freilich nicht wissen konnte , daß es nur der der alten Magd war , scheuchte sie rasch in ’ s Freie an den wenigen Häusern vorüber , bis zum Ausgange des Dorfes . [ 169 ] Erst am Ausgange des Dorfes hielt Lucie in der halb unwillkürlichen Flucht inne , wußte sie doch selbst kaum , wovor sie eigentlich floh , oder wollte es sich vielmehr nicht eingestehen ; aber die bloße Vorstellung schon , daß die scharfen Augen Franziska ’ s und die des Pfarrers auf ihr ruhen würden , wenn die Thür sich öffnete und jene hohe finstere Gestalt eintrat , drohte sie um alle Fassung zu bringen . Der bloße Gedanke an die Nähe dieses Mannes weckte Alles wieder auf , was im Laufe der letzten Monate eingeschlummert war , so daß sie nur noch bisweilen , wie an einen schweren , ängstlichen Traum daran zurückdachte , die räthselhafte Angst , das quälende Weh , den ganzen finsteren Bann , der sie bereits wieder magnetisch umfing . Sie wollte diesem Banne entfliehen und ahnte nicht , daß sie eben dadurch erst in den gefürchteten Zauberkreis eintrat , daß die Gefahr , die sie hinter sich wähnte , vor ihr lag . Am Fahrwege angelangt überblickte Lucie vergeblich die ihr sichtbaren Windungen desselben , weder Bernhard , noch der Kutscher mit den Pferden war zu entdecken . Sie beschloß , dem Bruder ein Stück entgegenzugehen , verfehlen konnte sie ihn ja hier nicht und es lag ihr vor allen Dingen daran , dem Pfarrhause so lange als möglich fern zu bleiben . Das junge Mädchen war schon einige Minuten lang bergabwärts gestiegen ; der Weg , der Fräulein Reich so viele Mühe gekostet , machte ihren leichten Füßen nicht die geringste Beschwerde , als sie auf einmal Schritte hinter sich vernahm . Sie wandte sich um und blieb einen Moment lang in zitterndem Schreck stehen , aber auch nur einen Moment , da entdeckte sie bereits , daß es blonde Haare seien , die auf den dunklen Mantelkragen des Fremden herabfielen , der in diesem Augenblick , schon aus der Ferne grüßend , den Hut zog . Lucie athmete tief auf . Graf Rhaneck ! Sie hatte ihn , durch Gang und Haltung getäuscht , für einen – Anderen gehalten , es war seltsam , wie er in Beidem diesem Anderen glich . Mit wenigen raschen Schritten war Ottfried an ihrer Seite . „ Das sind in der That halsbrechende Bergpartien hier oben ! Wer doch auch Ihren Elfenfuß hätte , mein Fräulein , der so leicht über diese Steine hinweggleitet , wie über eine bethaute Wiese . Wir armen Sterblichen haben es nicht so gut wie die Elfen , uns hält die nasse Erde unerbittlich fest , und wahrlich , nur die Hoffnung , ein solches Feenkind zu erreichen , konnte mich veranlassen , Ihnen auf diesem entsetzlichen Wege zu folgen . “ Mit dieser kecken Galanterie schloß er sich ihr ohne Weiteres an und blieb , als habe er ein Recht dazu , dicht neben ihr . Lucie wich unwillkürlich etwas seitwärts , so daß der Raum zwischen ihnen weiter ward . „ Mich erreichen ? “ fragte sie ziemlich kühl . „ Wußten Sie denn überhaupt , daß ich hier sei ? “ Der Graf lächelte . „ Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde , Sie traten soeben mit ihrer Begleiterin in ’ s Pfarrhaus , als wir nach dem Dorfe zurückkehrten . Schon hatte ich alle Hoffnung aufgegeben , Sie zu sprechen , als mir der Zufall unerwartet sich so hold erwies . “ Er hätte hinzufügen können , daß er sich in der Nähe Franziska ’ s , die er in gleicher Weise wie Bernhard , aber mit größerem Rechte den „ Cerberus “ nannte , nicht an sie gewagt , dagegen den ersten besten Vorwand erfunden hatte , seinen Vater zu bestimmen , allein vorauszufahren , und ihn noch einige Stunden in N. zu lassen , aber er unterließ wohlweislich diese Auseinandersetzungen und begehrte statt dessen , zu wissen , welchem Zufall er das Glück verdanke , Fräulein Günther hier zu sehen . Lucie erzählte , etwas einsilbig und zurückgehalten , daß sie von A. kämen , welcher Unfall sie betroffen und daß sie im Begriff stehe , ihren Bruder aufzusuchen , der wahrscheinlich noch drunten im Thale sei . Bei der Erwähnung Bernhard ’ s verfinsterten sich die Züge des Grafen auffallend , und er warf höhnisch die Lippen auf . „ In Bezug auf Herrn Günther erlauben Sie mir wohl eine Frage , mein Fräulein . Ihr Herr Bruder hat mich vor einiger Zeit mit einem Briefe beehrt , der – darf ich fragen , ob Sie überhaupt davon unterrichtet sind ? “ „ Ich ? Nein ! “ Lucie sah ihn verwundert an ; sie begriff nicht , wie Bernhard , der sich bei jeder Gelegenheit so eingenommen gegen den Grafen zeigte , dazu kam , an ihn zu schreiben . Ottfried lächelte wieder , diesmal aber mit dem Ausdrucke tiefster Befriedigung . „ Ich ahnte es ! Dann fällt die Sache natürlich nicht auf Sie , und ich will Sie nicht weiter damit behelligen , obgleich ich allen Grund hätte , die Grausamkeit anzuklagen , die mir Ihren Anblick Monate lang entzog ! O mein Fräulein – “ Er war jetzt völlig wieder in dem alten Fahrwasser und ließ auf ’ s Neue alle jene Künste der Schmeichelei und Galanterie spielen , mit denen er einst auf dem Balle das sechszehnjährige [ 170 ] Mädchen bezaubert hatte . Aber seltsam , das einst so bewährte Mittel wollte nicht mehr wirken , seit damals im Walde eine fremde Hand das Netz zerrissen , das er mit seinen Schmeichelworten um das Herz des unerfahrenen Kindes gewoben , seit diese Hand sich so ernst gebietend auf ihren Arm gelegt und sie weggerissen hatte aus der gefährlichen Nähe . Vielleicht war es auch eine unbewußte Vergleichung , bei der Ottfried