ein unartiges Kind in die Ecke stellt , an das Pfeifertischchen . Junker Max schäumte ; eine Weile saß er stockstumm , an der Unterlippe nagend , die Hände wühlend in dem lockigen Haar ; die kleine Sidi streichelte ihm die Backen , flüsterte die zärtlichsten Schmeichelnamen in sein Ohr , machte nach dem Teetisch hin eine Faust und lief dann , mit der Inspiration der Liebe , ihr noch uneingeweihtes , goldgepreßtes Stammbuch herbeizuholen , auch Tinte und eine feingeschnittene Krähenfeder , die sie dem Erzürnten mit einem aufmunternden Wink in die Hand zwang . Und die Aufmunterung wirkte ; das Selbstbewußtsein besiegte die Kränkung ; es erwachte der Stolz , welcher dem Tertianer ziemt , wenn er sich von Gottes und Rechts wegen als Primus in Prima fühlt und das Haupt einer republikanischen Verschwörung ist . War dieses Konvivium hochgradigsten Philistertums und allerverdrehtester alter Schrauben das Opfer der Unterhaltung eines genialen Jünglings wert , eines Jünglings , welcher der Apollo des Gymnasiums hieß und nach welchem die holdesten Mädchen sich schmachtend die Augen aus dem Kopfe sahen ? Unsinn ! Blödsinn ! Abgeschmackt ! Wert war das Konvivium allein seines satirischen Kunstgeschicks , und was wahr ist , muß wahr bleiben - das Album der kleinen Sidi ist der Nachwelt erhalten worden - , die flüchtigen Federskizzen , welche am Kindertischchen gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt wurden , sie würden dem ernsthaftesten der ernsthaften Herrn am Teetisch ein Lächeln abgezwungen haben , vorausgesetzt , daß er beim Blättern nicht auf die Illustration seiner eigenen werten Person gestoßen wäre . Vor diesem vierzehnjährigen Karikaturisten lag eine Zukunft . Der arme Dezem freilich saß zwischen dem satirischen Gezischel und Gekritzel hüben und dem ästhetischen Gesumme und Gebrumme drüben wie ein verirrtes Weidelamm . Zum ersten Male im Leben würde er sich sterblich gelangweilt haben , hätte die Spannung nach dem großen Manne , welcher die Sternwarte regieren sollte , sein Blut nicht in Wallung erhalten . Sooft die Tür sich auftat und ein neuer Herr Doktor oder Herr Professor Fräulein Thusnelden von Werben vorgestellt wurde , fragte Dezimus seine kleine Gönnerin : » Ist es der ? « Aber immer war es der noch nicht . Der Tee hatte gezogen , die Hausfrau eine silberne Schelle ertönen lassen ; der letzte Stuhl im Kreise war besetzt , Dezems Hoffnung tief gesunken . Da - da öffnete sich die Tür , und ein bleicher Jüngling trat ein mit einer Miene , welche Dezimus an die seines Kantors Beyfuß erinnerte , wenn er als Leichenbitter feierlich von Haus zu Hause wandelte . Auch der schwarze Leibrock , den er trug , hätte füglich Kantor Beyfußens Kleiderschrank entlehnt sein können ; nur die Handschuhe waren nicht ganz schwarz , sondern vermutlich einmal weiß gewesen und von einem Stoff , aus dem man Strümpfe macht . » Da kommt er ! « rief Dezimus neubelebt . Schallendes Gelächter am Pfeifertisch ! Unschuldiges Weidelamm , weißt du denn nicht einmal , was ein Lohnbedienter ist , der bei festlichen Gelegenheiten , an Stelle der Köchin , das Teebrett umherreicht ? Ach nein , du weißt es nicht . In deinem Pastorhause wird das Brett von den lieben Schwestern umhergereicht , und du selbst bist schon manches mal mit dem Kuchenkörbchen hinterdrein geschritten . Dein Herz wird immer schwerer , armer Dezem . Aber jetzt , jetzt ! Noch einmal öffnet sich die Tür , und ein Herr tritt ein , ein hoher , stattlicher Herr mit blühenden Wangen , aber , kurios ! schon mit schneeweißem Lockenhaar wie die selige Exzellenz ; und auch wie eine Exzellenz trägt er eine stolze Uniform , silbergeschnürt von silbergrauer Farbe , Beinkleider , die bloß bis zum Knie reichen , weißseidene Strümpfe und Schnallenschuhe ; nur keinen Säbel . » Da ist er ! « jubelt Dezimus laut auf ; und wiederum schallendes Gelächter ; selber am feierlichen Teetisch bricht eine joviale Laune durch , als Fräulein Thusnelda zu dem blühenden Herrn mit den weißen Locken , der ihr das Teegebäck präsentiert , sagt : » Bedanke dich bei meinem kleinen Landsmann , Mattner ; er hat dich für einen Gelehrten gehalten . « Dem kleinen Landsmann fiel das Herz vor die Schuhe . Der Tee ist genommen ; der Hausherr der Zukunft erhebt sich , um die gefeierte Virtuosin an ihre Harfe zwischen der Hortensiengruppe zu führen . Sie streift die weißen Handschuhe ab , die hinan bis zu dem radförmigen , kurzen Bauschärmel reichen . Die » schönsten « Frauenarme enthüllen sich . Üppig sind sie nicht , denn Kunstübung zehrt ; aber mehlig weiß wie des blühenden Mattner Haupt . Sie stimmt die Saiten , sie präludiert ; kein Hauch geht durch den Salon , keine Regung ; nur die schwarzen Löckchen zittern unter dem Blumenhut : dann ein Lied sonder Dichterwort noch Sangeslaut , aber zart , rein und glühend der tiefsten Seele entströmend , so wie Thusnelda von Werben , und nur sie , die Adelaide einst gesungen hat , als sie jung und neu , eine Liebesbotschaft aus himmlischen Sphären , die lauschende Welt mit Wonneschauern durchbebte . O du Hirtensohn aus Bethlehem ! Das Saitenspiel , das dich zum König weihte , es scheucht heute noch wie vor Jahrtausenden die finsteren Dämonen aus dem Menschenhirn ; was aber mehr bedeuten will , es schmelzt die Rinde der Philisterherzen . Dein kleiner , deutscher Hirtenbruder vergißt die geträumten Sternenrohre ; die weisen Leviten drücken einander stumm die Hände , und die Priesterinnen des Schönen weinen überirdische Entzückungszähren . Das kleine , verwachsene Mädchen aber stürzt sich jauchzend der alten Künstlerin an die Brust , und ihr schöner Bruder Übermut zerknittert sein gelungenstes Blatt , das die Unterschrift » Harfenmuhme « trägt . Nur die Hausfrau hatte unbewegt gesessen , die Blicke geheftet auf ihren Sohn . Das Dankopfer entsprach dem Enthusiasmus des Eindrucks . Man hatte etwas Vollendetes gehört und , was mehr bedeuten will , etwas Ungewohntes . Aber die vollendetste