Was sollte er ! Papa schätzt Raikendorf . Er soll höheren Ortes sehr gut angeschrieben sein . — Geh nun , schlaf , mein Liebchen , damit Du morgen hübsch frisch aussiehst ! Ach , mein Kind , daß ich Dich hergeben soll ! ” Dankbarkeit — tiefe , immer neu in ihrem Herzen quellende Dankbarheit überflutete gleich einem breiten , stillen , sonnenglänzenden Strom die ganze Empfindungswelt des Mädchens . Dankbarkeit war nun ihre Liebe . Retter , Erlöser nannte sie den Mann in ihrer heimlichen Seele . Nicht jauchzendes Hinwerfen ihres Selbst in allgewaltige Flammen — kein Aufglühen zu höchster erhabener Schönheit in trunkener Leidenschaft . . . . . Nein — demütiges Empfangen , bescheiden-emsiges Hegen und Pflegen des Glücksgeschenkes — das war , was sie nun einzig begehrte . Nie — nie wollte sie Raikendorf vergessen , daß er ihr den Abend — die Fülle von freundlichen Hoffnungen gegeben . Ihr ganzes Leben sollte ein Dienen dafür sein . Nicht genug konnte sie sich darin thun , ihn als ihren Herrn zu erhöhen und sich zu erniedrigen . War es möglich , daß es Augenblicke gegeben , in denen sie ihn verachtet — über ihn gehöhnt hatte ? Ihn ? Dem sie heut die Füße hätte küssen wollen , sie mit ihren Thränen baden und mit ihren duftenden Haaren trocknen ? — — In der Frühe , als sie das Wohnzimmer betrat , erinnerte sie sich plötzlich an den Abend , an dem ihr Martin Greffinger die sozialistischen Schriften gegeben hatte , um ihr zu helfen . Du lieber Gott ! Sie mußte wahrhaftig darüber lachen . Was ging das Volk sie wohl an ! Es war ihr ganz gleichgültig ! Eben so gleichgültig , wie es sie gelassen hätte , wenn sämtlichen Fürsten der Erde auf einmal die Köpfe abgeschlagen worden wären . Und wonach sie verlangte — was sie brauchte — was ihr einzig die Welt bedeutete , das sollte sie auf dem Schoße halten dürfen in seiner hilflosen , weichen , entzückenden Kleinheit — ein Kind ! Ein Kind ! — Mein Gott — wenn man ihr gesagt hätte , sie müsse sich von Raikendorf schlagen — mißhandeln lassen , mit diesen Hoffnungen beschäftigt , würde sie lächelnd und zerstreut geantwortet haben : “ Ja — gerne ! ” Ihr Vater saß hinter der Zeitung . Sein Gesicht , als er es flüchtig bei ihrem Morgengruß erhob , war ernst und sorgenvoll . Er antwortete ihr nicht . Agathe ging ihrer Mutter nach . “ Was ist mit Papa ? Freut er sich nicht ? ” Ihre Mutter hatte geweint . “ Liebes Kind , Du kannst nicht von ihm verlangen , daß er Dich gern hergiebt . Du bist doch unser Sonnenschein . Er ist . . . . ich dachte . . . er äußerte sich immer so günstig über Herrn Raikendorf . Nun mit einem Mal . . . aber das wird sich schon geben ! — Weißt Du , Agathe , es ist ihm sehr unangenehm , daß Du die Äußerung über mein Vermögen gethan hast . ” “ Ja aber — ich mußte doch . . . ” “ Ich habe mich nie um die Verwaltung bekümmert . Das versteht Papa ja viel besser . Aber Papa sagt , wir hätten Verluste gehabt . — Laß nur gut sein ! Wir richten uns schon ein . Wir nehmen eine kleinere Wohnung , und wenn Du fort bist , brauchen wir auch nur ein Mädchen . Ich habe es Papa schon vorgerechnet . Dein Glück steht uns doch am höchsten . ” Die Unterredung zwischem dem Regierungsrat und Raikendorf dauerte sehr lange . Agathe konnte einen gereizten Ton in der Stimme ihres Vaters vernehmen . Worte verstand sie nicht . Wieder wurde hinter verschlossenen Thüren über ihr Schicksal verhandelt — wie damals , als die Ärzte berieten , ob sie an einer langwierigen Krankheit zu Grunde gehen oder gesund werden würde . Und man erlaubte ihr nicht , mitzusprechen , zu fragen , das Für und Wieder zu hören . Geduldig mußte sie sitzen , die Hände im Schoß , und warten , was über sie beschlossen wurde . Mein Gott , mein Gott , erbarme Dich doch ! Sie wendete sich nicht an den Heiland — sie fürchtete ihn — er forderte Entsagung und Kreuztragen . Instinktiv drängte es sie zu Gott dem Vater , dem Schöpfer und Erhalter alles Lebens . Immer war ihr , als müsse sie jetzt , wie in jener anderen fürchterlichen Stunde , das befreiende Lachen hören . . . . — Eine Thür wurde geöffnet . Leise , vorsichtig sprachen Papa und Raikendorf miteinander — so dumpf . . . als wäre etwas gestorben . — Ging er . . . ohne zu ihr zu kommen ? Sie hielt sich am Fensterkreuz und starrte auf die Straße . Raikendorf trat aus der Thür , und ohne emporzublicken , ging er langsam fort . “ Mama ! ” schrie Agathe heiser auf , “ geh doch , sieh doch ! ” Ihr Vater kam herein . Als er Agathe ansah , das angstverzerrte kleine Gesicht , winkte er seiner Frau . Er konnte es ihr nicht sagen . Die Mutter fand wohl bessere Worte . Sie mußte ihr ja auch schon früher einmal den ersten Schlag beibringen . “ . . . Du bist ein verständiges Mädchen . . . . Papa hat es uns bisher verschwiegen . . . er meinte , wir würden die Diskretion nicht gewahrt haben — wegen Eugenie . Walter hatte Schulden — gespielt — ehe er sich verlobte . Papa mußte sie bezahlen , sonst . . . . . wegen seiner Stellung . . . . Er hat auch so strenge Ehrbegriffe . Wir haben viel verbraucht — von meinem Vermögen ist nichts mehr da . Er hat mir den Kummer ersparen wollen . . . Mein gutes , verständiges Mädchen . . . . ”