ist , über den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene Broschüre vertieft . Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europäischen und namentlich des deutsch-böhmischen Exports , eine Entdeckung , die nur leider von Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde . Er würde die Broschüre über den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von » Harry « Heine , letztere natürlich mit entschiedener Indignation , doch theilnehmend , bei sich zu Hause gelesen haben , wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen , Leder , Thran , Gerbstoffe , Talg , zuletzt auf die Kleesaat geführt hätte , einen Artikel , dessen große Erfolge schon andere voraus hatten , diejenigen nämlich , von welchen bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schönen Ufer der Elbe dies- und jenseits Teufelsbrück gefahren sind . Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen , erlaubte Herrn Carstens doch sein jährlicher Umschlag . Sogar sich an Tagen , die , wie der heutige , sich auch gar zu heißer Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben , einer Droschke zu bedienen , um wenigstens durch die schwülen Straßen bis zum Dammthor zu kommen , gestatteten ihm seine Verhältnisse , die gar nicht so ganz » unrespectabel « sind . Herr Carstens hat nur die unglückliche Manie , alle zwei Jahre , wenn die Kleesaaten ringsum im Vaterlande in schönster Blüte stehen , sich und seinen beiden Schwestern , die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirthschaft führten und » daß Leben versüßten « , eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gönnen , bei welcher er , wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden römischen Sklaven Saturnalien feierten , so die ersten Gasthöfe besuchte und sogar täglich Cliquot nicht verschmähte , den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein entschieden unterordnete . Außerdem sparten seine liebevollen Schwestern an einer Mitgift , die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm , aber an Werth und Reiz für Männer , die etwa danach heirathen wollten , zu verlieren schien ; es scheint leichter , 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen , als 45 mit 50000 . Herrn Carstens unendliche Liebe für seine Schwestern , welche ihm diese jährlich in der Jahreszeit , in der wir uns befinden , mit Erdbeerkaltschale oder seinem täglich aufgesetzten Leibgerichte , jungen Erbsen mit » Swesern « , ein für allemal vergolten haben wollten , unterließ nicht , diese Mitgift seiner Schwestern - er hatte ja nur diese beiden - bis auf eine Höhe zu steigern , die ihnen allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt hätte , die Erträgnisse des Kleesaatexports entbehren zu können . Es war immerhin ein ganz » respectabler « Mann von 100000 Mark Banco jährlichen Umschwungs , von welchem schon ca. 6-7000 Nettoniederschlag übrig blieben . Dennoch mußte er vorziehen , interessante Broschüren lieber auf der Börsenhalle zu lesen , als sich deren zu Hause aufzuschneiden . Er mußte vorziehen , nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück , vielleicht der Abwechselung wegen , diesmal bis Lüneburg , für einen » hamburger Kaufmann « zu gelten , sich in seiner Privatliebhaberei , dem Sammeln alter , auf die hamburgische Geschichte bezüglicher Münzen , zu mäßigen , ja er mußte sich sogar die Unbequemlichkeit aufbürden , seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu halten , die jedoch für Kost und Logis und den von Meta Carstens ertheilten classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das , um nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf Entbehrungen , z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stücks im Stadttheater ( das Stück mußte sich » erst bewährt « haben ) zu hinterlassen , sintemalen sein Unterleib von früherer leichter Auffassung des Lebens geschwächt war und sein Muskel- und Knochenbau - eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas - an Rheumatismus litt , zwei Krankheitsbedingungen , die , wenn sie sich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carstens - und die edelsten waren sein Herz und sein Magen - werfen sollten , allerdings seinem Leben plötzlich ein Ende machen konnten . Hier nun , in der vor dem Dammthore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens treffen wir » Fräulein Lucinde Schwarz « wieder , herausgenommen aus Lebensverhältnissen völlig anderer Art , in neuen Umgebungen , neuen Anschauungen , neuen Empfindungsweisen . Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gütern des Kronsyndikus , von denen das eine in Holstein , das andere in Mecklenburg verpachtet war . Die Kleesaat war auch hier die grüne Spur , die von dem Teutoburger Wald , über den Haarrauch und die Heidschnucken hinweg , mit einem Umwege über die Marschen und Geeste des rechten Elbufers , nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammthor gelegenen Landsitze führte , der unter ähnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreißig Schritten , jedoch keineswegs in quadrater Potenz , sondern nur etwa zwanzig Schritten der Breite nach , einem Hause von anderthalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe und Hintergarten bestand , der seinerseits nur zehn Fuß lang und fünf Fuß breit war , einen Holzschuppen enthielt mit einer Hundehütte und die Grube zur Inempfangnahme alles überflüssigen Niederschlags irdischen Daseins . Nach hinten war alles das von einem schon abgeblühten Hollunderbusch umzäunt und trennte auch dies Gebüsch diesen Tummelplatz ländlicher Erholung von einem ditto , der mit gleichen luxuriösen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern Straße hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war , wo wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreißig Schritte bis zum Straßenstaket Raum geboten wurde dem » Flügelschlage einer freien Seele « . Der Vorgarten in Nr. 33 war zum größten Theile grüner Rasen , an dessen Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirthschaftlichen Samenhändler