Todes durch seine Seele . » Ruhig « - sagte er leise zu sich selbst - » sie wird erwachen , sie muß erwachen - solch überteuflischer Gedanke kann in keiner Hölle erfunden werden . « Er stand vor ihr , den kalten , sinnenden Blick auf sie gerichtet . Es war einer jener Augenblicke , in denen der Gedanke an die Möglichkeit einer ungeheuren That jede Empfindung , jede Bewegung des Innern in der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslöscht . Er durfte nur die Hand auf das Herz legen , um sich davon zu überzeugen , ob sie lebe . Aber er that es nicht . Er klammerte sich an die in jeder Möglichkeit liegende Hoffnung vom Gegentheil an , denn er fühlte , daß er jetzt nicht die Kraft habe , diese Hoffnung vor seinen Augen in Nebel zerfließen zu sehen . » Schrecklich wär ' s « - fügte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach einer Pause hinzu , » in dem Moment , wo das Glück beginnen soll , den Tod im Arm zu halten . Ich will Wahrheit « - schrie er , den Arm ausstreckend - sein Finger zuckte - mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens - - - Da erhob sich Lydia . Als hätte er einen Geist erblickt , so trat Landsfeld einen Schritt zurück , denn Lydia war aufgestanden und schritt , ohne Landsfeld anzublicken , auf die Thüre zu . - » Lydia « - rief er . Sie zuckte einen Augenblick zusammen , aber sie ging weiter . Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen . Ein herzzerreißender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und lös ' te sich endlich , als Landsfeld sie noch heftiger umfaßte , in lautes Schluchzen auf . » Mutter , Mutter « - rief sie mit einer Stimme , die die höchste Angst ausdrückte - » Hülfe « - Gertrud , die den ängstlichen Hülferuf gehört hatte , eilte vor Schrecken bleich herzu . Mit übermenschlicher Kraft riß sich Lydia aus der Umschlingung Landsfelds und stürzte in die Arme ihrer alten Amme . » Mutter « - rief sie weinend , indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte - » rette , rette mich vor ihm ! « Jetzt faßte Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager zurück . Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt , um den Arzt herauszuholen . Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder Bewegung , jedem Athemzuge der Unglücklichen gelauscht . Was in dieser Stunde in seiner Seele vorging , welche Angst , welche Ahnungen in ihm stürmten , kann man nicht in Worten ausdrücken . Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer Ohnmacht erwacht . Mit aufmerksamen , aber wirren Blicken betrachtete sie den noch immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden , dann stieß sie abermals jenen dumpfen , erschütternden Schrei aus . Sie wollte aufspringen , und verlangte , als sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Kräfte daran verhindert wurde - immer wieder nach ihrer Mutter . Während eines solchen Kampfes war es , als der Arzt eintrat . Sobald sie ihn erblickt hatte , stürzte sie auf ihn zu , und rief ihm flüsternd und geheimnißvoll ins Ohr : » Er hat mich nie geliebt . - Ich bin entehrt . « Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hände , und sank verzweiflungsvoll auf einen Stuhl . Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betäubung . » Sie armer Mann ! « - sagte der Arzt , » Ihre Frau ist wahnsinnig . « - Lautlos stürzte Landsfeld zu Boden . Vierzehntes Kapitel Auf dem Balkon eines der geschmackvollen und eleganten Villen , welche das sanft aufsteigende , mit Reben bedeckte rechte Ufer der Elbe unterhalb Dresden schmücken , saß an einem milden Juniabend eine Dame von etwa acht und zwanzig Jahren , den gedankenvollen Blick auf die Zeilen eines Briefes gerichtet , den sie mit der rechten , sehr zarten und weißen Hand hielt , während die Linke nachlässig über die Balkonlehne hinabhing . Als sie das Ende des Briefes erreicht hatte , ließ sie die Hand auf den Schooß sinken . » Es konnte nicht anders kommen « - sagte sie halblaut . - » Und doch - wer kann ' s wissen , ob schon alle Hoffnung verloren . Sie oder Ich - vielleicht Beide . « Sie seufzte und rief darauf , den Brief zusammenfaltend , in die offene Salonthüre hinein : » Marie ! « » Mein Gott , gnädige Frau , wie bleich sehen Sie aus ! Was ist geschehen ? « » Wann ist der Brief abgegeben ? « - fragte die Dame , ohne auf die Aeußerungen des jungen Mädchens Rücksicht zu nehmen . » Schon heute Vormittag , als Sie eben fortgeritten waren . « » So kann ich ihn jeden Augenblick erwarten « - sagte Jene vor sich hin , indem eine flüchtige Röthe ihre Wangen färbte . Einige Minuten später öffnete ein Mann die Thüre des Gartens , auf den der Balkon hinausging und näherte sich mit langsamen Schritten dem Hause . Die Dame war aufgestanden , um den Nahenden zu bewillkommnen . Ihr Herz schlug fast hörbar , und eine tiefe Beklommenheit schien sich in den ängstlichen Blicken und dem schnellen Auf- und Abwogen ihres Busens kund zu geben . Endlich standen Beide einander gegenüber und betrachteten sich einige Sekunden mit großer Aufmerksamkeit . » Du hast Dich sehr verändert , Richard « - sagte die Dame sanft . Ein bitteres Lächeln flog über die abgezehrten und bis zur Unkenntlichkeit gealterten Züge Landsfelds . » Findest Du das ? - Um so mehr freue ich mich darüber , wie gut Du Dich konservirt hast , Alice . « Nun lud sie ihn zum Sitzen ein . Nach einer langen Pause , während welcher