und Anträge der Regierung u. dergl. , für welche Gegenstände er in anderer Gegend des Taschenbuches , mit genügendem Raum zur Fortsetzung , eine gedrängte Notizenreihe anlegte . Das brauche er nicht , bemerkte er der Frau , um sich allenfalls mit Nörgeleien als Topfgucker aufzutun , sondern gerade um überflüssige Anfragen zu vermeiden und sich selbst Aufschluß geben zu können , wo die Sachen liegen . Auf die Art leidlich gerüstet , seinem Alter und politischen Rufe entsprechend nicht zu sehr als Neuling zu erscheinen , wie er dachte , betrat er den Saal , nahm ohne Suchen den ersten besten Platz ein , der frei war , und verließ ihn nicht mehr vor dem Schlusse der Sitzung . Ohne Zerstreuung folgte er die ganze Zeit über den Verhandlungen und warf auch in die Zeitungsblätter , welche Nachbarn ihm hinreichten , kaum einige Blicke . Das gebührte sich zwar als selbstverständlich sowohl nach dem Wortlaute des Amtsgelübdes , das er abgelegt hatte , als nach dem Inhalte eines langen Gebetes , mit dem jede Session eröffnet wurde und das einen Bestandteil der gesetzlichen Geschäftsordnung bildete ; allein wenige , gläubig oder ungläubig , nahmen das göttliche Pflichtenheft streng wörtlich . Martin Salander hingegen , der unkirchlich gesinnt war , erachtete sich nichtsdestominder für gebunden , weil die in Gelübde und Gebet enthaltenen Vorschriften richtig und notwendig waren und die liturgische Form ihre Gesetzeskraft nicht aufheben konnte . Erst nach beendigter Sitzung fand er Gelegenheit , die Schwiegersöhne zu grüßen , deren öfteres Ab- und Zugehen er nicht einmal beachtet , zumal sie eine gute halbe Stunde nach ihm erschienen waren . Seine Einladung , mit ihm nach Hause zu kommen , lehnten sie dankend ab , weil der eine gewisser Verhandlungen wegen mit seinen Bezirksgenossen beim Essen zusammentreffen , der andere einige Geschäfte besorgen müsse . Nachher aber wollten sie miteinander einen Waffenladen aufsuchen , um sich zwei neue Scheibengewehre zu kaufen ; denn sie waren seit einiger Zeit schon Mitglieder von Schützengesellschaften . Martin Salander ging also allein nach Hause . In sich gekehrt , mit einem Gefühle von Zufriedenheit wie einer , der den langen Morgen hindurch gearbeitet hat , schritt er dahin , obgleich er keine Hand gerührt und kein Wort gesprochen . Lediglich die ununterbrochene Aufmerksamkeit , welche er während fünf Stunden den Verhandlungen gewidmet , gab ihm das Bewußtsein getaner Arbeit . Er hätte nicht gedacht , daß ein solcher Unterschied zwischen Anwesenheit und Anwesenheit sein könnte , und bedenkend , wie er bald auch angebrachtermaßen etwas zu sagen haben werde , empfand er einen kräftigen Appetit zu dem verspäteten Mittagsmahle . Frau Marie , die ihn am Zuge der Hausglocke erkannt , trat ihm auf dem Flur entgegen und kündigte ihm einen sonderbaren Besuch an , seinen Vorgänger im Großen Rate , dessen Stelle er heute eingenommen . Der Mann scheine sich in schlechten Umständen zu befinden und würde ersichtlich nicht übelnehmen , wenn man ihn zum Essen dabehielte ; sie habe ihn aber nicht einladen wollen , ehe Salander ihn gesehen . » Was will er denn ? « fragte dieser . » Ich habe ihn früher da und dort getroffen und erinnere mich , daß er ein gut und gescheit aussehender Mann gewesen ist . Aber ich kann mir nicht vorstellen , was er will ? « » Er sagt , er habe viel von dir gehört und auch von der berühmten Hochzeit ; er freue sich , daß er einem solchen Nachfolger habe den Platz räumen können , und fühle sich dadurch erleichtert und sei gekommen , das zu sagen und zu der Wahl Glück zu wünschen ! « » Der arme Teufel ! Laß ihm nur ein Gedeck hinsetzen , die Herren Tochtermänner sind ohnedies nicht mitgekommen ! « Als Salander in die Stube trat , erkannte er den Mann kaum wieder , der bescheiden auf einem Stuhle am Fenster saß , sich erhob und mit unsicher gewordener Beredsamkeit ihn begrüßte und seine Gratulationsworte vorbrachte . Er habe , sagte er , an der Staatskasse ein kleines Guthaben an Taggeldern beziehen wollen , leider aber nichts erhalten , sondern noch einen Überschuß von Bußen wegen versäumter Sitzungen erlegen müssen . Da habe er gedacht , er wolle den Weg nicht ganz umsonst gemacht haben und wenigstens dem würdigen Nachfolger seine Aufwartung machen . » Aber , Herr Kleinpeter ! « erwiderte ihm Martin Salander lächelnd , » wie mir scheint , ist hier nicht viel Glück zu wünschen , wenn man noch Geld verliert ! Haben Sie schon zu Mittag gegessen , oder darf ich Sie vielleicht zu unserer Suppe einladen ? « Verlegen dankte der Mann , doch mit einem verräterischen Blick auf den gedeckten Tisch ; Salander wiederholte daher die Einladung etwas entschiedener und nahm ihm den Hut aus der Hand , denselben beiseite legend . Der offenbar einst hübsche Mann zeigte alle Anzeichen des Verfalles . Die frühere Wohlbeleibtheit war aus den Kleidern geschwunden , daß sie zu weit geworden und schlotterig an ihm hingen , dabei aber so abgetragen waren , daß es lange her sein mußte , seit er etwas machen lassen . Die Wäsche war unordentlich und das zerschlissene Halstuch so schlecht umgebunden , daß man die lieblosen und trägen Hände leibhaft zu sehen glaubte , die den Mann so aus dem Hause gehen ließen . Seine eigenen Hände hafteten gewohnheitsgemäß an verschiedenen Stellen der Rockklappen , um einen Fadenschein , einen Schmutzfleck oder ein zerrissenes Knopfloch zu decken . Die kümmerlich unfreie Haltung , welche ihm hiedurch anklebte , entsprach auch dem farblosen gedunsenen Gesichte , dessen Züge die Spuren von Niedergeschlagenheit und Kummer , sowie von zahlreichen Anläufen verrieten , im Trunke sich selbst zu vergessen . Das Ehepaar Salander ermunterte den merklich erschöpften Kleinpeter , sich schmecken zu lassen , was da sei ; Frau Marie legte ihm selbst auf den Teller ; er war jedoch bald satt , oder vermochte wenigstens nicht viel zu essen . Dagegen sprach er