gewiesen , nannte er ihr nicht ; aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie der Kirche , welcher er angehörte ; immer hob sich aus ihnen , wie in weiter Ferne , eine Friedenshalle empor , die auf goldenen , eine Welt tragenden Säulen ruhte und den Zagenden ein sicherndes Asyl bot . Ach ! und Leontinens in solchem Zwiespalt von Angst und Seligkeit bestürmtes Herz hatte eines solchen so nöthig ! Josephine ahnte von dem Allen nichts ; sie lachte über Geierspergs Späße , mit denen er gegen die Neapolitaner zu Felde zog , sie freute sich über Leontinens blühende Wangen und lobte sie , daß sie nicht tanzte . Daß diese einen Ausbruch von Jean Carlo ' s wüthender Eifersucht scheute , konnte die Arme nicht ahnen . Der Sommer ging zu Ende , mit ihm gar mancher bunte Liebestraum . Plötzlich ward der Tag der Heimreise bestimmt . Jean Carlo ' s Abschied war herzzerreißend . Er kehrte nach Genf zurück , wo er den Winter zugebracht ; nach Berlin traute er sich nicht , er fürchtete erkannt und überliefert zu werden . In des Dechanten Gegenwart , der einen Augenblick aus Jean Carlo ' s Zimmer zu ihr hinüberkam , ihr Lebewohl zu sagen , zwang er die Geliebte , ihm das Versprechen zu wiederholen , nie einem Andern , als ihm , anzugehören , und schwur ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft , um ihr sobald wie möglich ein ihrer würdiges Loos zu bieten . Mit dem Versprechen , einander täglich zu schreiben , schieden die Verlobten . Aber was konnten Briefe einer glühenden Seele , wie die Jean Carlo ' s war , gewähren ? Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in Berlin ; und als sie im nächsten Frühjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien ging , folgte er ihr auch dorthin . Seine Verhältnisse hatten in diesem Jahre eine Art günstiger Gestalt gewonnen . Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der Liste der zum Tode Verurtheilten stand , öffnete sich ihm dennoch durch des Fürsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen künftigen ungeschmälerten Genuß seiner Einkünfte im Auslande , das allerdings nur eine beaufsichtigte Freiheit , zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs in den einer längeren Verbannung ihm bot . Und doch waren es gerade diese Hoffnungen , die während eines Sommeraufenthalts Leontinens auf den Gütern ihrer Vettern in Schlesien einen Bruch herbeiführten , dessen Folgen für Beide unberechenbar blieben . Die Familie des Baron Lersheim , bei welcher Leontine sich aufhielt , sah oft und gern Fremde in ihrem Hause . Jean Carlo ließ sich ganz unvermuthet als einen schweizer Gelehrten , einen Genfer , dort einführen , was er um so eher konnte , da er der Sprache unbedingt mächtig war . Schön , gewandt , mit dem kräftig pulsirenden Leben in jedem Zuge des Geistes wie der Gestalt , mußte der junge , wirklich liebenswürdige Mann gefallen , und bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich gewonnen . Anfangs genoß das schöne Paar der ganz unerwarteten Blütenzeit ihrer Liebe , im Schutz dieser unschuldigen Mystification , ohne Vornoch Rückblick , in der anmuthigen Frische eines jungen Gefühls und jungen Glücks . Ach , nur zu schnell trat die vernichtende Schwüle der Leidenschaft in ihr siegend-verheerendes Recht ! Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an . Jean Carlo gestand dem Baron , wer er sei , und stellte ihm frei , das ihn gefährdende Geheimniß auch den Seinen mitzutheilen . Lersheim dankte ihm gerührt für das ihn ehrende Zutrauen , zog aber vor , bei der noch immer über des jungen Mannes Haupt schwebenden Gefahr , die es schützende Hülle nicht zu heben . Den jungen Fräulein lag die Politik zu fern , als daß sie überhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt hätten , als daß er augenscheinlich ihrer Cousine Waldau den Hof mache ! Die Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben , aber zu sehr gewöhnt , ihr Urtheil immer auf das ihres Gemahls zu stützen , suchte sie nicht eigenmächtig nach der Lösung des von ihm nie berührten Räthsels . So vergingen mehre Monate . Jean Carlo hätte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein müssen , wenn ihn dies tägliche , öffentliche und doch so geheimnißreiche Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu immer heftigeren Wünschen entflammt hätte . Fräulein von Waldau war nicht nur eine sehr glänzende Partie mit einem ganz unabhängigen Vermögen , sie gehörte auch zu jenen fast dämonisch die Phantasie entzündenden Gestalten , deren Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Männer wirkt , ihre Sinne reizt und quält ; sie war eine der Frauen , die der Leidenschaft den Wahnsinn zugesellen . Eine ihr angeborene , durch Erziehung und Umgebung ganz unberührt erhaltene Art Unbefangenheit , eine Unschuld der Unkenntniß , die sie noch gefährlicher machte , ließ sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und unbefleckt vorübergehen . Jean Carlo ' s heftiges Gemüth , die ihn beherrschende Glut seines Gefühls machten ihm seine Lage bald unerträglich . Er konnte es nicht aushalten , sie andern Männern gegenüber zu sehen , ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu machen , er vermochte es nicht , die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und machte ihr oft ungerechte Vorwürfe , ja heftige Scenen um unbedeutender Kleinigkeiten willen . Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung ; vergebens machte sie ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam , der Welt kein ernsteres Einverständniß mit ihr ahnen zu lassen ; vergebens stellte sie ihm vor , daß des Barons Theilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung verwandeln werde , sobald dessen Einfluß auf das Leben seiner nächsten Verwandten ihm klar werde ; daß ihre Familie eine Verbindung mit einem Ausländer , auf dessen Kopf noch immer