so lange nicht gehörten Klange blickte Fernow in das Gesicht seines früheren Dieners , es war auffallend blaß , und es lag eine seltsame Ruhe in den sonst ausdruckslosen Zügen . „ Herr Professor , “ es war ein Ton flehender Angst in der Frage , „ Müssen Sie denn wirklich ganz allein gehen ? Können Sie mich nicht mitnehmen ? Durchaus nicht ? " „ Nein , ich kann nicht ! “ sagte Walther ernst . „ Was fällt Dir denn auf einmal ein , Friedrich ? Du hast ja Dienst heute Nacht , und ich sollte meinen , die Aengstlichkeit hätten wir uns während des Krieges nachgerade abgewöhnt . “ Friedrich athmete schwer auf . „ Ich weiß nicht , mir ist aber auch während des ganzen Krieges nicht zu Muthe gewesen , wie gerade jetzt . Vorhin spürte ich noch nichts davon , aber jetzt , wo Sie gehen wollen , überläuft es mich auf einmal eiskalt . Herr Professor ! “ brach er plötzlich verzweiflungsvoll aus , „ ich sehe Sie ganz gewiß nicht wieder ! “ Walther blickte schweigend auf ihn hin . Seltsam ! Auch diese robuste urgesunde Natur , die sonst geistigen Einsfüssen wenig oder gar nicht zugänglich war , unterlag in diesem Moment einer Ahnung . War es die Liebe zu seinem Herrn , die ihm diesen Instinkt gab ? Dieser hütete sich wohl , irgend eine Weichheit zu zeigen , er wußte , daß das geringste Zeichen davon den riesenhaften Soldaten vor ihm um alle Fassung bringen und ihn zum schluchzenden Kinde machen würde . „ Du bist nicht gescheidt ! " sagte er halb unwillig und halb mit einem Versuche zu lachen . „ Ist es denn das erste Mal , daß ich einer Gefahr entgegengehe ? Schäme Dich , Friedrich , ich glaube gar , Du weinst ! “ Friedrich antwortete nicht , aber er hielt die hellblauen Augen fest und unverwandt auf das Antlitz seines Herrn gerichtet , er sah mit einer in diesem Augenblick wunderbar geschärften Beobachtungsgabe , daß dessen Blick nicht mit seinen Worten übereinstimmte , er sah den Abschied darin , und fort war auf einmal alle Subordination , all die militärische Gewohnheit , die er monatelang so gewissenhaft beobachtet , er sah nur noch seinen Professor vor sich , den er so oft in all den Krankheiten gepflegt , den er behütet und bewahrt , wie eine Mutter ihr Kind , der ihm Zweck und Inhalt seines ganzen Lebens war . Er schluchzte laut auf , und ein Thränenstrom stürzte aus seinen Augen . „ Herr Professor , “ rief er schmerzlich , „ wollte Gott , ich würde statt Ihrer niedergeschossen ! Es giebt ein Unglück heute Nacht , ich weiß es ! Einer von uns fällt gewiß ! “ Walther lächelte traurig und sanft , er wußte , wer dieser Eine war , aber die rührende Anhänglichkeit des Burschen erzwang sich in der Abschiedsstunde ihr Recht , Er vergaß jetzt auch alles Andere , nur die langen Nächte der Krankheit nicht , in denen Friedrich an seinem Bette gesessen , mit einer Treue und Hingebung , die sich nicht bezahlen und nicht vergelten ließ , und — in solchem Augenblick fallen wohl auch höhere Schranken und füllt sich eine weitere Kluft aus – der Offizier legte einen Moment lang leise seinen Arm um die Schulter des Dieners und drückte warm und innig dessen Hand . „ Gute Nacht , Friedrich ! “ sagte er weich . „ Was auch kommen mag , für Dich ist gesorgt , Doctor Stephan hat die betreffenden Papiere in Händen . – Und nun “ – er richtete sich schnell empor , „ laß mich gehen , ich muß fort ! “ Friedrich gehorchte , er ließ zögernd die Hand los , die er mit seinen beiden fest umschlossen hielt , und trat zurück . Walther winkte ihm noch einmal zum Abschiede und verließ dann rasch das Zimmer . Mit gesenktem Haupte schlich der arme Bursche zum Fenster , er sah die in den Mantel gehüllte Gestalt über die vom Monde hell beschienene Terrasse schreiten , er hörte den Schritt sich weiter und weiter entfernen , endlich ganz verhallen , und die bitteren Thränen stürzten ihm auf ' s Neue aus den Augen , er fühlte es mit unumstößlicher Gewißheit , er hatte seinen Herrn zum letzten Male gesehen . „ Machen Sie auf , Jane ! Weisen Sie mich nicht wieder unter irgend einem Vorwande zurück , es handelt sich um eine Angelegenheit von der äußerstem Wichtigkeit , ich muß Sie jetzt sprechen ! “ Mit diesen Worten klopfte Atkins energisch an Jane ' s Zimmer und erzwang sich damit in der That den Eintritt . Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Thür geöffnet , Es brannte auch hier Licht , und Jane war noch völlig angekleidet , ein Blick auf das Bett zeigte es noch unberührt , sie hatte wohl nicht an Schlafen gedacht . Sie trat ihm entgegen , mit einer düsterem Frage im Antlitz , die Augen waren wach und geröthet vor innerer Aufregung , aber Spuren vergossener Thränen zeigten sie nicht , Jane kannte nicht das Weinen , den so oft einzigen und unersetzlichen Trost des Weibes , sie hatte es verlernt seit ihren Kinderjahren . Das Schluchzen , mit dem sie einst am Sterbebette ihres Vaters zusammenbrach , mit dem vorhin ihre Kraft erlag , es kam über sie wild und heftig wie ein Krampf , aber thränenlos , ihre starre eiserne Natur kannte nicht einmal dies Zeichen von Weichheit , sie trug Alles , wie sie es den Vater hatte tragen sehen , wie ein Mann . Atkins ließ ihr keine Zeit , die Frage auszusprechen die aus ihren Lippen schwebte . „ Es gilt eine Gefahr ! “ sagte er hastig , „ Ich dachte sie hinauszuschieben , abzuwenden , aber sie erweist sich stärker , als ich geglaubt . Meine Macht ist zu Ende , jetzt müssen Sie