vorzusprechen ... Einstweilen beschäftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander , der wirklich an die etwas breite Art der deutschen Aussprache erinnerte , die in seinem großelterlichen Hause geherrscht hatte . War Louis ein leicht eingeschüchterter junger Mann , der nicht gern mit seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat , so war dies Herr Oleander noch in weit höherem Grade . Dieser Begleiter blieb immer höflich , wenn es sich einmal um den bessern Sitz , um das Ablaufen des Regens , um das Losgehen des Fußleders handelte , aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem Munde , die nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet hätte , seinen Nebenmann zu unterhalten , seine nähere Bekanntschaft zu machen , nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen . Auch Louis mochte nicht der Erste sein , ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder gar nach seiner Herkunft zu fragen . Er dachte an seinen Stand , an den Unterschied seiner Bildung , an die Bildung eines Gelehrten . Er wagte nicht , irgendwie zu verrathen , daß er , ein Tischler , von manchen höheren Dingen Kunde besaß . Da Oleander nichts sprach , sondern in sich versunken dasaß und in die öden Felder blickte oder den Krähen nachsah , die träge auf- und abschwebten , so folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorläufig wie er in Träumerei . Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die öde Natur ein französisches Gedicht , das ihm später so von Siegbert übertragen wurde : Du grauer Nebel , spinnst du Leichentücher ? Singst , heis ' rer Vogel , du ein Todtenlied ? Erschrickt das Auge , das im Buch der Bücher Die letzten Blätter aufgeschlagen sieht ? Sie fallen nieder , die Natur haucht leise Ihr letzt ' Geheimniß aus und will sich ruh ' n ; Da hebt sich schüchtern unter ' m Wintereise Der grüne Halm der Frage : Was kommt nun ? Kommt wieder Lenz und prangen alle Blüten Auf Feldern nur , im grünen Gartenhag ? Begrüßen wir mit den geschwung ' nen Hüten Nicht endlich auch der Freiheit Frühlingstag ? Bleibt Alles so im alten Weh ' und Kummer , Sowie die Sterne geh ' n am Himmelszelt ? Derselbe Tag ? Derselbe nächt ' ge Schlummer ? Nicht endlich , endlich auch die neue Welt ? Was will ich denn ? Nur dann und wann ein Lächeln Auch in den Seelen wie des Maien Luft ! Ein Zephyr Menschenliebe ! Nur ein Fächeln Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust ! O muntrer Quell , du frohe Wiesenblume , Zieht frohe Augen zu Euch niederwärts ! Zum Blütenast , zum Sternenheiligthume Blick ' ängstend und entsagend nicht das Herz ! Wie müßt ' es schön auf dieser Erde werden , Umfing ' einst die Natur zu gleicher Zeit Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid ! O Zauberland , wo auch die Herzen sprossen , Das Leben selbst in solchen Farben lacht , Die wie ein Regenbogen ausgegossen ... Bleibst du der Traum nur einer Winternacht ? Die Dohle krächzt - die Nebel hüllen Alles In der Verzweiflung graues Einerlei . Die Todtenglocke läutet dumpfen Schalles Und ruft den Hoffenden : Vorbei ! Vorbei ! Der Stein bleibt Stein - Nie wird die Welle fließen Zum Berg hinan - Was kann im Eise ruh ' n ? Gott läßt uns wol die alten Blumen sprießen , Doch seine Wunder soll ' n wir selber thun ! Herr Oleander war durchaus bei all ' seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich . Er blieb in seiner wohlwollenden Miene während der ganzen Fahrt . Oft rückte er zur Seite , als wenn er möglicherweise seinen Begleiter störte oder ihm unbequem säße . Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere Geistesarbeit zu verrichten , wie Louis . Dichtete er vielleicht auch wie dieser ? Auffallend genug , daß er zu den wenigen Worten , die er auf der Fahrt sprach , die Veranlassung von der Natur hernahm und immer etwas Eigenthümliches zu verfolgen schien oder beobachtete . So sprach er von den Dohlen , die sich noch die vergessenen Körner aus den durchweichten Äckern suchten , von der unschönen Form der entblätterten Weiden , die wie abgehauene Stumpfe , oben dicker als unten , an einem Graben standen , von der immer grünen Tannenwand der Berge , von der er sagte , daß sie den Kindern zu Liebe für die Weihnachtszeit grün bliebe . Wie Louis von dieser Äußerung Veranlassung nehmen wollte , nach den Kindern des Pfarrers zu fragen , für den er vicarirte , gab Oleander eine flüchtige Antwort und sah wieder hinaus in die graue Weite . Endlich kam das kleine Gefährt dem Ullagrunde näher , an dessen Einfahrt Ackermann ein Haus bewohnte , das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von Prachtliebe für sich erbaut hatte , aber immer noch nicht bewohnen mochte , weil er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte . Das Bauerhaus war einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen , die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flüßchen der Ullagrund genannt wurde . Das stattliche zweistöckige , massive Haus , das Sandrart an den neuen Pächter des Fürsten vermiethet hatte , lag noch mehr der Ebene zu und höher . Es war umgeben mit Wirthschaftsgebäuden , einem großen Hofe und eingefriedigten Obstgärten . Überall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage , die indessen einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte . Ackermann ' s Wohnhaus lag vom Wege zurückgebaut und wurde erst erreicht , wenn man einen gewaltigen Hof mit Ställen und Scheunen hinter sich hatte . Trotz des Regens , trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschäftigung darbietenden Jahreszeit , war es in diesen Räumen nicht still . Man hörte dreschen , hämmern , sägen . Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachthof die Menschen gemiethet , die er