, sie war groß und kräftig , mit schwerem blonden Haar und etwas trägen Bewegungen . Ellen fand es sehr angenehm , mit ihr zu leben , sie war wie eine Schatulle , in die man alle Geheimnisse einschließen konnte und nur hervorholte , wenn man eben wollte , niemals sprang sie von selbst auf . Und dann ließ sie sich jede Stimmung suggerieren , empfand gerade das , was man wünschte . So wußte sie jetzt auch gleich , daß Ellen an Reinhard und Henryk dachte . » Dein Mann muß ein seltener Mensch sein « , sagte sie . » Ja , das ist er - ich hab ' ihn eigentlich erst kennengelernt , nachdem wir heirateten , und wir sind doch sehr glücklich zusammen gewesen . - Siehst du , es war mir etwas so ganz Ungewohntes , ein Heim zu haben . Reinhard ist fast wie eine Mutter gegen mich , ich weiß nicht mehr , wie ich ohne ihn leben sollte . - Aber manchmal frage ich mich doch wieder , ob ich überhaupt für ein friedliches Dasein geschaffen bin . Wenn du mir von München und euch allen schriebst , bekam ich oft rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals , als ob das das Eigentliche wäre . - Man ist doch im Grunde schrecklich feig . « » Warum feig ? « fragte die Freundin nachdenklich . » Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat , wie wir in unsrer Ibsenklubzeit sagten . - Hätte ich den , so würde ich Reinhard alles sagen und mich von ihm trennen . - Ich meine nicht nur das , was ich damals getan habe , - auch daß ich überhaupt nicht imstande bin , fürs ganze Leben nur einem Menschen zu gehören . Solange ich bei ihm war , hab ' ich mir das nie so klargemacht , aber jetzt geht es wieder alles in mir hin und her . « » Hast du Henryk gesehen ? « » Nein , er war nicht da , - aber wenn ich das nächste Mal in die Stadt fahre , werde ich ihn wohl sehen . Übrigens , daß er mit der Anna zusammen ist « - die andere sah sie etwas unruhig an , aber Ellen verzog keine Miene . » Nein , ich hab ' nie daran gedacht , daß es zwischen uns wieder anfangen könnte - das ist vorbei . Es ist doch wohl etwas Wahres daran , daß man nur einmal liebt - wenigstens so , daß man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt . « » Ein paarmal habe ich ihn gesprochen « , sagte die Dalwendt , » als du fort warst - damals war er drauf und dran , dir nachzureisen . Ich hätte sie nie heiraten lassen sollen , sagte er . « Ellen antwortete nichts , diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in ihr auf . » Nein - aber weißt du , wen ich neulich getroffen habe « , sagte sie nach einiger Zeit , » den Johnny . Ich ging mit ihm auf sein Atelier , und wir sprachen vom Karneval damals . Er hat so etwas , was einen in fröhlich frivole Stimmung bringt . Wir fanden es beide eigentlich schade , daß wir damals nichts weiter zusammen erlebt haben . « » Das ist es ja immer « , meinte die Freundin bedächtig . » Es ist ein Gefühl , das mich ganz wild machen kann , wenn man daran denkt , was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht . Ich möchte mehrere Leben nebeneinander haben - eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend mit einer großen stillen Liebe - gut und glücklich sein - verstehst du , aber das andere - nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen . - So war mir neulich bei Johnny zumut - als ich ging , fragte er , ob ich ihm nicht jetzt den Kuß geben wollte , um den er mich damals nicht gebeten hat . - Nachher dachte ich wieder an Reinhard . « » Es ist doch sonderbar « , sagte die Dalwendt langsam und wartete ab , was Ellen sonderbar finden würde . » Ja , siehst du , das ist es eben , wenn man mit einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat - da ist man immer gezwungen , durch seine Empfindungen zu sehen . Und das gibt dann diesen fortwährenden Widerspruch . Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein , wenn ich ihm untreu wäre , und für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen - wenn er verstände , daß ich auch anderen gehören kann . Warum muß man gerade verheiratet sein - Kommen und Gehen , eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen - mir läge das viel näher , überhaupt das Erotische als etwas Zufälliges nehmen , sonst geht es mit der Zeit auch verloren . « » Du hältst ja förmliche Reden , Ellen , das ist man an dir gar nicht gewöhnt . « » Ja , früher hab ' ich auch über die Sachen nicht viel nachgedacht . - - Mein Gott , als ich von euch fortging , damals glaubte ich , daß nun alles für mich zu Ende wäre - die große Entsagung und die Kunst - auf das Leben kam es nicht an . Das hatte Henryk mir alles eingeredet , aber wie soll man jemals etwas schaffen können , wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt ? Wir hatten doch recht mit unsren pathetischen Jugendredensarten . - Und mein Leben muß ich auch wieder leben , wenn es auch noch so viel kostet . « » Aber diesmal würde es dich viel kosten , Ellen , äußerlich . Du sagst doch selbst , daß du nicht mehr so eisern kräftig bist wie früher . « Ellen hatte sich ganz heiß geredet , nun stand sie auf