„ Ich wußte , daß wir sie heute noch brauchen würden , deshalb erlaubte ich mir , sie mitzunehmen . Der Mantel hat Sie doch vollkommen geschützt , Signora ? “ Beatrice preßte hastig die Lippen zusammen , als sie mit einem erzwungenen Danke die schützende Hülle zurückgab . Es war ihr schwer genug geworden , sie gerade von der Hand des Capitains anzunehmen , indessen war er der Einzige , der sich im Besitze einer solchen befand , und ihr blieb keine andere Wahl , wollte sie nicht völlig durchnäßt werden . Aber wie alle leidenschaftlichen Naturen war sie dem Spott nicht gewachsen , und diese verhaßte Ritterlichkeit ihres Gegners erlaubte ihr nie , ihm entschieden feindselig gegenüber zu treten , und hielt sie unerbittlich fest in den Grenzen gesellschaftlichen Umgangs . Die Locanda , die abseits von der großen Touristenstraße ziemlich einsam am Strande lag , gehörte nicht zu denen , welche von vornehmeren Gästen frequentirt wurden , und ließ an Reinlichkeit und Bequemlichkeit sehr viel zu wünschen übrig , aber das Wetter und ihr völlig durchweichter Zustand erlaubten den Gästen nicht , wählerisch zu sein . Gab es doch hier einige Räumlichkeiten , die wenigstens den Namen von Gastzimmern führten und auch wirklich bisweilen jungen Malern und umherstreifenden Touristen als Nachtquartier dienten . Beatrice entsetzte sich beim Eintritt , und der Marchese blickte mit stummer Resignation auf diese „ Zimmer “ , die denen seines Mirando allerdings sehr unähnlich waren , der Lord dagegen fand sich besser in das Unvermeidliche , und was die beiden Brüder betraf , so schien Reinhold gegen die Art der Aufnahme sehr gleichgültig und Hugo sehr amüsirt dadurch zu sein . Bei dieser Gelegenheit erfuhr man auch , daß man in der That volle drei Stunden von S. entfernt war , und daß bereits eine Reisegesellschaft hier Zuflucht vor dem Unwetter gesucht hatte . Sie war aber glücklich noch beim Ausbruch desselben und zwar zu Wagen angekommen , hatte also nicht so vom Regen gelitten , wie die eben anlangenden Herrschaften , denen man bereitwillig mit Allem aushalf , was gerade zur Hand war . Eine Viertelstunde später trat Hugo in das allgemeine Gast- und Empfangszimmer und schob sanftmüthig mit dem Fuße einen schwarzen borstigen Gegenstand bei Seite , der sich in bewundernswerther Ungenirtheit gerade vor die Thür gelagert hatte und jetzt ärgerlich grunzend den Platz räumte . „ Diese lieben Thierchen scheinen hier als salonfähig betrachtet zu werden ; bei uns sind sie das höchstens in gebratenem Zustande , “ sagte er ruhig . „ Ich wollte sehen , wo Du bleibst , Reinhold . Aber mein Gott , Du bist ja noch immer in dem nassen Anzuge , Warum hast Du Dich nicht umgekleidet ? “ Reinhold , der am Fenster stand und auf das Meer hinausblickte , wandte sich um und warf einen zerstreuten Blick auf seinen Bruder , der bereits , wie die übrigen Herren , von den in aller Eile herbeigeschafften Sonntagskleidern des Padrone und seiner Söhne Gebrauch gemacht hatte . [ 525 ] „ Umkleiden ? Ja so , das hatte ich vergessen . “ „ So thue es jetzt ! “ drängte Hugo . „ Willst Du denn Deine Gesundheit durchaus zu Grunde richten ? “ Reinhold wehrte ihn ungeduldig ab . „ Laß doch ! Welch ein Aufheben um einen Gewitterregen ! “ „ Nun , der Gewitterregen hätte um ein Haar verhängnißvoll für uns werden können , “ meinte der Capitain . „ Uebrigens kann ich als Pilot meiner Schiffsbesatzung das Zeugniß geben , daß sie sich tapfer gehalten hat , mit alleiniger Ausnahme Donna Beatricens . Sie machte von dem Rechte einer Dame , uns erst in Gefahr zu bringen und sie uns dann noch zehnfach zu erschweren , einen etwas ausgedehnten Gebrauch . “ „ Dafür hast Du ja auch den Triumph , daß sie Dir ihr Leben verdankt , wie wir Alle , “ warf Reinhold gleichgültig hin . Hugo fixirte den Bruder scharf . „ Was Du für Deine Person sehr wenig zu gelten scheint . “ „ Mir – warum ? “ Er wartete die Antwort nicht ab , sondern wandte sich wieder dem Fenster zu , aber Hugo war bereits an seiner Seite und legte den Arm um seine Schulter . „ Was hast Du , Reinhold ? “ fragte er wieder mit dem Tone jener alten Zärtlichkeit , mit der er einst den jüngeren Bruder umfaßte , den er im Hause der Verwandten unterdrückt und gequält wußte , und die jetzt so selten unter ihnen geworden war . Reinhold schwieg . „ Ich hoffte , Du würdest hier endlich die Ruhe finden , die Du so leidenschaftlich suchtest , “ fuhr der Capitain ernster fort , „ statt dessen stürmst Du ärger als je seit den letzten acht Tagen . Wir sind kaum mehr als dem Namen nach die Gäste des Marchese . Du reißest ihn und uns alle mit hinein in diesen ewigen Wechsel von Zerstreuungen und Ausflügen . Das geht vom Schiffe in den Wagen , und vom Wagen auf das Maulthier , als ob Dir jede Minute des Ausruhens oder Alleinseins zur Qual würde , und sind wir erst mitten in dem Wirbel , so bist Du oft genug der steinerne Gast in unserer Mitte . Was ist vorgegangen ? “ Reinhold wand sich , nicht heftig aber entschieden , aus seinen Armen . „ Das – kann ich Dir nicht sagen . “ „ Reinhold – “ „ Laß mich – ich bitte Dich ! “ Der Capitain trat zurück ; er sah , daß die Abweisung nicht einer Laune entsprang ; der matte gepreßte Ton verrieth zu sehr den verhaltenen Schmerz , aber er wußte bereits , daß von seinem Bruder in solcher Stimmung nichts zu erreichen war . „ Das Gewitter scheint vorüber zu sein , “ sagte er nach einer kurzen Pause , „ an die Rückkehr aber wird wohl vorläufig noch nicht zu denken sein . Auf das