händen vor ihn hintrat und bat : » Eberhardt , um Jesu willen , sei nicht so fürchterlich , sei barmherzig , ich kann ' s nicht mehr tragen , höre mich an ! « Eine nochmalige tiefe Verbeugung erfolgte , dann schlug er seinen Mantel zusammen , schritt an mir vorüber und verschwand in der Dunkelheit meinen Blicken . Ich starrte in die Richtung , die er eingeschlagen hatte , als müßte ich die Finsternis mit meinen Augen durchdringen . » Wilhelm ! « wollte ich rufen , aber das Wort kam nicht über meine Lippen . Meine Knie brachen zusammen , ich sank auf die nasse Erde und schlug mit der Stirn gegen das Brückengeländer . Der heftige Schmerz verhinderte eine Ohnmacht . Ich richtete mich mit Anstrengung wieder auf und preßte die Hand gegen meine blutende Stirn . Unaufhörlich rieselte der feine Regen hernieder , die Wellen des kleinen Flusses murmelten und glucksten unter der Brücke , finster und unheimlich war die Natur , aber unheimlicher und finsterer war es in meiner Seele . » Spring hinunter , dann ist alles aus ! « flüsterte es in mir – » ein kleiner Sprung ! Es hat ja schon mancher so Ruhe gefunden . « – Ich lehnte mich weit über das niedrige Geländer und streckte die Hände nach dem Wasser aus . – Da stand er plötzlich noch einmal vor mir . » Wilhelm ! « rief ich und bemühte mich vergeblich , meine Hände freizumachen , die er ergriffen hatte und wie mit Eisen umspannt hielt . » Wilhelm , ich bin unschuldig . So wahr ein Gott lebt , man hat mich verleumdet ! « » Natürlich , vollkommen ! Ich bin ja davon überzeugt ! « höhnte er . » Aber warum sollte man nicht aus Langerweile und in Ermanglung von etwas Besserem einen kleinen Roman einfädeln ? Jammerschade , daß dieser geistliche Herr so wenig Routine hat in solchen Sachen . « » Es gibt Leute , die lügen ! « rief ich empört und riß mit einem heftigen Ruck meine schmerzenden Hände los . » Und ich bedaure dich von ganzem Herzen , daß du dich auf so jammervolle Weise hinter das Licht führen läßt . Ich weiß , wem ich es zu danken habe , daß dein Herz sich von mir abwendet . Diese Gräfin Satewski , die meine Kinderzeit vergiftete , sie nimmt mir jetzt das Glück meiner Jugend und meinen guten Ruf ! « Er wollte mich umfassen und küssen . » Wenn du mich nicht mehr liebst , so beleidige mich wenigstens nicht ! « schrie ich in hellem Jammer auf und stieß ihn zurück . » Ich habe nichts getan , was dir ein Recht gibt zu diesem Benehmen , das eines Mannes unwürdig ist ! « Er ließ mich frei , und ich sank auf dem feuchten Wege in die Knie . Wie ich nur nach Hause gekommen bin an diesem Abend !