mit allem fertig und vollständig gerüstet , das Haus zu verlassen . Elisabeth eilte aufatmend ihr entgegen , während Herr von Walde das Fenster verließ und draußen einigemal auf und ab schritt . Als er wieder näher trat , verbeugte sich Miß Mertens tief und ging freudig auf ihn zu . Sie sagte ihm , daß sie heute schon mehrere Male bei ihm vergeblich Zutritt gesucht habe und sich nun freue , ihm doch noch ihren Dank aussprechen zu dürfen für alle seine Güte und Fürsorge . Er winkte abwehrend mit der Hand und wünschte ihr dann Glück zu ihrer Verlobung . Er sprach sehr ruhig . Wie durch einen Zauberschlag hatte sich plötzlich seine ganze Erscheinung wieder mit dem Nimbus der Hoheit und Unnahbarkeit umgeben , so daß Elisabeth nicht mehr begriff , wo sie den Mut hergenommen hatte , diesen Mann auf die Gesetze der allgemeinen Höflichkeit zurückzuführen ... Die vorhin so leidenschaftlich flammenden Augen ruhten jetzt ernst auf Miß Mertens ' Gesicht . Der weiche tiefe Klang seines Organs ließ nicht mehr ahnen , daß er sich noch vor wenig Augenblicken in beißender Ironie verschärft hatte , daß jedes seiner Worte ein Ausdruck der tiefsten Gereiztheit gewesen war und geklungen hatte , als solle es rächen und verwunden . Herr von Walde war mit Bitterkeit gegen seinen Vetter erfüllt , das hatte Elisabeth ja heute schon einmal bemerkt . Warum aber mußte sie es büßen , wenn ihm der Verhaßte vor die Augen kam ? ... War sie nicht schon beleidigt genug gewesen durch Hollfelds abermalige Zudringlichkeit ? ... Und nun wurde sie auch noch das Opfer einer Entrüstung , an der doch nur Helene die Hauptschuld trug ... Ein stechender Schmerz durchzuckte sie , als sie sich erinnerte , wie zärtlich und verzeihend Herr von Walde die Schwester in seine Arme genommen hatte , wie auch nicht ein Blick des Vorwurfs auf sie selbst gefallen war bei Erwähnung der Hollfeldschen Besuche ... sie , die arme Klavierspielerin , die notgedrungen Hollfelds Anwesenheit mit dulden mußte , wurde nun zum Blitzableiter des brüderlichen Zornes ... Oder hatte er mit angesehen , wie Hollfeld ihr die Rose auf das Buch warf , und war in seinem aristokratischen Stolze tief beleidigt , daß sein Vetter einem bürgerlichen Mädchen in der Weise huldige ? ... Dieser Gedanke kam Elisabeth wie ein erleuchtender Blitz ... Ja , ganz gewiß , so nur konnte sie sich sein Benehmen erklären ... Sie sollte die arme Blume zertreten und mit ihr den Beweis vernichten , daß Herr von Hollfeld einen Augenblick seine hohe Abkunft vergessen hatte . Darum wurde so plötzlich in rauhem , befehlendem Tone zu ihr gesprochen , in einem Tone , welchen sicher nur diejenigen an ihm kannten , die ein Vergehen zu büßen hatten ; und darum auch sollte sie durchaus sagen , welchen Eindruck ihr Hollfelds plötzliches Erscheinen gemacht habe ... In diesem Augenblicke hätte sie nun hintreten und ihm unumwunden erklären mögen , wie verhaßt ihr sein hochgeborener Vetter sei , daß sie sich durchaus nicht geehrt fühle durch dessen Aufmerksamkeiten , sondern dieselben stets als eine ihr widerfahrende Schmach ansehe . Allein es war zu spät . Herr von Walde sprach mit Miß Mertens über Reinhards Reise nach England so ruhig und eingehend , daß es geradezu lächerlich gewesen sein würde , mitten hinein den Faden des vorigen stürmischen Gesprächs wieder aufzunehmen . Auch fiel nicht ein Blick seines Auges mehr auf sie , obgleich sie ziemlich nahe bei Miß Mertens stand . » Ich bin eigentlich halb und halb entschlossen , die Reise selbst mitzumachen , « sagte er schließlich zu der Gouvernante . » Reinhard soll mit Ihrer Frau Mutter zurückkehren , denn ich will Lindhof von nun an ganz unter seine Aufsicht stellen ; ich aber bleibe den Winter über in London , gehe im Frühjahre nach Schottland ... « » Und kehren dann jahrelang nicht wieder heim , « unterbrach ihn Miß Mertens erschrocken und betrübt zugleich . » Hat denn Thüringen ganz und gar keine Anziehungskraft für Sie ? « » O ja , aber ich leide hier , und Sie werden wissen , daß oft ein herzhafter Schnitt eine Wunde rasch und glücklich heilt , während sie unter einer allzu nachsichtigen feigen Behandlung gefährlich werden kann ... Ich hoffe viel von der schottischen Luft für mich . « Die letzten Worte hatte er in einem Ton gesprochen , der scherzhaft sein sollte , allein der gewisse Zug zwischen den Augenbrauen trat schärfer hervor , denn je , und ließ Elisabeth seine heitere Stimmung sehr bezweifeln . Er reichte darauf Miß Mertens die Hand und schritt langsam den Kiesweg hinab , wo er bald hinter einem Boskett verschwand . » Da haben wir ' s nun , « sagte die Gouvernante traurig . » Statt daß er uns , wie ich im stillen hoffte , eine schöne junge Frau nach Lindhof bringt , zieht er wieder hinaus in die weite Welt und läßt in Jahr und Tag nichts wieder von sich hören noch sehen ... Es ist etwas Ruheloses in ihm ; kein Wunder , wenn man die unerquicklichen hiesigen Verhältnisse bedenkt ... Die Baronin Lessen ist ihm ein Greuel , und doch ist er gezwungen , an seinem eigenen Herde stündlich mit ihr zu verkehren , denn die Schwester , die er zärtlich liebt , hat ihm ja erklärt , daß sie im Umgange mit dieser Frau das Herbe und Freudenlose ihres Daseins vergißt . Auch sein Vetter ist ihm ein ungebetener Gast ... Herr von Walde ist eine viel zu gerade Natur , als daß es ihm glücken sollte , seine Abneigung zu verbergen , und doch sind diese Menschen wie von Stahl und Eisen ; die wenig rücksichtsvolle Behandlung des Hausherrn gleitet vollständig an ihnen ab , sie haben weder Augen noch Ohren , wenn er auf eine Trennung hindeutet . Und Herr von Hollfeld , nun , der ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch ; ich