welches das Vertrauen , das Hans Unwirrsch ihm entgegentrug , schändlich mißbrauchte . Dieses schlechte Wesen war die Mamsell , die zu den korpulentesten und häßlichsten ihrer Art gehörte und in unverantwortlicher Weise den armen Hans in die allergrößte Verlegenheit setzte , indem sie sich heftig in ihn verliebte . Großes Leiden brachte sie über den Herrn Hauslehrer ; aber nachdem sie an einem heißen Mittage in der Grünenerbsenzeit den Versuch gemacht hatte , die Ophelia in einem stehenden Gewässer , welches die Gutsbewohner euphemistisch einen Teich nannten , in welchem aber kein Huhn ertrinken konnte , zu spielen , mußte sie den Hof verlassen , nachdem sie von zwei Knechten aus dem Sumpf hervorgezogen worden war und sich gewaschen hatte . Ihre Nachfolgerin nahm sich entweder ein gutes Beispiel daran oder war bereits über solche Versuchungen hinaus : sie störte den Frieden nicht . Wie aber der Prinzipal und leider auch der Herr Pastor die Geschichte ausbeuteten , wollen wir nicht beschreiben , um die Gefühle der Leserin zu schonen . Zwei Jahre Hauslehrertum sind eine Zeit , in der man manches lernen , erfahren und vergessen kann . Hans Unwirrsch lernte in ihnen , sein Leben bis zum Tode der Mutter wie einen schönen , stillen Traum zu betrachten , an dessen Einzelheiten man sich während der Arbeit des Tages mit wehmütiger Lust erinnert ; er erfuhr , daß es sehr viele und sehr verschiedenartige Menschen in der Welt gibt , und er vergaß vollständig , daß er einmal einem Leutnant Rudolf Götz begegnet war , der seine Nichte von Paris abgeholt hatte und sie an vornehme Verwandte in der großen Hauptstadt abliefern wollte . Im zweiten Jahr von Hans Unwirrschs Aufenthalt auf dem Gut des Herrn von Holoch erschien daselbst eine reiche Erbtante , auf welche die Familie viel Rücksicht zu nehmen hatte . Diese Dame war ebenso hager , wie jene entsetzliche Haushälterin wohlbeleibt war , und der arme Hans mißfiel ihr in demselben Grade , wie er der Mamsell gefallen hatte . Diese Dame war ebenso gebildet , wie sie hager war , und erklärte den Herrn Hauslehrer für einen unpolierten Tölpel , der selbst nicht erzogen sei und darum vollständig der Berechtigung ermangele , andere zu erziehen . Sie examinierte nicht nur den Junker Erich , sondern auch den Kandidaten Unwirrsch , und dies Examen fiel freilich sehr kläglich aus . Gegen alles Achselzucken , Gebrumm und Geseufz des wackern Gutsherrn , gegen alle Einwendungen der braven Gutsfrau , welche mit ihrem Hauslehrer und seiner Erziehungsmethode sehr wohl zufrieden waren , behauptete sie energisch ihren Standpunkt ; und da von ihrer Gnade und Ungnade viel für den Junker Erich abhing , so kam Hans Unwirrschs Aufenthalt auf Bocksdorf plötzlich zu einem betrübten Ende . Die Erbtante nahm es auf sich , den Junker Erich in der kleinen Residenz , wo sie eine ziemlich große Geige spielte , zum Edelmann der Zukunft ausbilden zu lassen ; der Kandidat Unwirrsch erhielt die Erlaubnis von ihr , sich nach einer neuen Stellung umzusehen . Er erhielt eine solche vermittelst eines Zeitungsinserates bei einem wohlhabenden Fabrikanten , welcher im Magdeburgschen irgendeinen übelriechenden Stoff fabrizierte , den man wieder in andern Fabriken zur Herstellung anderer Fabrikate sehr notwendig gebrauchte . Die Stunde des Abschieds kam ; der Herr von Holoch schob seine Fuchsmütze hin und her und seufzte : » Und es wäre doch besser gewesen , wenn ich die alte Schachtel hätte abziehen lassen und nicht Sie , Herr Kandidat . Gott behüte Sie , Sie sind ein wackerer Kerl , und wir werden Sie sehr vermissen . Ohne meine Frau hätte die Alte ihren Willen auch nicht durchgesetzt ; aber - die Weiber , die Weiber ! O Unwirrsch , darüber können Sie noch nicht mitsprechen ; aber wenn Sie ' s gelernt haben , so denken Sie an mich ! « Mit aller Gewalt wollte der gute Herr dem abziehenden Hans eine Lieblingsjagdflinte zum Angedenken aufdringen und konnte durchaus nicht begreifen , weshalb ein Kandidat der Gottesgelahrtheit eine verwunderungswürdige Figur spiele , wenn er als bewaffneter Mann also durch die Welt ziehen wolle . Die schönen Pantoffeln , die das kleine Fräulein ihrem Lehrer zum Abschied gearbeitet hatte - auf jeden derselben war ein Hase gestickt - ' nahm er mit Dank an und war sehr gerührt darüber . Sehr gerührt war auch die gnädige Frau , welche einen großen Sack mit Lebensmitteln und Delikatessen für den Abziehenden füllte und ihm mit fast mütterlicher Sorge allerlei gute Ratschläge und Gesundheitsregeln mit auf den Weg gab . Das Pastorenhaus fühlte den Abschied bitter , das ganze Dorf Bocksdorf schien teil daran zu nehmen ; sogar die Hunde des Gutshofes zeigten sich sehr aufgeregt und umschnüffelten und umwedelten mit kläglichem und ausdrucksvollem Winseln den Proviantsack ; auch der Junker , der sich doch schon mit halbem Geist im Kadettenhaus befand , vergoß einige Tränen . Der Gutsherr selber fuhr den scheidenden Hausgenossen ein gut Stück Weges bis hinein in die goldene Au . Dort in einem lustigen Wirtshaus bestellte er noch ein großartiges Mahl , und wenig fehlte daran , daß candidatus theologiae Hans Unwirrsch sich einen kleinen Rausch zeugete . Dann kam die Post herangerasselt , und der Schwager blies : Frisch auf , Kameraden . Der Herr von Holoch , der nunmehr einen wirklichen und wahrhaftigen kleinen Rausch hatte , nahm noch einmal Abschied in fröhlicher Rührung und schrie noch aus dem Fenster dem Wagenmeister nach , ja recht achtzugeben auf den jungen Menschen und das unerfahrene Wort Gottes . Hans Unwirrsch aber fuhr dahin und fiel , wie sehr er sich auch dagegen wehren mochte , in einen unruhigen Schlaf , in welchem ihm träumte , daß er von der gnädigen Tante in die Bibliothek des Vetters auf ewige Zeit eingesperrt sei , um sich die Bildung , die ihm fehlte , daraus anzueignen . Ein Stück Weges auf der Post - ein Stück Weges auf der Eisenbahn - ein Stück Weges auf einem Feldwege