bei Gott und nicht bei den Menschen . « Zum zweitenmal schlug er den Akkord an , jetzt in Dur . Mit sichtlicher Freude und Teilnahme ruhten die Blicke des Herrn von Erfft und seiner Frau auf ihm . Silvia flüsterte ihrer Mutter etwas zu , diese nickte und sagte zu Daniel : » Eine meiner Schwestern lebt in Nürnberg , die Freifrau Clotilde von Auffenberg . Sie war von Jugend an eine enthusiastische Verehrerin guter Musik , und wenn ich Ihnen einen Empfehlungsbrief an sie mitgebe , würden Sie gewiß mit offenen Armen aufgenommen . Freilich ist sie kränklich , und ein schweres Verhängnis schwebt über ihrem Leben , aber sie hat Herz und ist verläßlich in ihren Neigungen . « Daniel sah vor sich nieder . Er dachte an Gertrud und an die Zukunft mit ihr und murmelte ein paar Worte des Dankes . Frau von Erfft setzte sich gleich an den Schreibtisch und schrieb einen ausführlichen Brief an ihre Schwester . Als sie fertig war , überreichte sie ihn Daniel mit gütigem Lächeln . Am andern Morgen verließ er Schloß Erfft mit dem Bedauern , mit dem man von einem Wohnsitz des Friedens und von edlen Freunden scheidet . 13 In den Straßen Nürnbergs hingen schwarze Fahnen . Es regnete . Daniel bezog ein billiges Zimmer im Bären . Die Dämmerung war eingebrochen , als er sich auf den Weg zu Jordans begab . Im Haustor stieß er mit Benno zusammen . Er erkannte den stutzerhaft gekleideten Menschen nicht und wollte vorübergehen . Aber Benno blieb mit lautem Lachen stehen . » Ei , der Herr Kapellmeister ! « rief er , und das blasse , trotz seiner zwanzig Jahre bereits verlebte Gesicht zeigte einen gewissen Hohn , » nur Vorsicht , mein Lieber , damit die Gertrud nicht in Ohnmacht fällt . « Daniel fragte , ob alle gesund seien . An Gesundheit fehle es nicht , wohl aber an kleiner Münze , versetzte Benno lachend ; mit dem Vater sei nicht mehr viel los , der komme auf keinen grünen Zweig mehr ; na ja , das Alter , die Konkurrenz , die bösen Zeiten . Ob Lenore zu Hause sei , fragte Daniel . Nein , die sei mit der Notarin Rübsam nach Pommersfelden gefahren und wolle ein paar Wochen dort bleiben . » Nun muß ich mich aber sputen , « brach Benno das Gespräch ab , » meine Vereinsbrüder warten auf mich . « » Potzblitz , Vereinsbrüder haben Sie auch ? « » Natürlich , das ist doch die Würze des Daseins . Heute haben wir einen geschäftsfreien Tag ; Königsbegräbnis . Gott befohlen , Herr Kapellmeister . « Daniel läutete oben , und Gertrud öffnete die Türe . Es war dunkel , jeder gewahrte nur die Umrisse des andern . » Du bist ' s , Daniel , « flüsterte sie seligmatt , näherte sich ihm und lehnte das Gesicht an seine Schulter . Daniel wunderte sich , daß seine Pulse so gleichmäßig klopften . Noch gestern hatte ihm der Gedanke an dieses Wiedersehen den Atem benommen . Nun hielt er Gertrud im Arm und wunderte sich über seine Ruhe . In der Stube führte er sie unter die Lampe und schaute mit ernster Aufmerksamkeit lange in ihr Gesicht . Unter seinem sonderbar grausamen Blick erbleichte sie . Dann ergriff er ihre Hand , zog sie auf das Sofa neben sich und entwickelte ihr den Plan , den er gefaßt . Sie hatte keine andern Wünsche als die seinen . Er wollte zwischen heute und vier Wochen heiraten ; gut , sie würden heiraten . Er fand die grenzenlos Ergebene wieder , die er verlassen . Ihr Auge erschütterte ihn , in dem ein schicksalsvoller Gehorsam leuchtete . Sie hatte kein feiges Bedenken . Ihre kühle Hand zuckte nicht in seiner ; mit ihrer Hand lag ihre Seele , ihr ganzes Leben in seiner Hand . Er wollte Zweifel in ihr erwecken und sprach mutlos von seinen Aussichten , auch daß er wenig Hoffnung habe , mit seinen Arbeiten die Anerkennung der Welt zu erringen . » Wozu Anerkennung ? « fragte sie ; » sie können doch nichts von dir wegnehmen , und was sie dir geben , ist Gewinn . « Da schwieg er , und das Gefühl von ihrem Wert schwebte wie ein feuriges Meteor durch den Himmel seines Daseins . Die Eröffnung , daß sie in der Stadt bleiben würden , machte sie glücklich , des Vaters wegen . Sie sagte , am Egydienplatz sei eine kleine Wohnung zu vermieten , drei Zimmer in einem stillen Haus . Sie traten ans Fenster , und Gertrud zeigte ihm das Haus . Es war näher bei der Kirche , an der Biegung des Platzes . Der heimkehrende Inspektor bewillkommnete Daniel mit langem Händeschütteln . Er war grau geworden , ging gebückter denn früher , und sein Anzug wies Spuren der Vernachlässigung auf . Als er erfahren , was Daniel und Gertrud beschlossen hatten , schüttelte er den Kopf . » Kinder , es ist ein Unglücksjahr , « sagte er ; » eilt ' s euch denn gar so , wo ihr doch noch ein blutjunges Volk seid ? « » Wären wir weniger jung , so hätten wir weniger Mut dazu , « antwortete Daniel . Der Inspektor setzte sich und stützte die Stirn auf die Hand . Nach einer Weile sagte er , vor drei Jahren habe er noch bare achttausend Mark auf der Bank liegen gehabt , aber die ungünstigen Umstände hätten ihn dann gezwungen , sich des Kapitals zur Bestreitung des täglichen Unterhalts zu bedienen und jetzt sei kaum ein Drittel mehr davon übrig . Zweitausend Mark sei alles , was er Gertrud als Mitgift geben könne , und damit müßten sich die beiden zurecht finden . » Mehr braucht ' s auch nicht , « erwiderte Daniel , » hab nicht so viel zu erhoffen gewagt . Nun hab ich keine Sorgen mehr