; der mische sich nicht mehr darein , sowenig als irgendein anderer in Krodebeck , und man könne es ihm nicht verdenken . So war es in der Tat ! - Tonie Häußler behielt eine tiefe , unauslöschliche Neigung zur Jane Warwolf und allem , was mit ihr , ihrem Leben , Wesen , Wandern und Treiben zusammenhing . Die gute Frau konnte nicht kommen , ohne daß Tonie , gleich als habe sie eine Ahnung ihres Nahens , sie auf einem Stein an der Landstraße oder im Walde erwartete ; sie konnte nicht gehen , ohne daß das junge Mädchen sie stundenweit , sei es auf ihrem Wege gegen die Harzberge oder in das flache Land hinein , begleitete . Wenn sie nach ihrer Gewohnheit den Wanderstab für eine Nacht auf dem Lauenhofe in die Ecke setzte , so war Tonie Häußler ihre treueste Genossin und aufmerksamste Zuhörerin . Und alles dieses war leider Gottes der einzige Kummer , der noch dazu zum größten Teil nur der Kummer der Eifersucht war , welchen das Kind dem Fräulein Adelaide von Saint-Trouin und allen seinen hohen Ahnen bis zu Johann von Brienne , dem Fürsten von Tyrus und Kaiser von Konstantinopel , hinauf bereitete . Und noch dazu hatte das Dorf Krodebeck nicht einmal die Gewißheit , daß sich der Papst Honorius der Dritte darüber im Grabe umwende ! Außer dieser Hinneigung zum Gemeinen fand das gnädige Fräulein nichts an Antonie Häußler auszusetzen . Das Schicksal rächte die schöne Marie durch ihr Kind vollständig an der alten Feindin und Verderberin , und zwar in einer Weise , deren es sich viel häufiger bedient , als man gewöhnlich glaubt . Das gnädige Fräulein unterlag den eigenen Maximen , Ansichten und Lehren , indem die Schülerin mit denselben und durch dieselben hoch über die Lehrerin sich erhob und sie zwang , verwirrt , beschämt und zweifelnd vor dem Wunder , das sie als ein Werkzeug in mächtigerer Hand hervorgerufen hatte , dazustehen . Was bei Adelaide von Saint-Trouin als beklagenswerte oder lächerliche Verzerrung auftrat , das erschien in Antonie Häußler als süßester Reiz ; was bei dem Fräulein ein krankhaftes , kindisch unverständiges Abzappeln aus einem unbegriffenen Zustande nach dem anderen war , das wurde in Tonie zu dem stillen , tiefverborgenen Heimweh , der melancholischen Sehnsucht nach Ruhe und Licht , die allein nur , und auch nur in vereinzelten Momenten , das Reich der Ruhe und des Lichtes in der Seele des Menschen aufbaut . Diesmal hatte der Ritter von Glaubigern recht seine Freude an den pädagogischen Siegen seiner alten Freundin . Da gab es kein Achselzucken und Kopfschütteln mehr ; sein Behagen stieg von Tag zu Tag , der Comenius verstaubte im Winkel , und mit lustig ausgebreiteten Fittichen folgte der Chevalier den seltsamsten Flügen der Chevalière . » Jetzt sind sie beide närrisch ! O mein Himmel , muß ich das noch an dem Alten , an dem Leutnant erleben ! « rief die gnädige Frau . » Unter den Händen ist er mir toll geworden , und am Ende hab ich noch gar meine Freude daran ; denn da müßte man ja blind sein , um nicht zu sehen , wie wohl ihm bei seiner Narrheit zumute ist . « - Die Frau Adelheid hatte nie in ihrem Leben in irgendeiner Behauptung so vollkommen recht gehabt wie hier . Der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern war nicht nur rein verrückt in seinen Beziehungen zu der Erbschaft der Hanne Allmann aus dem Krodebecker Armenhause , sondern es war ihm wirklich wohl in seiner Verrücktheit . Ihm war nie während seines Lebens so wohl zumute gewesen . Wir wissen , daß er ein armer Mann war , daß er gleich dem Fräulein von Saint-Trouin in Abhängigkeit von dem Vermögen und Wohlwollen anderer , wenn auch anständiger Menschen auf dem Lauenhofe wohnte . Daß der Lauenhof ohne ihn durchaus nicht zu denken war , daß er , der Ritter , bei weitem mehr gab , als er empfing , und daß die gnädige Frau in allen Stücken ihn gern , willig und meistens mit Tränen der Rührung in den Augen als ihren Herrn und Meister anerkannte , änderte hieran nichts . Wir wissen auch bereits , daß er ein sonderbarer Mann war , der sich mühselig an der Welt abquälte und in stiller , ununterbrochener Arbeit auf eigentümlichen Umwegen ihren Geheimnissen beizukommen strebte . Er hatte nicht nur die Frau Adelheid und den Junker Hennig , sondern auch sich selber erzogen , und an dem letztern Gegenstande putzte , zog , schnitzelte und schabte er noch immer ununterbrochen herum . Es war ein großer Pädagog an ihm verlorengegangen , aber ein fast noch größerer Philosoph gewonnen worden , und das war kein Wunder , daß er im Verlauf seines Lebens manchen bittern Kern aus der Hülse abgegriffener , ganz behaglicher Gemeinplätze löste . Nicht wie andere Erdgeborene begnügte er sich damit , zu seufzen : » Es ist ein elendes Dasein ! « , sondern er fragte dabei nach dem Warum , und das ist unter allen Umständen ein zwar recht verdienstliches , jedoch zugleich sehr mißliches Ding und häufig schmerzhafter als dieses elende Dasein selber . Und er gehörte durchaus nicht zu den wenigen Ausgewählten , den Glücklich-Unglücklichen , denen ein großes Ziel , ein hoher Zweck gegeben wurde , um sich daran und darnach zu Tode zu ringen . Aber wie sich die Sonne des höchsten Genius gewöhnlich in den weihevollsten Stunden hinter dem trüben Gewölk der Wirklichkeit verbirgt und , wie das Volk sich auszudrücken pflegt - Wasser zieht , so konnte auch seine Seele Wasser ziehen , und das Volk von Krodebeck und der Umgegend bemerkte es auf der Stelle und meinte : » Ist dem auch mal wieder der Buchweizen verhagelt ? Der hat doch wahrhaftig keinen richtigen Grund , um das Maul zu verziehen ! « Seine beste Freundin aber , die Frau Adelheid von Lauen , sagte höchstens : » Laßt ihn ! Es