Wilhelm war zu Ende gekommen . Am Schlusse hieß es : » Je besser und tüchtiger meine Kinder werden , mit je hellerem Blick sie die Welt und die Menschen beurteilen lernen , desto festere Wurzeln wird in ihnen die Überzeugung schlagen : Es gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte - in unserer Mutter hat sie sich verkörpert . Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch manches Wort sprechen zu können . Dir aber , Maria , ob ich jung , ob alt sterbe , dir werde ich immer nur eines zu sagen haben : Ich danke dir ! « Die Augen Gräfin Agathens hatten sich leicht gerötet ; teilnehmend wandte sie sich Maria zu . Die Frau , die eine solche Liebe besessen und verloren hatte , stand ihr nahe und sollte ihr immer nahestehen . » Meine Tochter « , sagte sie zu ihr , » ich teile den Glauben meines Hermann . Sein teuerstes Vermächtnis , sein liebes Kind , ist geborgen in deiner Hut . Gott stärke dich und segne unsern kleinen Majoratsherrn . « Sie streckte die Rechte aus , um sie auf den Scheitel Marias zu legen . Diese sprang auf . » Was tust du ? Ich verdien es nicht ... Behandelt mich , wie ich es verdiene « , rief sie leidenschaftlich aus , stockte einen Augenblick und setzte dann herben Klanges hinzu : » Erich ist nicht erbfähig . « » Maria ! « - stießen die anderen hervor . Derselbe Gedanke war allen zugleich gekommen ... » Nein , nein , ich bin nicht wahnsinnig , ich weiß , was ich rede . Ich kann die Lüge nicht mehr ertragen . Der ist tot , dem zuliebe ich es getan habe . « Außer sich faßte Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff : » Was getan ? « » Geheuchelt - mich halten lassen für das , was ich nicht war : für treu . « Er stieß sie von sich und sprang auf ; auch die Gräfin stand da , emporgerichtet in ihrer ganzen Höhe . » Nicht treu ? eine Dornach nicht treu ? ... Nein , keine Dornach . Du bist nicht aus unserem Blut - Ehebrecherin ! « schleuderte sie Maria zu und führte unwillkürlich das Taschentuch an ihre Lippen , die sie beschmutzt fühlte , nachdem sie das Wort ausgesprochen hatten ... » Erich nicht der Sohn meines Sohnes ... und ich - und ich ! ... « Mit einem grellen , kurzen Lachen sank sie in die Kissen zurück , halb ohnmächtig , stumm und starr . » Du lügst , Maria ! « rief Wilhelm . Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine Tochter hin : » Deine Entschuldigung ? « fuhr er sie an . Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen , und aus den ihren sprach eher ein Vorwurf als eine Abbitte . Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft , hätte sie ihm antworten können . Da riß mich die Hand deines Sohnes ins Verderben . » Deine Entschuldigung ? « rief er von neuem , dieses Mal leiser , dringender , sehr betroffen über ihre wunderbare Gelassenheit . » Du hast eine Entschuldigung . « » Keine « , erwiderte sie . » Unmöglich « , fiel Wilhelm ein . » Wenn du gefehlt hast , hätte ein Engel gefehlt und ... « plötzlich hielt er inne . Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden . Aus dem Zimmer Gräfin Agathens kam Erich heraus und auf sie zugelaufen . » Großmutter , wo ist der kleine Vogel ? « fragte er und legte seine gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoß . In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen Kinde , sie sah ihn mitleidsvoll an ; dann wies sie ihn hinweg . Er aber forderte ungestüm : » Den kleinen Vogel ! Großmutter , gib ! gib ! « und klammerte sich an sie . Da schüttelte sie ihn ab , wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte . » Geh ! « befahl sie hart . Ihr Gesicht war verzerrt , ihre Hände ballten sich krampfhaft : » Geh ! « Erich , erstaunt , bestürzt , wurde über und über rot ; seine Mundwinkel zogen sich herab ; er sah noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem Weinen , in das man ihn ausbrechen hörte , sobald er das Zimmer verlassen hatte . Maria blieb regungslos . Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher Spannung und wartete sehnlich , daß sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen werde , die sie gegen sich selbst ausgestoßen hatte ... Aus welchem Grunde ? was bezweckte sie damit ? ... Die Gedanken wirbelten durcheinander in seinem brennenden Kopf , es hämmerte in seinen heißen Schläfen . Nach Kühlung ringend , trat er ans Fenster . Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den Wipfeln der Bäume . Schwalben umkreisten das Haus . Weiße Tauben schwangen sich von einem Pilasterkapitäl schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie Flöckchen . » Wilhelm ! « Er sah sich um , die Gräfin hatte seinen Namen gerufen . » Der alte Stamm Dornach ist erloschen « , sprach sie feierlich und erbleichte unter dem Eindruck , den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen . » Gott schütze den jüngeren Stamm und vor allem dich , dessen Haupt . « Er taumelte zurück : » Ich ! ... Ich ? ... « » Du hast den nächsten Anspruch . Ist dir das neu ? « fragte Wolfsberg voll Bitterkeit . » Ich werde ihn nicht geltend machen , nie ! « » Als ob du die Wahl hättest . « » Du wirst tun , was deine Pflicht ist und was du tun mußt « , sagte die Gräfin . » Muß ? « erwiderte er heftig ,