mich wohl erhören . Liebes gnädiges Fräulein ! « fuhr die Alte fort , indem sie sich neben Gabrielen setzte , » halten Sie mirs zu gut . Als ich Sie vorhin so jung , so schön , so vornehm und so reich und doch so herzlich betrübt weinen sah , da konnte ich nicht anders , ich mußte mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen . Glauben Sie mir nur , Gott wird seinen Engel senden , Sie zu trösten , wenn es Zeit ist , bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung . Hat er ihn doch auch mir gesendet , als meine Margarethe gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach Böhmen wandern mußte . Da blieb ich in einem wild fremden Lande , von aller Welt verlassen , in Todesnöthen auf freiem Felde liegen , rings um war es Nacht und kalt , ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich : » Vater unser , der du bist im Himmel , « und er hörte mich doch und sandte den Retter . « Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten ; sie fragte , die Frau antwortete , und bald fand es sich , daß es so sey , wie sie es geahnt hatte . Es war die nehmliche alte Mutter , welche Ottokar vor ungefähr Jahresfrist vom Verschmachten gerettet hatte . Mit heißen Freuden-Thränen fiel Gabriele ihr um den Hals . » Er ist Ihnen wohl nahe verwandt ? « fragte die Frau . » Ja wohl verwandt ! nahe verwandt ! « erwiederte Gabriele , « die nassen Augen gen Himmel gerichtet . » Das hätte ich gleich sehen können , daß Sie Schwester und Bruder sind , Sie sind beide so gut und so schön . Sagen Sie Ihrem Bruder doch , wenn Sie ihn sehen , wie seine Wohlthat mir Segen gebracht hat , ich denke , es muß ihn freuen , wenn er es hört . Ueberall fand ich weiterhin gute Seelen , die sich einer armen alten Mutter annahmen , und so habe ich von seinem Gelde so viel erübrigt , daß ich meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte . Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln und Urenkeln dort unten im Dorfe . Aber alle Abende steige ich hier herauf , sobald es Vesperzeit wird , im Winter und Sommer , im Regen , im Schnee , im Sonnenschein , nichts hält mich ab , denn ich habe ein Gelübde gethan und das will ich halten , so lange Gott mir die Kräfte verleiht . Hier bete ich immer einen Rosenkranz für meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben Heiligen , besonders der heiligen Jungfrau , denn so habe ich es gelobt . Lieber Gott , denke ich , er ist zwar ein Engel an Güte , aber doch ein junger , reicher , vornehmer Herr . Da kann es wohl geschehen , daß solch ein junges Blut mitten im Vergnügen einmal das Beten vergißt , und mein einfältiges Gebet kommt doch aus treuem Herzen , das muß ihm frommen , wo er auch seyn mag . « » Wo er auch seyn mag ! wo er auch seyn mag ! O gute Mutter , vergiß ja nie dein Gelübde und gedenke auch meiner , wenn du für ihn den Himmel anrufst ! « Mit diesen , in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drückte Gabriele der Alten ihr Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhülltem Gesicht ihrer Wohnung zu . Jetzt war es ihr unmöglich geworden , noch heute den Abendzirkel zu besuchen , und Frau von Willnangen , der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mittheilte , war auch sehr bereit , sie zu entschuldigen . Allein in ihrem Zimmer gab sie sich ganz den Erinnerungen hin , welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte . Jede in Ottokar ' s Nähe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorüber , vor allen die erste , in der sie ihn sah , ohne ihn nennen zu können , und dann die letzte entscheidende . Die Sonne war untergegangen , tiefe Dämmerung , gemildert durch das Licht des eben aufsteigenden Mondes , erfüllte das Zimmer ; noch immer saß Gabriele sinnend und im Aeußern regungslos da , obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so leisem Geräusch zusammenzuckte , denn ihr war als dürfe sie jetzt auch ihn erwarten , ja als müsse Ottokar in der nächsten Sekunde hereintreten , so sehr hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht . Annette , die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin beobachtet hatte , wagte es endlich , sich ihr zu nahen ; mit bittender Geberde legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin . » Gutes Kind ! dein Herz sagt dir , was mir frommt , « sprach Gabriele , indem sie liebkosend ihre Locken berührte . Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied , welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte . Sie sieht mich nicht ! Ich sehe ewig Sie , Und wenn auch meine Augen einst erblinden , Mein Geist wird dieses theure Bild doch finden , Auch wenn ich dahin flieh , Wo ausglimmt alles Licht . Sie hört mich nicht ! Ich höre ewig Sie ! Von süßen Lippen flossen Geister-Worte , Die mich ergriffen , leise Mollakkorde ; Der Ton erstirbt mir nie , Wenn auch kein Laut mehr spricht . Beklagt mich nicht , Daß ferne , ferne Sie ; Bin ich nicht glücklich , ewig Sie zu lieben ? Mein war Sie , mein für immer ist geblieben , Was Leben mir verlieh Und auch der Tod nicht bricht . Da öffnete sich leise die Thüre , und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche Gestalt trat herein , ein paar Schritte brachten sie näher