war tiefsinnig , religiös , hypochondrisch . Ich glaube , daß ihn die Sekte der Shakers , deren Religionsübungen er zuweilen beiwohnte , verwirrt gemacht hat . Dystra nahm Morton so wie er sich gab und ließ ihn als eine Curiosität gelten . Einige Male , daß ich in Neuyork war , entdeckt ' ich sogar , daß Morton wohlhabend genannt werden konnte . Er hatte ein ausgebreitetes Geschäft auch mit Metallbuchstaben , die er neu bei uns einführte . Ich erinnere mich noch der schönen Überraschung , die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben machte , als meine Frau starb . Da haben Sie , schrieb er , in vierfacher Anzahl das deutsche Alphabet ! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib zusammen ! Die Buchstaben , die in dem Worte : » Dulderin « vorkommen , schick ' ich Ihnen doppelt . Sie werden sie brauchen können in Ihrer Inschrift , die Sie an dem metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben , die ich gleichfalls beilege , befestigen müssen . Ackermann schwieg eine Weile . Auch Louis war durch einen Zug , der seinem neuen Freunde und Vertrauten so ähnlich sah , gerührt ... Morton , schloß Ackermann , schrieb mir , als ich ihm auf diese Sendung dankte und anzeigte , ich würde nun nach Europa , wenn nicht für immer , doch für einige Zeit zurückkehren , ich möchte mich einigen Aufträgen für Deutschland unterziehen . Er wies mir die kleinen Summen an , die ich seinen Verwandten bringen sollte und empfahl sich , mit einem sonderbaren Ausdruck , meinem Andenken und meiner Gerechtigkeit . Als ich in Newyork nach ihm suchte , hieß es , er wäre spurlos verschwunden . Sein Besitzthum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer milden Stiftung übermacht . Ihn selbst suchte man überall vergebens . Die Entdeckung von Kleidern , die ihm gehörten , an einer Uferstelle des Hudson läßt fast vermuthen , daß er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen hat . Ackermann und Louis waren während dieser Mittheilungen wieder zu dem Wohnhause zurückgekehrt . Louis , vertieft in die Möglichkeit , daß sich Ackermann und Morton begegneten . Er merkte kaum , daß ihnen ein Kind entgegengesprungen war und gerufen hatte : Selma ' s Stunde ist aus ! Zum Essen , Onkel ! Ackermann bemerkte , daß diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido Stromer gehörte und von ihm und Selma auf längere Zeit in den Ullagrund genommen wurde . Wäre sie lange genug da , so käme ein andres von den Kindern an die Reihe und Alle müßten ihn Onkel nennen , damit die armen Kleinen , die einen Vater hätten und doch auch wieder keinen , an Menschenliebe nicht irre würden . Von Oleander bemerkte Ackermann , daß er seiner Tochter täglich Stunden gäbe und ihn als einen sinnigen , vielleicht zu bescheidenen und träumerischen Menschen schätzen müsse . Die kleine Hedwig , so hieß Stromer ' s zweite Tochter , die gerade jetzt an der Reihe war , im Ullagrunde weilen zu dürfen , zog den Onkel in das Haus und in die Thür , die neben der zu Ackermann ' s Zimmer führenden lag . Geöffnet bot sie den Anblick eines zwar niedrigen , aber traulichen Wohnzimmers . Alle Möbel , von Kirschbaumholz , waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle Färbung der Wände angenehm ab . Ein großer Flügel stand aufgeschlagen . In der Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefällig gedeckt . Im Ofen prasselte ein belebendes Feuer . Am Fenster stand ein Nähtischchen für Selma . Über ihm hing ein Bücherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Classiker . Im Eck stand ein Fachwerk mit bronzenen und gläsernen Nippsachen . Es schienen langgesammelte Andenken . Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen , stand aber doch wie eine heilige Reliquie , wohlgeordnet , unter allerhand kleinen scherzhaften Spielereien . Oleander , der am Bücherborde in einem Goldschnittbändchen blätterte , grüßte die Ankommenden . Da steht ja schon die Suppe ! sagte Ackermann . Wo ist Selma ? Sie zieht ein schön ' res Kleid an ! verrieth Hedwig Stromer . In dem Augenblick öffnete sich das Nebenzimmer und Selma , hocherröthet , sich gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzögerung , trat herein und gab , sogleich einen Stuhl ergreifend , das Zeichen , daß man sich zu Tische setzte . Fünftes Capitel Deutsche Liebe , deutsches Leben Selma ' s Erröthen hatte ohne Zweifel seinen Grund darin , daß sie sich des Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte , wo ihr Vater mit dem Justizrathe Schlurck so heftig aneinander gerieth und Louis mit der vom Vater so sehnlich erwarteten Botschaft eintrat , der todtkranke junge Fürst genehmige die Anträge des Amerikaners . Damals war sie Selmar , der Knabe . Heute sah sie Louis als Mädchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war , so wußte sie doch , wieviel der Fürst auf Louis hielt . Vor aller Welt war sie mit leichter Mühe in die neuen , ihr eigentlich gebührenden Kleider geschlüpft . Bei Louis ahnte sie zuerst , was sie wol fühlen würde , wenn sie einmal , wie sie doch hoffte , dem ihr so theuer gewordenen Fürsten Egon selbst begegnen sollte . Da Louis aus Bescheidenheit , Oleander aus Gewohnheit schwieg , so mußte sich wol Selma zusammenraffen , um das Gespräch zu führen . Sie legte mit großer Geschicklichkeit vor . Louis beobachtete ihr Wesen , ihre innere und äußere Erscheinung , mit großem Gefallen . Sie war zierlich gewachsen , schlank und behend . Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten . Es war noch von der Knabentracht her nicht länger gewachsen . Die lockige Biegung , in der es auf den weißen Nacken fiel , machte einen sehr einnehmenden Eindruck . Das Kleid , das sie rasch angezogen hatte , war blau