seiner Güter anzusehen . Louis fand in dieser Äußerung nichts , was ihn bestimmen konnte , irgendwie zu ahnen , wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte . Egon war in Hohenberg gewesen , Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart gerühmt , ohne sich auf den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen . Ich bin durch diese für seine Jugend überraschende Laufbahn als Staatsmann umsomehr befriedigt , sagte Ackermann , als ich die Gefahren zu kennen glaube , in die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht geräth , wenn seinem Geiste nicht die rechte Nahrung geboten wird . Ich fand ihn nahe daran , der Spielball koketter Frauen zu werden . Ein Portefeuille rettet gewiß aus jedem Strickknäuel und wenn es verwickelt wäre , wie der gordische Knoten . Louis erröthete fast . Er gedachte Helenen ' s ... Wohl muß ich sagen , fuhr Ackermann fort , daß ich selten ein schöneres Frauenbild gesehen habe , als Melanie Schlurck . Welche hohe Vollendung der Formen ! Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen , um die Pygmalion so unglücklich wurde , als sie nur von Marmor war ! Ja noch richtiger möcht ' ich dies Mädchen jener Armida vergleichen , die die ernsthaftesten Menschen bezauberte und Weise gezwungen hat , sich in ihrer Gegenwart für dumm zu erklären . Dauert dieser Roman noch ? Leider konnte Louis nicht sagen : Nein ! Es war ihm nur zu bekannt , daß Melanie Schlurck einen großen Einfluß auf Egon seit seiner ihm und aller Welt räthselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte . Schon seit Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr . Seine Aufrichtigkeit hatte zu stocken angefangen . Dennoch wußte er , daß er bei Paulinen wie von seinen Erschöpfungen sich ausruhte , bei ihr sich in seiner natürlichen Art heiter und unbefangen gehen ließ und von Melanie ' s immer gleicher Laune und ihrer kleinen liebenswürdigen Gefallsucht höchst angenehm unterhalten wurde . Daß Ackermann von einem älteren Verhältnisse sprach , Louis nur von einem jüngern wußte , kam in dem Druck der Thatsache selbst , die schwer genug auf Louis lastete , nicht zur Sprache . Auch die folgende Bemerkung Ackermann ' s , daß es dem Prinzen unter diesen Umständen viel Selbstüberwindung gekostet haben müsse , die Verwaltung seiner Güter ganz von dem Vater des schönen Mädchens zu trennen , kam nicht zu genauerer Erörterung ; denn Louis wußte , wie weit der Terrorismus gehen konnte , mit dem sich Egon selber zügelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bändigen konnte , daß er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den geringsten Vortheil bot ... Das war ganz in Egon ' s Art. Ackermann konnte sich von den Nachforschungen über Egon nicht so bald trennen . Der Gedanke an den jungen Prinzen , den er so genau zu kennen glaubte , schien ihm von solchem Werthe , daß er Louis nach allen Umständen seines jetzigen Lebens fast ausforschte . Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egon ' s politischer Entwickelung erzählt hatte , ergriff Ackermann die Zeitung , die er bei Louis ' Eintreten gelesen und sagte : Nach Dem , was ich von Ihnen und von ihm selbst weiß , überfällt mich da oft ein sonderbarer Zweifel , wenn ich seine Äußerungen in der Kammer lese . Ich finde ihn außerordentlich schroff . Er ist von seinen Überzeugungen erwärmt ... Er ; aber diese Überzeugungen sind für Andere von einer , ich möchte sagen puritanischen Kälte . Es wird Ihnen nicht unbekannt sein , daß es in Frankreich eine politische Partei gab , die der Doctrinäre ... Ihre Politik compromittirte das Königthum . Egon ist nicht viel besser ... Er haßte jedoch immer die Politik der Professoren ... Es ist gar nicht gesagt , daß die Doctrinäre Professoren sein müssen ; auch Kaufleute und Advokaten können es sein , wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen . Die Politik der jetzigen Übergangszustände unserer Staaten ist keine Wissenschaft , sondern eine Kunst . Wer dem Geiste der Massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle , entgegentritt , findet Widerspruch von allen Seiten . Ich fürchte sehr , daß sich Egon außer seinen politischen Gegnern , die an und für sich schon durch die Parteien und deren Interessen gegeben sind , auch noch die Theoretiker auf den Hals ladet . Kennen Sie diese Rede ? Ich finde sie bereits zu excentrisch für ein so junges Ministerium . Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung , die er Louis hinhielt . Es war wieder das » Jahrhundert . « Man sah , daß diese Zeitung hier überall auf bestimmte Veranlassung gehalten wurde . Louis las den Tag der Sitzung . Es war einige Tage nach seiner Abreise , daß Egon die folgenden Worte , die Louis laut vorlas , gesprochen hatte : » Denn , meine Herren , woran leidet unsere Zeit ? An dem Mangel einer sichern und festen Lehre über den Staat ? Glauben Sie Das nicht ! Sie leidet unter dem Mangel an Geduld und Prüfung . Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und des bescheidenen Bewußtseins seiner nächsten Pflichten . Wo Sie hinblicken , werden Sie arbeitende Köpfe und feiernde Hände finden . Ein Jeder bildet sich ein , wenn nur die theoretische Formel , das mathematische Gesetz unserer Existenz gefunden wäre , würde diese sich sogleich darnach ändern ohne unser Dazuthun . Die Gesellschaft ist , sagt man , krank , meine Herren . Sie ist es , ich läugne es nicht . Aber die Heilung liegt in uns , nicht in den Geheimmitteln der bisher gerufenen Ärzte . Woran fehlt es überall ? An der wahren Diät der Geister . Enthaltsam , nüchtern , streng gegen sich selbst zu sein , wem fällt Das noch ein ? Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen .