keineswegs unerörtert geblieben ... Bonaventura erstaunte , auf wen der Onkel , angstvoll , sein Auge gerichtet hatte ... Nach den ersten Begrüßungen , nach den ersten Auslassungen des Scherzes , sogar über die Ursache dieser Reise des Neffen , über den magnetischen Rapport desselben mit der schönen Seherin von Westerhof , folgte die Mittheilung , daß der Briefwechsel zwischen ihm und dem Präsidenten von Wittekind aufs lebhafteste andauere . Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt , aber man müsse alles höchst vorsichtig » applaniren « , auch mit der Schwester Benno ' s - Angiolina Pötzl in Wien ... Auf diese hatte er für seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der Erkennungen sein Auge gerichtet und darüber nach Wien geschrieben ... Freilich war schlimme Antwort gekommen ... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr verbunden ... Wäre auch , hieß es , ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit Paula vorauszusehen , so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes vom Glück verwöhnten , in Erfüllung aller ihrer Wünsche auferzogenen Mädchens für die Rücksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung ... Der Präsident , Bonaventura ' s Stiefvater , überrascht und fast erschreckt durch Terschka ' s Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration , ließ jetzt in seiner Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister nach , correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise von seiner Gattin bestimmt , sich mit dem Gedanken vertraut zu machen , daß die heimliche und trügerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu Recht bestünde ... Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklärte , auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten , auf Ausgleichungsvorschläge gefaßt sein zu wollen ... Bonaventura staunte , daß sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom aus über diese Angelegenheit ein plötzliches Schweigen eingetreten war ... Hatte sich Ceccone den Jesuiten unterworfen ? ... Zuletzt war es seine Mutter , die in ihrer steten Gewissensbedrängniß und dem den Frauen eignen System der Vertuschung von selbst darauf kam , ihr Gatte sollte sich den Blick in die Zukunft dadurch erleichtern , daß er dem Schlimmen aus eignem Antrieb entgegenkäme ... Ihr mit wühlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte zuerst , daß die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno ' s zusammenhingen ... Der Präsident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung über die ihm von seiner Gattin mitgetheilte Möglichkeit ausgesprochen und den Dechanten ersucht , den vortrefflichen jungen Mann , den er schon schätzte , den Freund seines Sohnes , des Domkapitulars , klug und besonnen seinem brüderlichen Herzen näher zu führen ... Diese Enthüllung erfolgte dann in den Tagen , als Benno , nichts von dem ahnend , was ihm bevorstand , gleichfalls in Kocher erschien ... Auch Benno wohnte in der Dechanei ... Er kam heitrer und sorgloser , als man ihn seit lange gesehen hatte ... Er brachte Briefe von Thiebold , der sich soeben in Geschäftssachen in England befand und Wunderdinge berichtete über das Ansehen und die Geltung , die sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den Anschluß an die Sache Italiens erworben hatte ... Benno war besonders auch für Frau von Gülpen ein trostreiches Element . Ihr Herz hing an ihrem Zögling mit der ganzen Innigkeit , die bei Frauen zwischen polternden Vorwürfen , wie schlecht man seine Wäsche behandeln lasse , und der Angst , man könnte sich bei geringster Erkältung , z.B. auf Windhack ' s Sternwarte den Schnupfen holen , die hin- und hergehende Mitte hält ... Dann war es an jenen Abenden , wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht , wo der » Schwan « aus Nordost sein mildes , wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern läßt , unter dem Schmettern der Nachtigallen , die im Park der Dechanei nisteten , beim Duft der Hollunderblüten - als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus Bonaventura ' s Mund das Geheimniß seines Lebens , seinen wahren Namen - Julius Cäsar von Wittekind erfuhr ... Er erfuhr ihn allmälig ... Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags der Kathedrale von Sanct-Zeno , nach einem feierlichen Gelübde , das ihm Bonaventura abnahm , nichts zu unternehmen ; was nicht mit den Interessen seiner nächsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand ... Er erfuhr zuerst den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter ... So steigt die Sonne mit purpurrothen Gluten aus der Erde ... So kommt eine Friedensbotschaft an die Menschheit , verkündet von dem Klang unzähliger in den Lüften schwebender Harfen ... Eine Römerin ! ... Aber noch fehlte der schrille Accord : Der Name des Vaters ... Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdrückend ... Noch wurden nur die Namen Kassel , Altenkirchen , Rom , auch Wien , letzteres um der Schwester willen , genannt , noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas erörtert ... Fast sprachlos starrte Benno , der wie ein Träumender stand , allem , was Bonaventura sagte ... Die Freunde mußten sich unter Hollunderbüschen auf eine Bank niederlassen ... Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle , wo seine Mutter von einem verbündeten Complott so ruchlos betrogen wurde , raubte Benno die Sprache ... Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes , der in seiner milden , innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzählte und alles nannte bis auf den Namen - des Vaters ... Nenn ' ihn nicht ! rief Benno , als müßte er die Mutter rächen , wie Orest den Vater rächte ... Bonaventura sagte : Er ist todt ... Endlich nannte er auch diesen Namen ... Da brach Benno zusammen an des Freundes Brust ... Ein Gefühl der Scham überflog ihn und wie ein Gifthauch südlicher Luft nahm ihm den Athem ... Auf die so plötzlich aufgesprungene Blüte seines wunderbaren Daseins das störende Wälzen