ganzen Ernst dessen , was sie nebenher noch schrieb , sie hätte sich sonst zu solchem Geständnisse nicht hinreißen lassen . » Ob ich den Willen und die Kraft habe , fragt sie . Nun , den Willen , ja . Aber nicht die Kraft . Vielleicht , weil auch der Wille nicht der ist , der er sein sollte . Woher sollt ich ihn auch nehmen ? Ich kann hier nicht leben und an ihrem Hause Tag um Tag gleichgiltig vorübergehen , als wüßt ich nicht , wer hinter den herabgelassenen Rouleaux seine Tage vertrauert . Und so hab ich denn beides nicht , nicht die Kraft und nicht den Willen . « Als er so sprach , überflog er noch einmal die letzten Zeilen und griff dann erst nach dem Telegramm . Es kam aus Bremen und enthielt die kurze Weisung , herüberzukommen , weil sich dem Unternehmen seitens der dänischen Regierung neue Schwierigkeiten in den Weg gestellt hätten . » Ohne den Brief wäre mir das Telegramm ein Greuel gewesen , jetzt ist es mir ein Fingerzeig , wie damals der Befehl , der mich aus Thale wegrief . Nur daß die Situation von heute pressanter und das Glück im Unglück ersichtlicher ist . Es bleibt ewig wahr , man soll nicht mit dem Feuer spielen . Trivialer Satz . Aber die trivialsten Sätze sind immer die wahrsten . Und so denn also Rückzug ! Er wird mir leichter , als ich ' s vor einer Stunde noch gedacht hätte , denn alles , was gut und verständig in mir ist , stimmt mit ein und kommt mir zu Hülfe . Sich düpieren lassen oder Spielzeug einer Weiberlaune zu sein , widersteht mir . Aber hier ist nichts von dem allen , nicht Düpierung , nicht Weiberlaune , nicht Spiel . Arme Cécile . Dir ist die höhere Moral nicht an der Wiege gesungen worden , und Oberschlesien mit Adelsanspruch und Adelsarmut war keine Schule dafür . Nur zu wahr . Aber es war ein guter Fond in ihr , ein ästhetisches Element , etwas angeboren Feinfühliges , das sie gelehrt hat , echt von unecht und Recht von Unrecht zu unterscheiden . Etwas aus der Zeit , wo die Pilzchen mit dem Roi Champignon auf dem Tisch standen , ist ihr freilich geblieben und wird ihr bleiben , aber sie will aus dem alten Menschen heraus , aufrichtig und ehrlich , und sie daran hindern zu wollen wäre niedrig und geradezu schlecht . Also weg , fort ! Leben heißt Hoffnungen begraben . « Er sprach es in gutem Glauben vor sich hin . Aber plötzlich besann er sich und lächelte : » Hoffnungen - ideales Wort , das für meine Wünsche , wie sie nun mal sind oder doch waren , nicht recht passen will . Aber müssen denn Hoffnungen immer ideal sein , immer weiß wie die Lilien auf dem Felde ? Nein , sie können auch Farbe haben , rot wie der Fingerhut , der oben auf den Bergen stand . Aber weiß oder rot , weg , weg . « Und er klingelte nach der Wirtin und gab Ordres für seine Abreise . Fünfundzwanzigstes Kapitel Den andern Morgen war er in Bremen und nahm Wohnung in » Hillmanns Hotel « , einem entzückenden Gasthause , das er schon aus früheren Aufenthalten kannte . Die Fenster in seinem Zimmer standen auf , und er sah abwechselnd über die die Vorstadt von der Altstadt trennende Esplanade hin in die buntbelebte Sögestraße hinein und dann wieder unmittelbar auf eine neben der ganzen Hotelfront hinlaufende mit Kies bestreute Rampe , darauf die Gäste saßen und eben ihren Frühkaffee nahmen . Denn es war noch milde Luft , und die mächtigen Bäume des benachbarten Wallgangs bildeten einen Schirm , der die ganze Rampe zu einer windgeschützten Stelle machte . Hier wollt er auch sitzen , und als er sich umgekleidet hatte , stieg er treppab und nahm an einem der Tische Platz . Das Treiben , das vorüberwogte : Rollwagen , die nach dem Hafen fuhren , Mägde , die zu Markt , und Kinder , die zur Schule gingen , alles tat ihm wohl und gab ihm ein stilles Behagen wieder , das er seit dem Tage , wo Clothildens Brief eintraf , nicht mehr gekannt hatte . Dabei sah er Cécile beständig vor sich , die , wie ein hinschwindendes Nebelbild , ihn aus weiter Ferne her zu grüßen und doch zugleich auch abzuwehren schien . Das war die rechte Stimmung , und er ließ sich Papier und Schreibzeug bringen und schrieb : » Hochverehrte gnädigste Frau , liebe , teure Freundin . Als ich gestern nachmittag Ihre Zeilen empfing , empfing ich auch ein Telegramm , das mich hierher berief . Es hätte mich noch vierundzwanzig Stunden vorher unglücklich gemacht , jetzt war es mir willkommen und half mir , wie schon einmal , über Schwanken und Kämpfe fort . Ich soll mich zurückfinden in den Ton unserer glücklichen Tage , so schrieben Sie mir gestern . Mit Ihnen am selben Orte , dieselbe Luft atmend , würd ich es nie gekonnt haben ; aber in dieser Trennung werd ich es können oder es lernen , weil ich es lernen muß . Es ist noch früh am Tag , und ich habe noch niemand aus dem Kreise meiner Auftraggeber gesprochen , aber wenn sich mir erfüllt , was ich von Herzen wünsche , so brechen alle Verhandlungen ab , die mich an diese Küste fesseln , und an ihre Stelle treten wieder Missionen , die mich aufs neue weit in die Welt und in die Fremde hinausführen . Denn in der Fremde nehmen wir , zurückblickend , das Bild für die Wirklichkeit , und die Sehnsucht , die sonst uns quälen würde , wird unser Glück . Über lang oder kurz hoff ich wieder über die Schneepässe des Himalaja zu gehen , überall aber , und je höher hinauf , desto mehr , werd