erhielt Sylvia von Hugo einen Brief , worin er seine Ankunft in Wien für den nächsten Tag ansagte . Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck . Die lange briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden , daß sie beinahe fürchtete , die persönliche Berührung könnte irgend eine Störung , einen Mißton hineinbringen . Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand , daß der morgige Tag mit diesem Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhieß . Sie teilte es sich so ein , daß sie um die Stunde , für die er sich angesagt , allein zu Hause war . Es war Nachmittag vier Uhr . Draußen schien eine helle und warme Herbstsonne . Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer . Und auf einem Seitentische , über blauen Spiritusflämmchen , brodelte in silbernem Kessel das Teewasser . Von der Straße her gedämpfter Wagenlärm . Magnolienduft vom Blumentisch . Vor diesem steht Sylvia und pflückt eine Blüte ab , die sie an ihre Taille steckt . Sie trägt ein Straßenkleid aus schwarzem Samt - eben war sie von einer Ausfahrt heimgekommen - auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen funkelten . In einer halben Stunde sollte er kommen , doch schon jetzt ertönte die Klingel . Ein Besuch ? Nun , die Losung war gegeben , niemand anderer sollte vorgelassen werden als Bresser - und Anton war von Wien abwesend . Die Tür ging auf und der Diener überreichte auf silberner Platte ein Telegramm . Jedenfalls eine Absage von Bresser ... An der bittern , schmerzlichen Enttäuschung , die ihr dieser Gedanke verursachte , erkannte sie erst , wie sehr sie sich auf den bevorstehenden Besuch gefreut . Die Depesche war aber nicht von Bresser und betraf etwas ganz Gleichgültiges . Jetzt freute sie sich doppelt und mit vollem Bewußtsein . Die Furcht , daß das Wiedersehen irgend einen Mißton bringen könne , war nun verflogen - vielmehr eine Erfüllung sollte es werden , ein Löschen des brennenden Durstes ihrer Seele . Sie ging ans Klavier und spielte leise die Sonnenaufgangshymne aus dem Propheten . Diese Melodie war ihr seit jenem Theaterabend die Zauberformel geblieben , mit der sie sich jederzeit die Gegenwart ihres Dichters herbei beschwören konnte , als atmete sie seine Nähe . Vom Klavier ging sie in ihre gewohnte Ecke , wo neben der Chaiselongue ein drehbares Lesetischchen stand . Sie setzte sich und nahm ein Buch zur Hand . Der Band » Gedichte von Hugo Bresser « öffnete sich von selber auf der Seite , die sie gewollt . Auch da fand sie eine Beschwörungsformel - eine gewisse Strophe voll Wohllaut und voll Schwung . Aber sie legte das Buch wieder weg . Sie durfte doch nicht bei dieser Lektüre sich finden lassen - das hätte wie eine plumpe Absichtlichkeit geschienen . Sie ließ die Hände herabfallen und schloß die Augen . Nicht spielen , nicht lesen wollte sie - nur so dasitzen , das holde Bangen der Erwartung genießend , dem eigenen Herzen lauschend , wenn manchmal ein beschleunigter Schlag ihr bis in die Kehle drang - wie süß das war ... Noch war die halbe Stunde nicht verflossen - und wieder ertönte die Klingel . Sylvia sprang auf ; sie fühlte , daß sie erbleichte . Bresser trat über die Schwelle und verneigte sich ehrerbietig ; sie blieb - eine Weile regungslos - auf ihrem Platz stehen . Durch den zeremoniellen Gruß und den Ton seiner Stimme » Gnädigste Gräfin « kam sie zur Besinnung , und - ganz Weltdame , die einen willkommenen fremden Gast empfängt - ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand zum Kusse . » Wie ich mich freue , Sie wieder zu sehen , Herr Bresser - werden Sie nun eine Zeitlang in Wien bleiben ? Bitte , setzen Sie sich ... « und sie selber ließ sich auf ihren gewohnten Platz neben dem Lesetischchen nieder ... » Sehen Sie « - lächelnd - » ich habe hier Ihren Gedichtenband - aber Sie dürfen nicht glauben , daß ich ihn nur im Hinblick auf Ihr Kommen hierher gelegt , ich ... « Sie stockte . Denn Bresser ging weder auf ihren förmlichen , noch auf den scherzenden Ton ein ; er blieb stumm und auch den angebotenen Sitz hatte er nicht angenommen ; sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung , die Augen hielt er mit zärtlichem Vorwurf auf sie geheftet - sie fühlte , daß er von ihrem Empfang enttäuscht war . Das war er im Anfang auch gewesen ; aber wie sie jetzt so stockte , wie unter seinem Blicke auch in ihren Augen es zärtlich zu schimmern begann , da verstand er , daß diese angenommene Gleichgültigkeit nur ein Schleier - ein für ihn jetzt durchsichtiger Schleier war , den sie über den sonst zu grellen Glanz ihrer gegenseitigen Wiedersehensfreude geworfen hatte . Eigentlich nach all den getauschten Gedanken und getauschten Empfindungen , nach der Sehnsucht , die sich in dem verflossenen Jahr von einem zum andern gesponnen , hätten sie ja einfach sich in die Arme sinken müssen : - o Du , Du - seh ' ich Dich endlich ! - Da dies aber nicht sein konnte , so war diese Art wohl die beste gewesen ; sie wußten ja doch beide , was unter dem Schleier verborgen war . So wollte er denn ihrem unausgesprochenen Befehl gehorchen und , indem er sich setzte , sagte er , einen unbefangenen Ton erzwingend : » Ob ich längere Zeit in Wien bleibe , Gräfin ? Das hängt von Umständen ab . Der Direktor des Burgtheaters , dem ich mein Drama eingereicht , hat mich zu einer Unterredung bestellt . Vielleicht handelt es sich um Änderungen - angenommen ist das Stück - vielleicht auch schon um den Beginn der Proben ; da müßte ich allerdings hier bleiben . « » Was - ein Stück an der Burg - und davon hatten Sie mir nichts geschrieben ! « »