retten wird aus aller Kreuzes- und Lebensnoth . Der Jammer soll zwar erst recht angehen , da ich vorläufig noch nicht einmal in Gethsemane bin . Heut Abend ist diese Mission angesagt worden . Nun nimm Vernunft an , Auguste , ich bitte Dich , und schicke mir keinen neuen Judas auf den Hals , denn ich wäre ohne Zweifel zu wenig christlich- sanftmüthig gesinnt , als daß ich dem Kußräuber nicht den Hals durch einen raschen Griff umdrehen sollte . Bitte für mich , kleine Heilige , mit dem klugen , bewegten Gazellenauge ; zur nächsten Frühmesse bringe ich Dir ein in lebendigem Feuer brennendes Herz . Bleibe treu und untersage dem alten Ephraim das Korbflechten ! Ich mag ' s nicht leiden , daß in Deinem Hause , wo die Liebe ihre genialsten Gedanken gebiert , und in der schönsten Gestalt ihrer ewigen Poesie den Morgen einer schönern und menschlicheren Welt verkündigt , die Prosa des Lebens ein so fatales Geschäft betreibt . Lucie ist munter ; in ihrer Ausgelassenheit gefällt sie mir momentan besser , als Du , meine Schönste ! Dann küsse ich Sie und bin ihr gut . Mache Du ' s eben so mit Oskar , wenn Du Flecken finden solltest an mir . Diese poetisch gehandhabte Eifersucht wird uns zu sehr guten Menschen und unwandelbar treu Liebenden machen . Nur kein Erkalten des Herzblutes zu ekler Prosa ! Laß ' Deine Sonnen leuchten , Auguste , Du heilige Göttin der duftig umsponnenen Welt , und glühend herabsinken ihre Strahlen auf die Reben unserer sich umarmenden Herzen , damit in purpurner Pracht der schäumende Perlenthau sich in den Kelch unseres Lebens stürze ! Hebe die Schale , Auguste , und genieße Himmelsfunken , Erdenglück , Lebensschaum ! Genuß ist Alles , Genuß ist Himmel , Genuß ist Gott ! Hätte Gott nicht genossen und sich berauscht im Aether seines heiligsten Gedankens , so gäbe es keine Welt , keine Sterne , keinen Tag und keine Nacht ! Es gäbe keine Liebe , diesen ewigen entzückenden Rausch des Gottes in seinem geliebtesten Kinde , dem Menschengeschlecht ! Ohne Maß und Ziel , unaufhörlich schwelgend im Rosenduft Deines Mundes , umarmt Dich Dein Sigismund . « Solltest Du dies etwa blos für Tirade halten , wie meist alles poetisch Empfundene , so nimm den Fond meiner ganzen aufgeregten Bosheit zu unvergänglichem Erbe dahin , denn ich kann eben so unbegrenzt hassen als lieben . - Bardeloh vergaß nicht , mich zur festgesetzten Zeit abzuholen . Felix begleitete uns mit einem Diener bis an den Hafen und bedauerte nur , daß er daheim bleiben müsse . » Komm hübsch wieder , Sigismund , « sprach er , » sonst gibt ' s bei uns lauter Elend . « Er schwenkte sein Hütchen so lange , bis das Dampfboot aus dem Gesichtskreise verschwand . Der Morgen war heiter und warm . An den Ufern des breiten Stromes zogen die Landleute der Stadt zu . Die Landmädchen sind in diesen Gegenden meist von hoher Statur und vereinigen mit gesunder Grazie etwas Majestätisches in Gang und Haltung . Viel mag dazu die Gewohnheit thun , Alles in zierlich geflochtenen Körben auf dem Kopfe zu tragen . Ein voller schlanker Wuchs , gehoben durch eine gefällige Kleidung , gibt einer solchen Mädchen-Caravane einen phantastisch- heiteren Anstrich . Die Rheinländerinnen sind weder wortkarg noch blöde . Die Traube der Mosel lacht in jedem Mädchenauge , ihr leichter süßer Schaum perlt in der rosigen Wange , und freundlich geben sie den Gruß des Fremden zurück . Am liebsten scheinen diesen Hebegestalten die strohhuttragenden Fremden zu sein . Scherz und Gruß springt von Gruppe zu Gruppe , man vergißt die tieferen Aengste des Lebens und glaubt wieder an ein heiteres , freudenerlaubtes Dasein . Ein Musikchor auf unserm Schiff spielte lustige Sangesweisen , die Reisegesellschaft , wieder bunt zusammengewürfelt aus allen Nationen , um nicht zu sagen Welttheilen , summte erst leis dann lauter die Melodie , als aber das Rheinweinlied mit vollem Jauchzen der Instrumente : » Am Rhein , am Rhein , da wachsen unsr ' e Reben etc. « angestimmt ward , fiel jeder deutsche Passagier lustig in den beglückenden Gesang , und eilte auf dem dämonischen Wasserroß den grünen Rebenhügeln zu , die nah und fern schon ihre lockenden Ranken uns entgegenstreckten . Ein paar Citronen- und Pomeranzenbäume , am Mast aufgestellt , grüßten mit dunkelglühender Frucht die laute Freude , der Süden schien sich vereinigen zu wollen mit dem Norden . Ein Lorbeerbaum stieg zwischen beiden ernst und sinnend in die Luft und darüber hisste die Industrie die schwarze Todtenflagge auf , als wolle sie die Vergangenheit sühnen mit ihren stilleren uneigennützigen Bestrebungen . Die Morgenlerchen warfen ihre gellenden Triller in den Gesang der Menschen herab , die Sonne steckte hellfarbige Rosenbänder halb lächelnd halb verdrüßlich um ihre goldenen Locken und zerbrach die rasche Fluth in funkelnd dahinrollende Erzstufen . Ein ungeheuerer Chrysopras schimmerte der Strom , eingefaßt in den Reif silbernen Nebels . In wenig Stunden lag Bonn vor uns , das Siebengebirge mit seinen romantischen Thälern in blauen Duft gehüllt am Horizont , der Drachenfels starrte hinein in die Gegend , wie das blöde Auge eines greisen Burgwarts . Was würde ein solcher Thurm erzählen können , dürfte er auch nur beim Frühroth ertönen auf wenige Secunden ! Die zahlreichen Ruinen am Rheim erscheinen mir immer wie verzauberte Seufzer , die vergeblich von Jahrhundert zu Jahrhundert auf den Erlöser warten . Einzelne Pulsschläge der Vergangenheit , die sich bei dem entfliehenden Leben verspätet haben und in Stein verwandelt worden sind . O , es ist nicht gut , wenn irgend ein Mensch oder eine Sache zu lange lebt ! Je früher gestorben , desto süßer und traumloser ist die Ruhe ! - Als das Schiff bei Bonn anlegte , vermißte ich Bardeloh . Ich fand ihn , dem Ansehen nach eingeschlafen am Vordertheil auf dem Glockengestell sitzen , aber er grübelte nur über Gedanken der Zukunft ,