frischer Wange , ihren weißen Zähnen aller Bedenklichkeiten geringschätzig lächeln , die nach ihrem Sinn nur krankhafte Empfindsamkeit geltend machen konnte ... Der Dechant war ganz gleicher Ansicht ... In dem kleinen grünen Studierzimmer , wo die Worte nicht so ungehindert gewechselt werden konnten , wie unten im Garten und im Park , den zu besuchen nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war , lasen Beide diesen Brief ... Gestört von dem Rollen der Thüren und dem Horchen und Bangen Petronellens , erhob sich Bonaventura , riß sich von der Hand des Greises , die ihn halten wollte , los und eilte erst in den Park , den er eine halbe Stunde lang wie ein Geistesabwesender durchschritt , dann flog er auf sein Zimmer , um an Levinus von Hülleshoven zu schreiben ... Er hätte mit Bedauern gehört , schrieb er , daß sich die Leidenszustände Paula ' s vermehrten , daß ihr Leben schon ganz abhängig zu werden drohte von einer Einwirkung , die beiden Theilen zuletzt die drückendsten Verpflichtungen auferlegte ... Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Träume des edeln Mädchens hatte er gehört und beklage schmerzlich , daß sie übel gedeutet würden ... O könnte man doch , klagte er , ganz den Vorhang schließen , der sie in ein Land blicken ließe , für dessen Beurtheilung der Welt alle Bedingungen fehlen ... Sie sollte dem Zug der Demuth folgen , der stets in ihrer reinen Seele der vorwaltende gewesen ... Nimmermehr aber sollte sie ihre Wünsche auf ein Kloster richten ... Er gestünde es offen , seine Einblicke in die Klosterwelt wären die enttäuschendsten ... Wie im Kloster Himmelpfort wär ' es überall , nur vielleicht da ausgenommen , wo man Kranke heilte ... Paula wäre selbst des Arztes bedürftig ... So müsse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens ... Sie müsse Gott vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen , der dem Weib schon im Paradiese angewiesen worden , eine Gehülfin zu sein dem Manne ... Wenn sie den Grafen Hugo in sanfterer Weise , als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu versucht worden , in den Schoos einer Kirche führte , die ein Zusammensein im Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntniß auf Erden abhängig mache , so löste sie , wenn sie das wolle oder könne , eine sie vielleicht erhebende Aufgabe ... Ein Mann sei ja jedem Weibe , das von ihm zur Ehe genommen würde , vorher ein unbeschriebenes Blatt ... Selbst ein längeres Ergründen und Kennen des Verlobten schlösse ein Räthselhaftes nicht aus , das sich ganz erst in der Ehe selbst lüften könne ... Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergäbe und wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten , so sollte sie dem fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern ... Ja , wenn ihm die Gräfin seinen eigenen Priesterberuf , den Beruf der Entsagung auf eigenes Glück und der Fürsorge nur für fremdes , zu einer besondern Weihe erheben wolle , so sollte sie ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gönnen , daß Er es wäre , der - entweder zu St.-Libori oder in Wien , wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde bereit wäre - ihre Hand in die des Grafen Hugo legte ... So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war , umarmte er den Onkel mit den Worten : Laß mich so ! ... Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist sich sein eigener Priester ! 4. Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ... Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt , einen neuen Rundblick gewonnen ... Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem leuchtenden Aufblick der innern Verklärung und des Gefühls , sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhängniß ... An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er stürzte sich in das Allleben der Natur , umfaßte nicht mehr zagend und bangend blos das Einzelne ... Beim Besteigen der grauen Berglehnen , die durch die noch wenig belaubten Weinstöcke noch kahler erschienen , umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen Brust heraus alles wie schon mit den Früchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte er sich helfen ; er grüßte freundlicher , er stand denen Rede , die ihm im Felde begegneten , auch denen , die ihm nachschlichen , wie - Löb Seligmann , der seit einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten auf Reps und Taback suchte , auf die er Vorschüsse gab ... Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ... Und wäre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger » Egoist « gewesen , daß er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge beurtheilt hätte , hätte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb ' s , ein wenig mehr Lesekunst geübt in den so eigentümlich fragwürdig stehen bleibenden Lachmienen desselben - er hätte ja selbst zu ihm sprechen müssen : Nicht wahr , Herr Seligmann , seitdem Sie zur Hälfte unser Viergespräch auf Schloß Neuhof belauschten , sagen Sie auch : » Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden , als unsere Schulweisheit sich träumen läßt « ? ... In der That , so kann kein Beichtvater ( in verbotener Weise ) lächelnd an denen vorübergehen , die ihm gestanden , daß sie keineswegs das sind , was sie vor der Welt erscheinen , als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld , unter blauen Cyanen , im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini ' schen Tyrolienne : » Blütenkränze , Lust und Tänze « den hochgestellten jungen Geistlichen nicht blos grüßte , sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort : Ich weiß alles ! anredete ... Er näherte sich ihm auf Fußzehenweite ...