Schlaf des Lebens oder des Todes wäre . Aber der Schlaf floh ihn . Mit brennenden Augen , mit schlaffen Gliedern hockte er da . Halb verhungert . Denn die Vorräte des Petang waren ja beinahe ganz erschöpft . Angstvoll rechnete man : Zwei Tage , einen Tag noch konnten die winzig gewordenen Rationen verteilt werden . Dann würde es vorbei sein . Selbst die Blätter von den Bäumen hatten die Chinesen schon gegessen . Viele Leben wurden da durch Entbehrung vernichtet . Aber es traten auch neue ins Dasein . Kinder wurden inmitten dieser Schrecken geboren . Und auch die Mütter dieser , so zur Unzeit erscheinenden Erdenbewohner litten bitteren Mangel . - » Gib mir nur einen kleinen Napf Hirsebrei , daß ich etwas Nahrung kriege und mein Kind stillen kann , « riefen sie dem alten Bischof entgegen , wenn er seine täglichen Runden machte . Aber auch er vermochte ja nichts für die also Flehenden . In gleichem Maße aber , wie all die Leiden gewachsen , hatte sich der Wunsch nach dem Erscheinen der Retter gesteigert . Wer noch zu denken vermochte , der dachte nur noch an sie , die Heißersehnten . Immer wieder hatte man geglaubt , ihr Schießen aus ganz weiter Ferne zu vernehmen . Manche auch wollten nachts ihre Scheinwerfer gesehen haben . Aber immer wieder war es Täuschung gewesen . Und an Stelle ursprünglicher Zuversicht begann nun dumpfes Verzagen die Herzen zu erfüllen . Waren sie denn von aller Welt verlassen und vergessen ? Oder war die ganze übrige Welt selbst untergegangen ? Schlief der fremde Gott , daß er die vielen heißen Gebete nicht hörte ? Wo blieb die Hilfe , die er seinen Getreuen verspricht ? Doch endlich , als das Ende des Petang nur noch eine Frage von Stunden schien - da kamen die Retter , da waren sie da . Die ersten , die von draußen durchdrangen , waren Japaner . Das wurde anfänglich kaum beachtet . Es waren eben Befreier . Als aber der erste Erlösungstaumel ein bißchen verrauscht war , dachte Tschun darüber nach . Ja , die Inselzwerge , denen China einst Kunst und Wissen gegeben , auf die es stets etwas gönnerhaft herabgeschaut - die brachten heute Befreiung und Ordnung , die erschienen als höhere Wesen ! Bald folgten ihnen dann andere , weiße Soldaten , und nachher kamen auch Herren aus dem Gesandtschaftsviertel . Sie weinten und lachten durcheinander , als sie sich nun mit dem Bischof und den übrigen Priestern begrüßten . Sie fielen sich gegenseitig in die Arme . Sie benahmen sich ganz so , wie es nun mal in der Natur der Fremden liegt - deren Gefühle stets so durchsichtig wie bei Kindern zutage liegen - , nur daß dies eine ganz außergewöhnliche Gelegenheit war , wie sie niemand je erlebt - da waren sie durch Manier und Zeremonie eben noch ungezügelter als sonst . Tschun stand dabei und schaute zu . Wie sie sich freuten ! freuten ! Sie besahen die Befestigungswerke , sie ließen sich beschreiben , wie mühsam und verzweifelt die oft verteidigt worden , sie besahen die weiße Kathedrale , die ganz durchsiebt von Geschossen war , deren bunte Fensterscheiben in Splitter lagen , deren Kreuz über dem Mittelportal herabgesunken war . - » Aber das alles wird rasch repariert und neu errichtet werden , « sagten sie . Der Bischof sprach schon davon , daß er bald nach Europa reisen wolle , Geld zu sammeln für die zerstörte Mission . » Vor allem wird aber doch von der hiesigen Regierung Schadenersatz verlangt werden , « rief einer der fremden Herren , » für alles , was hier und in den Gesandtschaften zerstört worden ist . « » Das will ich meinen , « sagte ein anderer . » Jetzt beginnt hier überhaupt eine andere Zeit ! « Ja , die Fremden erwarteten offenbar den Anfang einer guten Zeit für sich . Und wie würde sich diese Zeit wohl für die Chinesen gestalten ? dachte Tschun . Was würde für die Tausende aus den hundert Namen geschehen , die , von allem beraubt , irgendwo am Wege umgesunken waren ? Die Fremden standen bei ihren Ta-jens in Bücher eingetragen und ihre Besitze waren ausgemessen und festgestellt . Die würden Schadenersatz erhalten . Aber die Einheimischen , die niemand hatten , der sie vertrat , wer würde sich derer wohl annehmen ? - Tschun fühlte sich plötzlich ganz allein und verlassen , inmitten der Landsleute , inmitten der fremden Menschen . - Bei der Besichtigung waren die Herren bis zum Platz der großen Minenexplosion gekommen und dann zu der Gräberreihe bei der Madonnenstatue weitergeschritten . Man sprach von dem einen der beiden tapferen jungen Offiziere , der noch kurz vor der Befreiung gefallen war und nun da ruhte : Auch ein Opfer der Schuld anderer ! dachte Tschun . - Aber solcher Opfer gab es noch viele , viele , deren Gräber man nicht fand und von denen niemand sprach . Das Tor des Petang , das so heftig angegriffen , so unerschrocken verteidigt worden war , stand nun wieder geöffnet . Man konnte ein- und ausgehen , wie man wollte . Das war etwas so Ungewohntes , daß es beinahe wie ein Verstoß gegen die rechte Ordnung der Dinge schien . Manche der aus ihren Pekinger Häusern in den Petang Geflüchteten fürchteten sich auch wirklich davor - nicht so sehr wegen der Gefahr , bei einer gelegentlichen Schießerei noch getroffen zu werden , die freilich auch bestand , als weil sie sich scheuten , zu sehen , was während der Belagerung alles geschehen , was jeder einzelne dabei verloren . Kaum einer würde ja wiederfinden , was er verlassen . Es gab da Anblicke , die die bis vor kurzem Belagerten trotz allem Grauenvollen , das sie selbst während der letzten Wochen erlebt , doch nicht vermutet hätten . In solchen Gassen , durch die Schnellfeuergeschütze für die Entsatztruppen den Weg gebahnt , lagen