er , daß Tulla seinen Bruder liebe . Daß Raspe sehr hingenommen gewesen war und sich immer noch mit ihr beschäftige , wußte er auch . Und nun dachte er : Das verstehe ich doch nicht ! Ganz wie alle Männer , die jede Art von Frauenschönheit , die nicht in den Rahmen des eigenen Ideals paßt , mit ein paar kritischen Worten abzutun pflegen . Dies überschlanke , dunkelhaarige , braunäugige Mädchen erschien ihm so unreif , so herbe . Er fand das schwarze Kleid sehr ungünstig . Zu dieser Erscheinung hätte ein schüchternes , verschlossenes Wesen gepaßt - dachte er - so ein wenig : verstoßene Tochter , darbendes Gemüt . Vielleicht hatten auch die gelegentlichen Bemerkungen der Mutter ihn dazu gebracht , etwas Aschenbrödeltum und ein aus Mangel an Liebe verbittertes Wesen zu erwarten . Tulla aber war lebhaft , etwas aufgeregt lebhaft sogar . Das mochte an der neuen Situation liegen . Und von St. Moritz und dem dortigen Leben erzählte sie recht vergnügt . Allert hörte unbefangen zu und hörte wohl heraus , daß von der großen Winternatur und den erhabenen Eindrücken am wenigsten die Rede war . Sehr viel hingegen von den Toiletten der Frau von Samelsohn und anderer Damen , die auch seiner Mutter von Berlin her bekannt schienen . Von den Sportsiegen , Bällen , denen man nur von der Galerie aus hatte zusehen können wegen der Trauer . Wie seine Mutter auf alles einging ! Das rührte Allert geradezu . Er verstand wohl : um des teuren Verstorbenen willen wünschte seine Mutter , daß dieses Mädchen ihre Tochter werde . Da kam zu Raspes Neigung , zum allgemeinen Wunsch der Mutter , die Söhne sich verheiraten zu sehen , noch ein tiefes Gefühl . Die Söhne wußten es ziemlich deutlich , wie die zärtliche Freundschaft zu dem bedeutenden , gütigen Mann ihrer Mutter das Leben geadelt und reich gemacht hatte . Welch herrliches Erbe konnte diese Tulla da antreten . Ob sie dessen würdig war ? Ob die Bemühungen seiner Mutter , den Gedanken des verwöhnten Weltkindes wichtigeren Inhalt zu geben . Erfolg haben würden ? Allert bezweifelte es einstweilen durchaus . Umwelt kann sogar auf Reife und Gefestete noch abfärben . Einem Kind , einem jungen Geschöpf bestimmt sie , vielleicht für immer , die Richtung ! Wenn sein Bruder Raspe das bedachte , war der Konflikt nicht klein für ihn . Und er unterdrückte einen Seufzer mit vielen Nebengedanken . - - Am Nachmittag ging man zu Fuß zu den Dornes . Die Tage waren schon viel länger , und der Weg an der Alster , über die große Lombardsbrücke , zum jenseitigen Wohnquartier , gab Gelegenheit , Tulla das große Stadt- und Wasserbild in schönster Beleuchtung zu zeigen . Sie bewunderte alles , aber es schien fast , als ob sie nur aus Gefälligkeit bewundere . Unterdes erwartete Frau Julia ihre Gäste . Die Nerven waren ihr von einer ärgerlichen Spannung erregt . Dieses Briefchen von Allert hatte sie enttäuscht . Seit jener Autofahrt durch die Nacht glaubte sie ihn zu haben . Daß ein Mann , dem sie entgegenkam , sich ihr entzog , das hatte sie nur erlebt , wenn solch ein Mann von einer Liebe beherrscht war . So stand es für sie fest , daß Allerts Herz beschäftigt war . Womit ? Dem forsche mal einer nach . Ein Männerleben ist , wenn der Mann es so will , für ein neugieriges Frauenauge undurchdringlich . Als dann Frau von Hellbingsdorf am Telefon die Erlaubnis erbat , Fräulein Mathilde Rositz mitbringen zu dürfen , und dabei erklärte , daß die junge Dame , die Tochter eines verstorbenen teuren Freundes , einige Wochen hier leben werde , da war für Julias Phantasie alles klar . Dies junge Mädchen war ihr die Ursache von Allerts spröder Haltung - vielleicht war das gar eine heimliche Braut - - Nun sah sie ein Wesen vor sich , aus dem sie nicht recht etwas zu machen verstand . Sie bemerkte wohl , wie zärtlich und töchterlich dieses Fräulein in Trauer sich an Frau von Hellbingsdorf mit Blick und Wort wandte . Aber ihr fraulicher Instinkt sagte ihr sofort , daß das schlanke , dunkle Kind , so weltgewandt es auftrat , so herzlich frei es Allert ansah , ganz unmöglich eine Rolle in seinem Empfindungsleben spiele oder spielen werde . Und nun begriff sie vollends nicht ... Sie war in einer merkwürdig gereizten , unruhigen Stimmung . Und ihr Mann , obschon er sich sehr vertieft und respektvoll mit Sophie unterhielt , ließ manchmal einen raschen , prüfenden Blick über sie gleiten . - Sie ahnte ja selbst nicht , wie genau er jeden veränderten Klang ihrer Stimme hörte - wie er jede Geste kannte - das Flackern ihrer Augen - wie von Glas sie für ihn war - und daß er nur nicht sehen wollte . Dann kamen Amsters . Es gab ein , zwei Minuten das allgemeine Durcheinander von Begrüßungen und Vorstellungen . Die Herren hatten sich bei Besuchen verfehlt ; Tulla Rositz war der Familie völlig unbekannt . Mit ihrer lächelnden Anmut vermittelte Julia alles . In jeder Situation war ihr erstes und hauptsächlichstes Bedürfnis , bewundert zu werden . Sie betrug sich auf das reizendste , schien völlig unbefangen und nur die glückliche Hausfrau , die freudig die Ankunft sehr lieber Gäste würdigt . Und dennoch hatte sie genau gesehen : im Augenblick , wo Marieluis eintrat , stieg ein rasches Rot in Allerts Gesicht ... Und - ja - auch Marieluis errötete . Man saß in einem zwanglosen Kreise , von schön verhülltem Licht sanft überhellt . Das Gespräch floß ruhevoll , aber ohne Mühseligkeit , wie zwischen höflichen Menschen , die miteinander doch vielerlei Interessen haben . Frau Julia in ihren purpurseidenen Schuhen und blaßlila , leisen Stoffalten bewegte sich voll Grazie umher und bot selbst den Tee an . Die Männer und Frau Amster sprachen über die Politik draußen und drinnen , über