Ohre muß erst ganz verstummt sein . Ich werde immer mich trösten , daß Sie ein Künstler sind , und ich werde mit Stolz Ihren Namen hören , und Ihr Name wird mir immer klingen wie die unbegreiflichste Weise eines unbegreiflichen Liedes . Die Krankheit hat mich schwach zurückgelassen . Ich muß das Lied und seine Melodie ganz vergessen . Feiern Sie die Gefühle , weil sie Feuer sind , wie aus Vulkanen , und das Licht der Sonne . Ich kann Sie nicht mehr sehen . Ich will ganz gesunden . « Als Einhart den Brief bekam , entschloß er sich gleich , die Stadt zu verlassen . Zweiter Band Viertes Buch 1 Draußen fern schwammen Krähen im Sommerhimmel unter weißen Lämmerwolken . Das Auge des Schläfers hatte sich blinzelnd ein wenig aufgetan und sah in den blendenden Raum . Die blühende Heide rings glänzte Blättchen an Blättchen , und der zerschlitzte Schatten der dunklen Eichenkrone fiel um Einen , der noch immer träumen wollte . » Im Auge muß unser Glück wohnen , wenn wir malen , unser ganzes Lebenswunder . « Das schauende Auge des Schläfers öffnete sich nun ganz im tändelnden Eichenschatten auf der weiten Heide . Drüben hinter dem hohen Korn stand ein rotglühendes , schlankes Mädchen und stach Torfziegel um Torfziegel . Weißleuchtend in der großen , hellen Sonnenkiepe , die das junge Gesicht bis zur Nasenspitze in Schatten legte , ragte es auf und sah nicht herüber . » Im Auge muß unser Glück wohnen , wenn wir malen , unser ganzes Lebenswunder . « Das schauende Auge des Träumers sah über die goldnen Weizenhalme ins goldene Licht , staunte in die fernen , stillen , schlanken Bewegungen der blendenden Gestalt , sah und staunte und begriff nicht die Welt . Das schauende Auge sah hoch die blauen Räume und fern , fern niedertauchen die schneereine Herde der Wolkenflocken , denen es ins Unbegrenzte nachsann , sah dicht am Raine die schwebenden Halme der tausend Zittergräser und rote Köpfe Klee , Glockenblumen und die weißen Sonnen der Kamille . Und im Ohre klang dazu ein wunderbares Summen und Singen . Bienen tauchten von Blume zu Blume . Die schlanken Blumenstengel bogen sich . Es gab einen Hall aus vielen Seelen . Der Träumende hatte die Augen neu zugetan . Er lauschte innig diesem eigenen Surren und Hallen , das ihm ein Erntesang däuchte , sich in einen feinen , fernen Chor zerlösend , und breiter und voller einherrauschend , neu tiefe Brummtöne zugemischt , die der Wind in Eile herübertrieb . Der Wind selber sang verloren für sich in Heidekraut und Gräsern und Blumen . Er sang oben freiziehend im Luftgeräume . Im Blätterbusche der Eiche rieselte er , rauschte seine Stimme eilig . Und die ferne Lerche schluchzte heiter näherkommend eine verträumte Sonnenjubelweise . Der Schläfer schlief nicht . Er lauschte in sich und erlauschte die Welt . Jetzt , wo er hier lag im Eichenschatten , war er sich zurückgegeben , ganz nur er , mit einer Seele ohne Verlangen . Es waren Jahre vergangen , daß er ohne Halt und Sinn gesessen oder gewandert oder sich ganz vergessen hatte . Er hatte damals gelächelt , als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit gleich auf einmal ausgeblasen . So ist die Welt und geht der Frühling vorüber . Er war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden , daß die Seligkeiten im Blute hinrinnen , wie Lieder mit Anfang und Ende . » Jedes Ding hat eine lebendige Grenze . Und jedes Glück . So ist es , « sagte er . Er hatte nur gelächelt , als es ihn damals hinausgetrieben , und er vom Malen nicht hatte mehr seelensatt werden können . Aber » Einhart « war es noch immer . Nur hatte er einen Blick , der wie ein sicherer Dolch aufblitzte jetzt , wo er sich erhob . Er war ein schlanker , stattlicher Mann geworden . Er ging in Jahren auf die Dreißig . Er hatte noch immer ein zähes gelbgraues Gesicht , schmal , glattrasiert , mit schwarzhaariger Umrahmung des dunklen Augenglanzes , der noch tiefer schien , und sein Fetthaar hing noch in Strähnen . Aber alles war streng an ihm . Die Linie um die Nase bis zum Mundwinkel furchte sich . Die Stirnfalten zitterten , wenn er die Dinge ansah . Der seine Mund lag fast immer fest geschlossen . Und er hatte ein versunkenes , eigensinniges Leben in allen seinen Bewegungen . Einhart war heut einsam in die Heide gewandert . Draußen und drinnen die eine Welt , die ihn trug , und die er war . Wie er seinen Sommerhut von der Heide aufnahm , sah er noch einmal zu Leidchen hinüber . Dann zeichnete er einige Linien in sein winziges Skizzenbuch , klappte es zu und schlug mit dem Stocke frei und trotzig in die Lüfte . Wenn jetzt Grottfuß gekommen wäre , wäre er irre geworden , einen zu finden , den er kannte . Einhart war jetzt nicht imstande , an alle Lebensgänge sich groß noch zu erinnern . Einhart war gewiß augenblicklich ganz unbekannt , daß es so etwas wie eine Akademiestadt und einen Herrn Grottfuß wirklich gab , der seit Jahren die Künste seines Landes und aller Länder der Erde bemaß . Einhart wußte jetzt davon so wenig , wie etwa , daß er Nase und Ohren hatte und nicht ganz nur jener süße Heideruch und die weite , summende Halmensonnenwelt und Himmelsbläue selber war . Fern lag alles . Die Zerrüttungen des stummen Herzens waren über Einhart weggegangen . Sturm geht über die Weizenflur . Die Halme beugen sich hin und her , schwanken und tauchen auf . Die Zerrüttungen zeichneten Strenge und Vergessen in seine dunklen Züge , Nicht-sich-rückwenden , Lächeln und Einsamkeit , und Schauen und Hinhorchen , was in dieser Welt des Wesens innen und außen sich jeden Augenblick neu begeben will . Es begab sich dieser einzig-artige Traum