, als ob ich sterben werde nach der Zeit . Ach so gerne sterben ! Sparen Sie es meinem alten Vater , lassen Sie ihn nicht mit Schanden in die Grube fahren . « Sie mochte wohl merken , daß das Mitleid mit dem alten , trunkenen Schwachkopf gar wenig auf mich wirkte , denn sie fuhr hastig mit bebender Stimme fort : » Und er - er , den ich nicht nennen kann , soll sein Name verlästert werden in einem Atem mit dem der verworfenen Kreatur ? In der Stunde , wo die Tränen noch warm um ihn fließen , wo sein armer Leib noch nicht die Ruhe bei seinen Vätern gefunden hat ? « Es war eine Zauberin , dieses Kind Dorothee , wie es im rechten Augenblick immer das Wirksame zu treffen wußte ! Nein , das Geheimnis war zur Hälfte nicht zu wahren , und die Anklage gegen den Verführer durfte sich nicht in die Totenklage um unseren Helden mischen . Vor meinen Eltern , die ihn geliebt hatten , vor den Kameraden , die ihn bewunderten , ja selber vor den gering geachteten Heimatsbürgern Dorothees mußte der Letzte seines Stammes ohne Makel in der Gruft seiner Ahnen ruhen . » So sei es denn , Dorothee , ich will dein Geheimnis wahren und schützen , bis Siegmund Faber über dein zukünftiges Los entschieden haben wird . « Mit diesem Gelöbnis endete die erschütternde Unterredung . So schwer der Entschluß , so rasch und leicht war der Plan . Dorothee begleitete mich nach Reckenburg ; alles Weitere enthüllte sich in dem stillen Waldhause Muhme Justines . Und wie der Plan , so rasch und leicht war auch die Ausführung . Vater Kellermeister hatte keine Stimme ; meine Eltern aber gönnten den beiden bekümmerten Gespielinnen ein tröstendes Beieinandersein . Kaum eine Woche später befanden sie sich , von Leipzig ab in Begleitung des Predigers , auf dem Wege nach Reckenburg . Dorothee war dem alten Freunde keine Fremde ; ich hatte ihm oft von meiner reizenden Mitschülerin erzählt . Jetzt führte ich sie ihm vor als eine Besucherin Muhme Justines , also ohne buchstäbliche Lüge . Wie denn überhaupt , wenn Lügen oder Täuschen nur heißt : Unwahres sagen , nicht auch Wahres verheimlichen , ich in diesem ganzen Verhältnisse keiner Lüge oder Täuschung schuldig zu werden brauchte . Freilich mochte das stilltrauernde Weib , wie es sich scheu und leise weinend in die Wagenecke schmiegte , wenig zu dem Bilde stimmen , das ich von meiner frohen , beweglichen kleinen Dorl entworfen hatte . Sein Auge weilte mit Wehmut auf dem bleichen , gesenkten Gesicht . Gewiß , er ahnte die Wahrheit . Der geistliche Herr aber war einer von denen , welche dem bekümmerten Sünder die Hand entgegenstrecken . Wie oft hatte ich blutjunges Ding mich mit Entrüstung von unseres Seelsorgers milder Lehre und Praxis , gegenüber einer zuchtlosen Gemeinde , abgewendet . So erinnerte ich mich im besonderen einer Predigt über das ehebrecherische Weib , deren Text und Auslegung ich beim Diner meiner alten Gräfin wiederholte . » Der Herr Pastor könnte derlei bedenkliche Themata vermeiden ; aber was kümmert das uns ? « hatte sie gesagt , und ich ihr - bis auf den Nachsatz - redlich beigepflichtet . Das war am Sonntag vor meiner Abreise , und heute führte ich selber solch ein recht-und ehrvergessenes Weib als meinen Schützling in seine Gemeinde ; ich , die mein Leben so sicher auf den Wahrspruch meines Hauses gegründet glaubte . Baue keiner auf seine Maximen , wenn er nicht , wie Jungfer Ehrenhardine , eines Tages mit schamroten Wangen einem fertigen Menschen gegenübersitzen will . Das , meine Freunde , ist die Moral der Geschichte von der Rose und ihrem Blatt . Achtes Kapitel Muhme Justines Pflegling Auf der letzten Station blieb Dorothee zurück . Der geistliche Herr und ich rollten in Reckenburgs goldener Kutsche unserem Ziele entgegen . Die Gräfin schlummerte , als ich auf dem Schlosse anlangte . Ein böser Zufall , dessen Anlaß ich nur zu gut erriet , hatte ihre Kräfte härter denn jemals mitgenommen . Es war die von neuem bewährte Leibwärterin , welche mir die Auskunft gab , und so konnte denn das , was mir zunächst am Herzen lag , gleich in der ersten Stunde seine Erledigung finden . Verschwiegenheit und Zustimmung waren mir zum voraus verbürgt , schon weil ich es war , die sie erbat . Im übrigen brachte die Pflege ein Stück Geld und die demütigende Abhängigkeit der » Jungfer Obenaus « einen erquickenden Kitzel . Von schweren , sittlichen Bedenken konnte bei einer Helferin ihres Zeichens füglich nicht die Rede sein . Wir wurden daher ohne Markten handelseinig : Die Muhme holte am andern Tage ihre Schutzbefohlene aus der Stadt ab , nahm sie in Kost und Pflege und ließ sie , wenn einer nach ihr fragen sollte - unwahrscheinlicherweise , da » Bauern nicht wie Stadtbürger wissenschaftlicher Komplexion sind « - , für eine Angehörige , die kürzlich Witwe geworden war , gelten . Vor allem anderen übernahm sie die Auseinandersetzung mit dem Prediger , dem die unbedingte Wahrheit gesagt werden mußte . Daß unser Übereinkommen gewissenhaft und mit dem besten Gelingen durchgeführt worden ist , sei zum voraus berichtet . Nicht ohne Bewegung ging ich nun dem Wiedersehen der Gräfin entgegen . Mir , der Jugendlichen , war ja nur ein Traum entwichen , ein flüchtiges Glück , das ich erst seit unserer Trennung hatte kennen lernen . Ihr , der Urgreisin , war der Bau eines langen Lebens in Trümmer gestürzt . Ich mußte auf eine tiefe Wirkung vorbereitet sein . Was ich aber gewahren sollte , das war die Verwüstung eines sengenden Strahls , und Gott weiß , unter welchen Qualen ich lange Jahre hindurch in meiner stillen Reckenburger Flur gegen sein nachzehrendes Feuer gerungen habe . Schon bei diesem ersten Wiedersehen fand ich die Gestalt zusammengesunkener - die Bewegungen hilfloser , die Rede knapper ; eine Spur