das Fenster und sah hinab auf die Nachbarhäuser . Sie spähte angstvoll nach einem Menschengesicht , das sie um Hilfe anrufen konnte , aber die Wohnungen lagen so tief drunten , sie wurde weder gehört , noch gesehen ... Wie klopften ihre Pulse in Seelenqual und fieberischer Aufregung ! Sie warf sich auf den einzigen Stuhl , der im Zimmer stand und brach in Thränen der Verzweiflung aus ... Jetzt war es auf alle Fälle zu spät , auch wenn sie in diesem Augenblick noch frei wurde . Vielleicht waren die lieben Augen da drüben bereits gebrochen und das Herz stand still , das in seinen letzten Augenblicken mit gesteigerter Angst vergebens auf Felicitas ' Wiedererscheinen gehofft hatte ... Den allgemeinen Trost , daß die verklärte Seele nun wisse , woran ihr letzter Wunsch gescheitert sei , hatte dies junge , sehr scharf und logisch erwägende Mädchen nicht - es ist schwer zu denken , daß der menschliche Geist , der , wie alles Geschaffene , dem großen Gottesgedanken gemäß , zahllose Phasen bis zu seiner höchsten Vollkommenheit allmählich durchlaufen muß , nach der beschränkten irdischen Kurzsichtigkeit sofort die göttliche Eigenschaft der Allwissenheit annehmen und aus dem Jenseits herüber in das Handeln und Treiben der Erdbewohner , in die geheimsten Motive der Menschenbrust wie in ein aufgeschlagenes Buch blicken könne . Sie mochte weit über zwei Stunden abwechselnd in dumpfem Hinbrüten und verzweiflungsvollen Anstrengungen , sich zu befreien , in ihrer Haft zugebracht haben . Ihre Umgebung war ihr geradezu entsetzlich geworden . Diese unvernünftigen Geschöpfe , einst ihre Lieblinge , die bei jeder rascheren Armbewegung ihr furienhaftes Gekreisch erhoben und umhertobten , wurden für ihre überreizte Phantasie zu wahren Spukgestalten - sie zitterte vor ihren eigenen Bewegungen . Dazu brach der Abend herein ; es wurde dämmrig in dem unheimlichen Raum , der erste , wilde Schmerz um die Verlorene brannte in ihrer Brust - es war eine Situation zum Wahnsinnigwerden ! Noch einmal lief sie nach der Thür - wie betäubt vor Ueberraschung blieb sie stehen , das Schloß wich ohne den geringsten Widerstand unter ihren Händen ... Draußen auf dem Vorsaal war es totenstill ; Felicitas hätte meinen können , ein schrecklicher Traum habe sie gequält , wäre nicht das Wohnzimmer fest verschlossen gewesen . Sie sah durch das Schlüsselloch ; ein heftiger Zugwind brauste ihr entgegen , die losen Epheuranken drin an den Wänden bewegten sich schaukelnd hin und her ; man hatte die Fenster geöffnet - - ja , es war alles vorüber , vorüber ! ... Drunten im Vorderhause saß die Köchin strickend an der offenen Hausthür , wie sie an schönen Sommerabenden zu thun pflegte . Aus der Küche quoll der Duft frischen Gebäckes , sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln , wie sie Frau Hellwig stets zum Kaffee genoß , aus der Röhre gezogen - es war also hier unten alles in seinem Geleise fortgegangen , während droben ein Glied der Familie aus der Welt geschieden war . Felicitas ging in die Gesindestube . Gleich darauf trat auch Heinrich herein . Er hing still seine Mütze an den Nagel , dann schritt er auf Felilitas zu und reichte ihr wortlos die Hand . Der wehmütige Blick der rotgeweinten Augen in diesem alten , wetterharten Gesicht drang wie erlösend in das schmerzerstarrte Innere des jungen Mädchens - sie sprang auf , schlang ihren Arm um seinen Hals und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus . » Du hast sie nicht noch einmal gesehen , Feechen ? « fragte er nach einer Pause leise . » Friederike sagt , die Madame habe ihr die Augen zugedrückt - ach , gerade die Hände ! ... Von dir ist nicht die Rede gewesen , und das kann man sich doch an allen zehn Fingern abzählen , die Madame wäre wütend geworden , wenn sie dich da oben gesehen hätte ... Wo hast du denn gesteckt ? « Felicitas ' Thränen hörten sofort auf zu fließen . Mit sprühenden Augen erzählte sie ihm , was geschehen war . Er rannte wie besessen in der Stube auf und ab . » Ist denn das menschenmöglich ! « rief er einmal um das andere und fuhr sich mit beiden Händen in seinen dichten grauen Haarwust . » Und das hat der liebe Gott so mit ansehen können ? ... Ei , du heiliges Kreuz ! ... Ei , du heiliges Kreuz ! ... Und nun gehe du hin und klage und erzähl ' s ! Bei Gericht schicken sie dich heim , weil du keine Zeugen hast , und in der ganzen Stadt glaubt dir ' s kein Mensch , denn das ist die gerechte , fromme Frau Hellwig , und du ... Und wie hinterrücks sie ' s gemacht hat ! « unterbrach er sich grimmig auflachend . » Just in einem Moment , wo die Vögel recht geschrieen haben , hat sie die Thür sachte wieder aufgeschlossen ... Ja , ja , ich sag ' s ja immer - ' s ist eine von den Schlimmsten ! ... Feechen , du armes Unglückskind , dich hat sie bestohlen ! Ich hab ' heute morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen müssen - morgen nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen - deinetwegen ... Ja , ja , wer weiß , wie nahe mir mein Ende ! Sie war so erstaunlich weltpolitisch , unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheitheit in einem Weiberkopfe , aber den schönen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt , sonst hätte sie nicht so lange gewartet ! « 19 Es war noch sehr früh am Morgen , als Frau Hellwig im Vorderhof erschien . Statt der wohlbekannten , in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverändert gebliebenen weißen Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen , fleischigen Wangen . Das unselige Geschöpf , das so oft den Sabbat des Herrn entheiligt hatte durch unheilige » Lieder und lustige Weisen « , war