wie auf der Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung , am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwürdigen Scene zu trennen ... Herr Domkapitular ! ... sprach Rother mit hämicher Betonung der ihm vorgesetztem Würde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau ... Es war eine Scene , die Bonaventura an sein Erlebniß mit dem Habicht erinnerte , dessen Fänge sich , wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte , ebenso an die Altarsäulen festgeklammert hatten , während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf dämonisch seinen Angreifer anstarrte ... Sich sammelnd , hauchte er jetzt leise : Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde ! ... Ich befehle Ihnen - mir die Functionen zu lassen , die mir die Curie übertrug ... Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief hervor , rief seinem Meßner , hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit heiserer Stimme : Da , Fangohr ! ... Tragen Sie - den Brief sofort in - die Curie ... Die Kirche muß neu geweiht werden - das heilige Holz - exorcisirt - ! ... Diese reinen Seelen meiner Himmelsbräute - verführt mir ein - Magnetiseur - ! ... Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert . Ein Wurfspieß konnte nicht drohender fallen . Der Brief war ein Protest des Pfarrers , den er schriftlich aufgesetzt hatte , und Fangohr , sein Meßner , ergriff ihn , um ihn zum Generalvicar zu tragen ... Bonaventura stand starr ... Nichts mehr hörte er von alledem , was in fieberhafter Hast , mit frostklappernden Zähnen der selbst in Todeskrankheit noch unbändige Mensch an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ... Seine edelsten Empfindungen waren entweiht , seine heiligsten Gefühle auf die Straße geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand , dem Meßner die Schrift zu entreißen ... Dann beherrschte er sich , ordnete seine in Verwirrung gerathenen Gewänder und verließ , ohne ein Wort der Erwiderung , vom tiefsten Entsetzen durchrieselt , eine Stätte , auf die das Wort des Heilands gepaßt haben würde : » Ihr macht mein Haus zur Mördergrube ! « ... 3. Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen ausgesprochenen Anklage ... Die geheimen Mächte , die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwühlen , hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ... Wer die Anklage zuerst formulirt , sie verbreitet hatte , war nicht zu sagen ... War es Frau von Sicking ? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst und namenlos , bis dann einer hervortritt und für alle redet ... Die Nachricht über den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell ... Die Mehrzahl sprach über den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch - das Mitleid ist ein Zoll , der , wenn auch mit noch so voller Hand gereicht , keine Zinsen trägt ... Ein Gefühl des Beistandes muß fruchtbar , muß die Liebe mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern - verlor der junge Priester ... Bonaventura , dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt , war nun selbst ein Magier geworden ... Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde Handschrift Beschwerde über die Wahl dieses Stellvertreters , der ihm » seine Beichtseelen beschädige « ... Der Domkapitular von Asselyn hätte in Witoborn die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt , hätte dadurch Visionen veranlaßt und da man den Geist , aus dem diese Thätigkeit der menschlichen Hand sich offenbare , noch nicht zu erkennen vermöge , da die Kirche trotz einzelner Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch über alles , was an Zauberei erinnere , den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe , so müsse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und wünschen , daß die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer so gefährlichen Natur , wie die des Domkapitulars , behütet würden ... Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes , der ein Scapulier trug , das den Sterbenden den Tod erleichtern soll ! ... Aus dem Mund eines Mannes , den Bonaventura vernichten konnte , wenn die Gesetze Roms die Mittheilung dessen gestatteten , was ein Priester aus der Beichte weiß ! ... Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von ihm nicht angezeigt werden ... Und hätte Trendchen Ley gestanden , was sie , sie vollends drückte - mußte er nicht auch da schweigen ? ... Das sah Bonaventura deutlich , was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der Religiosität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigte Kind mit geistlich-sinnlichen Vorstellungen erfüllen wollen ... Er hatte ihr Beten , Fasten , Kasteien in Formen vorgeschrieben , die unsicher auf der Grenzlinie zwischen Demuth und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht , wenn sie verriethe , was er sie lehrte , um dem Erlöser mit seinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause , Verehrung vor Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerstrebenden Gefühlen zur Sklavin seiner Autorität gemacht ... Das alles , Bonaventura wußte es , war bei einem Cajetan Rother möglich und Treudchen Ley litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester , von dem Serlo ' s Denkwürdigkeiten erzählten , hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten Methoden , Heilige zu machen , mit kindisch raffinirter Naivetät erzählt ... Nück , der geistige Bundesgenosse solcher Frevel , und Lucinde umflatterten ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen : » Sie werden von der Beichte suspendirt werden ... Um dies